Vor 5.500 Jahren bestatteten Familien von Jägern und Sammlern an den Ufern eines sibirischen Flusses Kinder und nahe Verwandte – ohne zu ahnen, dass ausgerechnet ihre Zähne die Ursache der Tragödie über Jahrtausende bewahren würden. Eine in Nature veröffentlichte Studie fand in diesen Überresten die bislang ältesten bekannten Hinweise auf tödliche Pest-Ausbrüche.
Was wurde in den Gräberfeldern Sibiriens entdeckt?
Forschende untersuchten die sterblichen Überreste von 46 Menschen, die auf vier Friedhöfen nahe dem Fluss Angara beerdigt worden waren, der im Baikalsee entspringt. In 18 Fällen ließ sich DNA des Pest-Erregers Yersinia pestis nachweisen. Eine Nachweisrate von 39% gilt für ein derart altes archäologisches Kollektiv als außergewöhnlich hoch.
Die im Juni 2026 publizierte Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die Todesfälle in zwei zeitlich getrennten Wellen auftraten, zwischen denen mehrere Jahrhunderte lagen. Der erste Ausbruch setzte vor rund 5.500 Jahren ein und betraf verschiedene Gemeinschaften der Region. Nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren ist dies der bislang überzeugendste Befund dafür, dass frühe Formen der Pest rasche und massenhafte Todesfälle auslösen konnten.
Warum waren so viele Opfer Kinder?
Seit den 1990er-Jahren gaben die Friedhöfe der Archäologie Rätsel auf, weil dort ungewöhnlich viele Kinder und Jugendliche in einem kurzen Zeitraum bestattet wurden. Viele der Toten waren zwischen 8 und 11 Jahre alt. Spuren von Gewalt oder Verletzungen, die den nahezu gleichzeitigen Tod so vieler junger Mitglieder der Gemeinschaften erklären würden, fehlten.
Der bakterielle DNA-Nachweis liefert nun eine mögliche Spur: Die alten Stämme trugen eine Variante des Gens ypm, das mit der Bildung eines Superantigens verbunden ist, das besonders heftige Immunreaktionen auslösen kann. Die Forschenden halten es für denkbar, dass dieser Mechanismus Infektionen verschlimmerte – sie betonen jedoch, dass damit eine erhöhte Kindersterblichkeit nicht allein erklärt sei.
Wie machte altes DNA-Material die Ausbrüche sichtbar?
Das Team gewann genetisches Material aus Zähnen, die Fragmente von Mikroorganismen konservieren können, die zum Todeszeitpunkt im Blut vorhanden waren. Anschließend verknüpften die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Befunde mit Radiokarbondatierungen, Merkmalen der Bestattungen und Verwandtschaftsanalysen. Diese Kombination ermöglichte es, zu rekonstruieren, wer starb, wann die Betroffenen lebten und welche Opfer zur selben Familie gehörten.
- Achtzehn Individuen wiesen DNA von Yersinia pestis auf.
- Vier Friedhöfe enthielten Opfer, die den Ausbrüchen zugeordnet wurden.
- Zwei Phasen der Infektion wurden über mehrere Jahrhunderte hinweg erkannt.
- Nahe Verwandte wurden in einigen Gräbern gemeinsam beigesetzt.
- Kinder gehörten auf den größten Friedhöfen zu den häufigsten Opfern.
In einem Grab lagen drei junge Mädchen, die eng miteinander verwandt waren. Ein anderes enthielt eine Tante und ihren Neffen – beide infiziert. Für Ruairidh Macleod, Erstautor der Studie, sprechen solche Bestattungen dafür, dass Überlebende die Identität und die Beziehungen der Verstorbenen kannten und Familienbande selbst während einer tödlichen Krise bewahrten.
Entstand die Pest schon vor Städten und Landwirtschaft?
Lange Zeit wurden Epidemien mit besonders großer Wirkung vor allem mit Stadtwachstum, Tierhaltung und dem Bevölkerungsanstieg nach der Entwicklung der Landwirtschaft verknüpft. Die neuen Ergebnisse stellen diese gängige Erklärung infrage, weil sie zeigen, dass auch kleine, mobile Gruppen, die von Jagd und Sammeln lebten, verheerende Ausbrüche erleben konnten.
Die nachgewiesenen Stämme besaßen nicht das Gen, das dem Bakterium ein effizientes Überleben im Verdauungssystem von Flöhen ermöglicht – ein Merkmal, das für die spätere Beulenpest wichtig ist. Daher vermuten die Forschenden, dass die Krankheit eher eine Form angenommen haben könnte, die der Lungenpest ähnelt, mit möglicher direkter Übertragung zwischen Menschen nach einem initialen Kontakt mit infizierten Tieren.
Was verändert diese Entdeckung für die Geschichte der Pest?
Die Autorinnen und Autoren halten es für möglich, dass wilde Murmeltiere in der Region um den Baikalsee als Reservoir für das Bakterium dienten. Diese Tiere sind auch heute noch mit Pestherden in Asien verbunden. Der Befund stützt die Annahme eines Ursprungs in Zentralasien oder im nordöstlichen Asien, bevor sich verschiedene Linien des Erregers über den Kontinent verbreiteten.
Über die zeitliche Vorverlagerung der Krankheitsgeschichte hinaus gibt die Studie den vor Jahrtausenden bestatteten Familien eine Erklärung zurück. Die Evolution der Pest nachzuvollziehen hilft zu verstehen, wie Krankheitserreger Artgrenzen überschreiten und sich über die Zeit verändern. Solche Spuren zu sichern und zu untersuchen ist inzwischen besonders wichtig – denn jeder alte Zahn kann zeigen, wie Epidemien lange vor den großen Städten begannen.
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