Dein Körper wirkt vielleicht gerade still und unbemerkt im Hintergrund – dennoch ist er zu jedem Zeitpunkt damit beschäftigt, die Nahrung zu verarbeiten, die du zuletzt gegessen hast.
Die Pizza von gestern Abend zum Beispiel: Aus ihr werden Nährstoffe herausgelöst, die deinem Körper als Energie dienen. Alles, was sich nicht verwerten lässt, wird nach und nach zu Stuhl umgebaut – also zu Abfall, der den Körper wieder verlässt.
Wie lange dieser Weg durch den Verdauungstrakt dauert, unterscheidet sich stark von Mensch zu Mensch. Und dieser Zeitfaktor ist womöglich wichtiger, als viele annehmen.
Darm-Transitzeit: Ein unterschätzter Taktgeber im Verdauungssystem
Forschungsarbeiten deuten darauf hin, dass die Dauer der sogenannten Darm-Transitzeit („gut transit time“) spürbare Folgen für die Gesundheit haben kann.
In einer 2023 in Gut veröffentlichten Arbeit sichtete ein Forschungsteam aus Dänemark und Belgien die wissenschaftliche Literatur zur Darm-Transitzeit. Dabei kamen die Autorinnen und Autoren zu dem Schluss, dass dieser Faktor bislang viel zu selten beachtet wird – obwohl er die Zusammensetzung des Darmmikrobioms (gut microbiome) maßgeblich mitbestimmen kann und damit potenziell auch Gesundheit und Krankheitsrisiken beeinflusst.
„Zunehmende Evidenz zeigt, dass die Darm-Transitzeit ein Schlüsselfaktor ist, der Zusammensetzung und Aktivität der Darmmikrobiota prägt – und diese stehen in Verbindung mit der menschlichen Gesundheit“, erläuterten die Forschenden in ihrer Übersichtsarbeit. Geleitet wurde der Review vom Seniorautor und Mikrobiomforscher Henrik Roager von der Universität Kopenhagen.
„Sowohl bevölkerungsweite als auch kleinere Studien haben die Transitzeit als eine der wichtigsten Kovariablen identifiziert, die zur großen interindividuellen Variation in der fäkalen Mikrobiota-Zusammensetzung (fecal microbiota composition) beiträgt. Trotzdem wird die Transitzeit im Bereich des menschlichen Darmmikrobioms noch immer selten berücksichtigt.“
Was die Darm-Transitzeit beeinflusst
Für ihren Review wertete das Team Dutzende veröffentlichte Studien aus. Daraus ergibt sich, dass die Transitzeit von vielen Einflüssen abhängen kann.
Eine Rolle spielt unter anderem, wie Menschen sich ernähren – und welche Bestandteile in den Lebensmitteln stecken. Daneben wirken sich auch biologische Faktoren aus: Das Geschlecht ist relevant (bei Männern ist die Darm-Transitzeit im Allgemeinen kürzer), ebenso das Alter (bei älteren Menschen dauert der Transit meist länger).
Auch Lebensstil und individuelle Voraussetzungen werden als Einflussgrößen genannt: körperliche Aktivität, Stress, Medikamente und genetische Faktoren. Zudem kann die Transitzeit nicht nur zwischen Personen, sondern auch innerhalb derselben Person variieren.
Nach Einschätzung der Forschenden können sich solche Unterschiede aufsummieren. Das könnte Bedingungen schaffen, unter denen dauerhaft verlängerte oder dauerhaft verkürzte Transitzeiten Folgewirkungen für die Gesundheit nach sich ziehen.
Mögliche Folgen für Darmkrankheiten und darüber hinaus
Im Zusammenhang mit Magen-Darm-Erkrankungen verweisen die Autorinnen und Autoren darauf, dass eine langsame Passage zu einer bakteriellen Überwucherung des Dünndarms führen kann. Das kommt häufig bei Patientinnen und Patienten mit Reizdarmsyndrom (IBS) vor – und könnte laut dem Team mit der Transitzeit verknüpft sein.
Auch entzündliche Darmerkrankungen (IBD), die häufig mit Durchfall und/oder Verstopfung einhergehen, könnten durch die Transitzeit mit beeinflusst werden.
„Sowohl Verstopfung als auch IBD sind Risikofaktoren für die Entstehung von Darmkrebs, der weltweit die dritthäufigste Ursache für Krebs ist“, schreiben die Forschenden.
„Darmkrebs ist – neben anderen Lebensstilfaktoren – mit westlich geprägten Ernährungsweisen (Western-type diets) und einer verlängerten Darm-Transitzeit assoziiert; beides kann zu einem veränderten Pool an Gallensäuren führen.“
Die möglichen Auswirkungen, so das Team, beschränken sich nicht zwingend auf den Darm. Sie weisen darauf hin, dass Verstopfung und veränderte Stuhlgewohnheiten ebenfalls mit neurologischen Erkrankungen in Verbindung gebracht werden, darunter Parkinson, Alzheimer und Multiple Sklerose.
Warum eine langsamere Passage problematisch sein könnte
Viele der zugrunde liegenden Ursache-Wirkungs-Mechanismen sind nach Darstellung der Forschenden bislang hypothetisch. Als plausibles Szenario nennen sie jedoch: Wenn die Transitzeit zu langsam ist, könnten Darmmikroben ihre Kohlenhydratquellen schneller aufbrauchen. Das kann dazu führen, dass potenziell schädliche Substanzen vermehrt entstehen, während gleichzeitig weniger nützliche kurzkettige Fettsäuren produziert werden.
Der kolorektale Chirurg Ketan Thanki vom Long Beach Medical Center in Kalifornien, der nicht an der Studie beteiligt war, erklärte dazu gegenüber Healthline: „Wenn sich der Transit verlangsamt, sind fermentierbare Kohlenhydrate erschöpft, bevor der Stuhl den distalen Dickdarm erreicht, und Bakterien wechseln von der Fermentation von Kohlenhydraten zu gesundheitsförderlichen kurzkettigen Fettsäuren hin zur Fermentation von Proteinen.“
„Dabei entstehen Metabolite – Ammoniak, Schwefelwasserstoff, Phenole, Indole und verzweigtkettige Fettsäuren –, die direkt toxisch für Kolonozyten sind, die DNA der Kolonozyten schädigen, krebsauslösende Mutationen verursachen und eine durchlässige Darmbarriere fördern, wodurch systemische Entzündungen begünstigt werden.“
Die Arbeit liefert jedoch keine endgültige Antwort darauf, warum lange oder kurze Transitzeiten grundsätzlich gut oder schlecht sein sollten. Stattdessen machen die Autorinnen und Autoren deutlich, dass die Forschung die Tragweite dieses Faktors für Gesundheit und Krankheit noch nicht umfassend erfasst hat – und dass hier ein wichtiges Feld für zukünftige Untersuchungen liegt.
„Wenn wir Messungen der Darm-Transitzeit in darmmikrobiombezogene Studien einbeziehen, können wir unser Verständnis der Zusammenhänge zwischen Darmmikrobiom, Ernährung und Krankheit vertiefen“, folgern die Forschenden.
„Solche Erkenntnisse könnten entscheidend sein für Prävention, Diagnose und Behandlung mehrerer Erkrankungen im Darm und darüber hinaus – über die gesamte Lebensspanne hinweg.“
Die Ergebnisse wurden in Gut berichtet.
Dieser Artikel wurde von Clare Watson auf Fakten geprüft und von Clare Watson redigiert. Auch wenn wir großen Wert auf unsere Abläufe legen, sind wir nur Menschen. Wenn Ihnen ein Fehler auffällt, geben Sie uns bitte Bescheid.
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