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Wie Gluten bei Zöliakie das Immunsystem im Dünndarm alarmiert

Person hält ein Stück Brot, darüber leuchtende Darstellung des menschlichen Darms und Darmbakterien.

Zöliakie ist eine schwere, lebenslange Erkrankung: Immer dann, wenn das Protein Gluten verdaut wird, richtet sich das Immunsystem gegen den Dünndarm. Für Betroffene sind Weizen, Gerste und Roggen daher tabu.

Ohne eine konsequente Kontrolle der Ernährung können Menschen mit Zöliakie – etwa 1 von 100 – schon durch „falsche“ Lebensmittel unter anderem Blähungen, Schmerzen, Durchfall, Verstopfung oder Erbrechen bekommen.

Was Zöliakie auslöst: Gene und weitere Verstärker

Dass die Veranlagung eine Rolle spielt, gilt als gesichert: Bestimmte Genvarianten erhöhen das Risiko, eine Zöliakie zu entwickeln. Weniger eindeutig ist jedoch, wie genau das laute „Alarmsignal“ im Immunsystem letztlich in Gewebeschäden mündet.

In einem umfassenden Review in Frontiers in Immunologie haben Forschende der Universität Rom Tor Vergata Ergebnisse aus mehr als 100 früheren Studien zusammengeführt. Ziel war es, die Kettenreaktion der Zöliakie breiter zu erfassen – und damit besser zu verstehen, wie sie abläuft und wie sie sich womöglich gezielter behandeln lässt.

„Wir fassen hier die verfügbare Evidenz zusammen, die die Rolle von Immunzellen bei Zöliakie-assoziierten Gewebeschäden stützt, und diskutieren die grundlegenden Mechanismen, durch die diese zerstörerische Immunantwort verstärkt wird“, schreiben die Forschenden in ihrer Veröffentlichung.

Diese Betonung der „Verstärkung“ ist zentral: Nicht jede Person mit genetischer Prädisposition erkrankt tatsächlich an Zöliakie. Folglich müssen zusätzliche Einflussgrössen – gewissermassen Verstärker – beteiligt sein.

Als ein gut belegter Faktor gilt eine Störung des empfindlichen Gleichgewichts der Darmbakterien. Das Immunsystem muss gefährliche Bedrohungen abwehren, darf dabei aber nicht so stark „überreagieren“, dass gesundes Gewebe in Mitleidenschaft gezogen wird.

TG2, T‑Zellen und intraepitheliale Lymphozyten bei Zöliakie

Beim Umgang mit Gluten spielt ein Enzym namens Gewebetransglutaminase 2 (TG2) eine wichtige Rolle: Es hilft, Gluten zu zerlegen. Bei Menschen mit bestimmten Genvarianten können diese Abbauprodukte dem Immunsystem jedoch wie fremde Eindringlinge erscheinen – woraufhin es eine „Armee“ an T‑Zellen aktiviert, die angreift.

„Unter normalen Bedingungen ist TG2 im Darm grösstenteils inaktiv“, schreiben die Forschenden.

„Nichtsdestotrotz können entzündliche Stimuli oder zellulärer Stress die Produktion und enzymatische Aktivität von TG2 erhöhen und damit Immunantworten auf Gluten eskalieren lassen.“

Damit endet die Geschichte aber nicht bei T‑Zellen und ihren Entzündungssignalen. Diese Signale – zusammen mit weiteren chemischen Botenstoffen – setzen Immunzellen in Gang, die als intraepitheliale Lymphozyten bezeichnet werden. Gerade sie sind es, die dann Zellen der Darmschleimhaut abtöten.

Darmmikrobiom, Stromazellen und Typ‑I‑Interferone

Der Review beschreibt zudem zusätzliche Verstärkungsschleifen: Neuere Arbeiten deuten darauf hin, dass strukturelle Zellen im Darm, sogenannte Stromazellen, mit dem Immunsystem kommunizieren und so die Schäden weiter aufrechterhalten.

Weitere der ausgewerteten Studien liefern Hinweise darauf, dass die Zusammensetzung der Darmbakterien den gesamten Ablauf beeinflusst. Ebenfalls genannt werden andere Weizenproteine sowie antivirale Signale, die als Typ‑I‑Interferone bezeichnet werden. All diese Faktoren können den Stress erhöhen, dem die Darmschleimhaut ausgesetzt ist.

Und weil so viele verschiedene Variablen die Zusammensetzung der Darmbakterien prägen, liegt der Schluss nahe, dass diese Variablen auch mit der Entstehung der Zöliakie zusammenhängen könnten.

„Einige mikrobielle Gemeinschaften könnten nicht nur die Deamidierung von Gluten beeinflussen, sondern auch die Aktivierung von TG2 – was nahelegt, dass die Pathogenese der Zöliakie das Zusammenspiel genetischer, umweltbedingter und immunologischer Faktoren erfordert“, schreiben die Forschenden.

Der Review ergänzt damit die Ergebnisse einer 2024 in Gastroenterologie veröffentlichten Studie. Diese kam zu dem Befund, dass die Darmschleimhaut bei Zöliakie nicht nur passives „Opfer“ eines T‑Zell‑Angriffs ist, sondern selbst aktiv am Krankheitsgeschehen beteiligt sein kann.

Das wird durch die im Review zusammengetragenen Arbeiten gestützt: Sie liefern bislang den umfassendsten Blick darauf, wie der Startschuss der Erkrankung eine Reihe von Folgewirkungen auslöst, die gemeinsam zu den typischen Beschwerden beitragen.

Ein besseres Verständnis der zugrunde liegenden Mechanismen könnte langfristig neue Therapieansätze ermöglichen, die über eine strikt glutenfreie Ernährung hinausgehen.

„Es wird notwendig sein, Zöliakie-ähnliche Modelle weiter zu verbessern, um die Reihenfolge pathogener Ereignisse aufzuklären und präklinische Tests neuartiger therapeutischer Strategien durchzuführen“, schreiben die Forschenden.

Die Studie wurde in Frontiers in Immunologie veröffentlicht.

Dieser Artikel wurde von Michael Irving faktengeprüft und redigiert. So sehr wir Wert auf unseren Prozess legen: Wir sind auch nur Menschen. Wenn Ihnen ein Fehler auffällt, geben Sie uns bitte Bescheid.

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