Es zeigt sich: Eine der günstigsten Methoden, den Notendurchschnitt (GPA) von Studierenden zu verbessern, könnte schlicht darin bestehen, sie pünktlich ins Bett zu bekommen.
In einem grossen Feldexperiment erhielten Studierende an einer Universität kleine Geldbeträge, wenn sie ein Schlafziel von sieben Stunden erreichten. Am Ende des Semesters schliefen diese Studierenden nicht nur besser.
Sie erzielten auch spürbar bessere Noten – ein Befund, der der verbreiteten Annahme widerspricht, akademische Leistung hänge vor allem davon ab, mehr zu lernen oder im Hörsaal zusätzliche Unterstützung zu bekommen.
Die Untersuchung unter Leitung von Osea Giuntella an der University of Pittsburgh liefert erstmals kausale Evidenz dafür, dass besserer Schlaf die Studienleistung direkt steigern kann.
Frühere Arbeiten hatten zwar bereits einen Zusammenhang zwischen Schlaf und Noten gezeigt, konnten aber nicht klären, ob besserer Schlaf tatsächlich die Ursache ist.
Studierende schlafen im Schnitt zu wenig
Die mehr als 1,100 Studierenden, die an der Studie teilnahmen, starteten bereits mit einem deutlichen Schlafdefizit.
Im Durchschnitt kamen sie auf nur 6.6 Stunden pro Nacht. Lediglich 43 Prozent erreichten an Werktagen die empfohlene Mindestdauer von sieben Stunden, und mehr als 85 Prozent verfehlten diese Marke in jeder Woche an mindestens einer Schulnacht.
Rund die Hälfte ging im Schnitt erst nach 1 Uhr schlafen. Jede vierte Person legte sich regelmässig sogar erst nach 2 Uhr hin.
Solche Werte zeigen: Es ging nicht um ein paar chronisch übermüdete Ausnahmen – schlechter Schlaf war in dieser Gruppe praktisch der Normalzustand.
Schlaf mit Anreizen testen
Um zu prüfen, ob sich besserer Schlaf gezielt herbeiführen lässt, kombinierten die Forschenden objektives Schlaftracking über Fitbits mit einer eigens entwickelten Smartphone-App.
Die App erinnerte an die Schlafenszeit, gab unmittelbares Feedback und zahlte digitale Geldprämien sofort aus, sobald Studierende ihre Ziele erreichten.
Ausserdem konnten die Forschenden damit nachvollziehen, wie intensiv die Teilnehmenden das System nutzten und wie zuverlässig sie synchronisierten – und so testen, welche Mischung aus Nudges, Feedback und Anreizen sowohl den kurzfristigen Schlaf als auch längerfristige Gewohnheiten tatsächlich verbesserte.
Zusätzlich beantworteten die Teilnehmenden wöchentlich Umfragen zu Zeitnutzung, psychischer Gesundheit und kognitiver Leistungsfähigkeit, darunter Tests zu Kreativität und quantitativem Problemlösen.
Dadurch erhielt das Team ein ungewöhnlich detailliertes Bild davon, wie Veränderungen im Schlaf in Tagesabläufe, Stressniveau und akademische Leistung hineinwirkten.
Das Projekt knüpft an Arbeiten der Behavioral Economics Design Initiative sowie des Pittsburgh Experimental Economics Laboratory an.
Beide Forschungsgruppen untersuchen, wie sich Erkenntnisse der Verhaltenswissenschaft auf praktische Herausforderungen in Gesundheit, Bildung und Technologie übertragen lassen.
Mehr Schlaf steigerte die akademische Leistung
Studierende, die per Zufall der Anreizgruppe zugeteilt wurden, bekamen personalisierte Erinnerungen zur Schlafenszeit, Rückmeldungen am Morgen und etwa $4.75 pro Nacht, wenn sieben Stunden verifizierter Schlaf erreicht wurden.
Der Effekt stellte sich sofort ein: Der Anteil der Nächte mit sieben oder mehr Stunden Schlaf stieg um 26 Prozent; im Schnitt kamen unter der Woche etwa 19 Minuten Schlaf pro Nacht hinzu.
Selbst nachdem die Geldanreize ausliefen, blieben kleinere, aber anhaltende Verbesserungen von rund acht Minuten pro Nacht bestehen.
Dieser zusätzliche Schlaf zahlte sich akademisch aus. Die Studierenden in der Anreizgruppe lagen in diesem Semester um 0.075 bis 0.089 Notenpunkte höher, was einer Verbesserung von 0.10 bis 0.11 Standardabweichungen entspricht.
Zur Einordnung: Die Schlafintervention brachte ungefähr den doppelten akademischen Nutzen traditioneller Anreizprogramme innerhalb der Studienfinanzierung – bei Kosten von weniger als einem Viertel.
Wer am stärksten profitierte
Die Wirkungen verteilten sich nicht gleichmässig über alle Studierenden.
Am deutlichsten verbesserten sich Erstsemester, die erstmals eigenständig ihren Tagesablauf organisieren mussten – sowohl beim Schlaf als auch bei den Noten.
Die grössten akademischen Zuwächse zeigten sich in STEM-Kursen sowie in Lehrveranstaltungen, die rund um die Mittagszeit stattfanden.
Das deutet darauf hin, dass ausgeruhte Studierende gerade in den geistig anspruchsvollsten Phasen ihres Tages einen echten Vorteil haben.
Weniger Bildschirmzeit, stabilere Routinen
Neben den Noten veränderte das Programm auch, wie Studierende ihre Zeit tatsächlich nutzten.
Die Schlafzeiten wurden regelmässiger, und die Nutzung von Bildschirmen in der Nacht – ob Videos schauen oder Online-Scrollen – ging zurück.
Die gesamte Lernzeit blieb zwar gleich, doch ein Teil davon wanderte aus dem späten Abend in den Morgen.
Bei körperlicher Aktivität oder den mentalen Gesundheitswerten zum Semesterende zeigte die Intervention keinen messbaren Effekt.
Trotzdem gaben Teilnehmende an, sich während der Behandlungsphase besser in der Lage zu fühlen, mit Stress umzugehen – ein Ergebnis, das zu dem passt, was konsistenter, besserer Schlaf bei Menschen generell bewirken kann.
Ein übersehener akademischer Vorteil
Universitäten investieren viel Geld in Tutorien, Initiativen zur Studienfinanzierung und akademische Unterstützungsangebote, um die Ergebnisse von Studierenden zu verbessern.
Solche Massnahmen sind oft teuer, und ihr Effekt lässt sich nicht immer leicht quantifizieren.
Die Studie legt nahe, dass eine der wirksamsten Stellschrauben für bessere Studienleistungen die ganze Zeit im Schlafzimmer der Studierenden lag.
Weitgehend blieb das unbeachtet, weil es selten als akademisches Problem betrachtet wurde.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass es die akademische Leistung genauso effektiv steigern kann, Studierenden zu helfen, mehr – und besser – zu schlafen, wie traditionelle akademische Interventionen, jedoch zu einem Bruchteil der Kosten“, sagte Giuntella.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen