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Erste Phase-2a-Studie zeigt Potenzial von VH-499 als Kapsid-Inhibitor gegen HIV-1

Forscher im Labor analysiert Daten auf Taschenrechner und Tablet mit Virusabbildung.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben soeben Ergebnisse aus der ersten klinischen Studie mit Menschen mit HIV‑1 zu einem neuen antiretroviralen Wirkstoff vorgestellt. Die Daten deuten darauf hin, dass das Präparat künftig ein sehr hilfreiches zusätzliches Werkzeug in der Behandlung des Virus sein könnte.

VH-499: neuer Kapsid-Inhibitor gegen HIV‑1

Der Kandidat trägt derzeit den Namen „VH‑499“ (Kurzform für VH4011499). Sein Ansatz: Er hemmt das Kapsidprotein des Virus – eine Struktur, ohne die sich HIV nicht so vermehren kann, dass es gesundheitlich gefährliche oder übertragbare Mengen erreicht.

„Fortschritte in Versorgung und Prävention haben HIV‑1 in eine beherrschbare chronische Erkrankung verwandelt und die Übertragungsraten gesenkt“, schreiben die klinische Pharmakologin Rulan Griesel und ihr Team in der Publikation zu den Studienergebnissen.

„Obwohl viele Menschen mit den derzeitigen [antiretroviralen] Therapieschemata eine anhaltende Unterdrückung erreichen, haben einige weiterhin mit Herausforderungen zu tun, die mit Arzneimittelwechselwirkungen, Adhärenz, Verträglichkeit, Stigmatisierung und Zugang zusammenhängen.“

In präklinischen, also laborbasierten Untersuchungen hatte VH‑499 bereits sehr gute Resultate erzielt. Dort zeigte sich, dass der Wirkstoff die Fähigkeit des Virus stört, seine proteinhaltige Hülle – das Kapsid – auszubilden.

Diese Vorstudien beschrieben die Fähigkeit, die Replikation von HIV‑1 zu stoppen, als „potent“.

Phase-2a-Studie: Aufbau und Resultate

Inzwischen hat eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Phase‑2a‑Studie Hinweise geliefert, dass es sich lohnt, diese Entwicklung weiter zu verfolgen.

Wichtig ist dabei der Hinweis auf die Finanzierung: Die Arbeit wurde von ViiV Healthcare unterstützt, einem britischen Pharmaunternehmen und Gemeinschaftsunternehmen von Pfizer und GSK. Damit besteht ein wirtschaftliches Interesse an einem erfolgreichen Fortschritt des Wirkstoffs.

Zudem sind einzelne Mitglieder des Forschungsteams bei ViiV Healthcare und GSK angestellt.

Gleichzeitig wurden die Befunde vor der Veröffentlichung im Fachjournal Clinical Infectious Diseases (Journal der Infectious Diseases Society of America) im Rahmen des wissenschaftlichen Peer-Review-Verfahrens unabhängig geprüft.

Zuvor war VH‑499 bereits in einer Phase‑1‑Studie an Erwachsenen ohne HIV‑1 untersucht worden; die Resultate stellte 2024 ein von GSK geführtes Team vor.

Diese erste klinische Prüfphase kam zu dem Ergebnis, dass VH‑499 bei Erwachsenen ohne HIV‑1 gut verträglich war – doch erst die nun ausgewertete Studie zeigt, wie sich das Mittel bei Menschen mit HIV‑1 verhält.

Für die Phase‑2a‑Studie nahmen 23 Erwachsene mit HIV‑1 teil, die noch keine antiretrovirale Therapie begonnen hatten.

Am Tag 1 erhielten 20 Teilnehmende VH‑499 als Tablette zum Einnehmen – entweder 25, 100 oder 250 mg. Drei Personen bekamen ein Placebo. Am Tag 6 wurden die gleichen Dosierungen erneut gegeben.

Ab Tag 11 starteten alle Teilnehmenden dann mit einem Standard-Regime der antiretroviralen Therapie.

Vor dem Beginn der Behandlung lag bei allen Teilnehmenden die Viruslast bei über 3.000 Kopien pro Milliliter (mL) Blutplasma – ein Wert, der als hohe Viruslast gilt.

Bis Tag 11 war bei sämtlichen Personen, die VH‑499 erhalten hatten, eine Abnahme der Viruslast zu beobachten.

Auffällig war dabei, dass die Rückgänge in gewissem Umfang dosisabhängig ausfielen: Bei höheren VH‑499‑Dosen zeigten sich die stärksten Effekte.

In der Placebo-Gruppe hingegen blieb die Viruslast nahezu unverändert.

„Wir zeigen, dass VH‑499 eine äußerst potente antivirale Aktivität hatte, gut vertragen wurde und bei Erwachsenen mit HIV‑1, die ART‑naiv waren, ein günstiges Sicherheitsprofil aufwies“, fassen die Autorinnen und Autoren zusammen.

Die neue Studie bestätigt ausserdem, dass der Wirkstoff das Enzym CYP3A4 nicht in relevantem Ausmass beeinträchtigt.

Das ist ein Vorteil, weil CYP3A4 bei HIV‑Therapien häufig eine Rolle bei unerwünschten Arzneimittelwechselwirkungen spielt.

Vergleich mit Lenacapavir (Yeztugo) und nächste Schritte

Lenacapavir, erhältlich unter dem Markennamen Yeztugo, ist ein weiteres Medikament zur Behandlung und Prävention von HIV.

Es wird meist als Injektion verabreicht – typischerweise alle sechs Monate – und bietet damit über den gesamten Zeitraum hinweg eine sehr lange Abdeckung. In dieser Hinsicht hat Lenacapavir gegenüber VH‑499 und anderen Kapsid-Inhibitoren derzeit klar die Nase vorn.

Das Präparat wurde von Science sogar als „Durchbruch des Jahres“ 2024 ausgezeichnet.

Da stellt sich die Frage, wie VH‑499 gegen dieses Vorzeigepräparat bestehen soll.

Lenacapavir hat jedoch eine Schattenseite: Es beeinflusst bekanntermassen das Enzym CYP3A4. Das kann gerade für Menschen ungünstig sein, die mehrere Erkrankungen haben und deshalb verschiedene Medikamente gleichzeitig einnehmen.

Je nach Begleitmedikation kann Lenacapavir kontraindiziert sein (also in Kombination nachweislich schaden) oder eine Anpassung der Dosierung erforderlich machen.

Die Autorinnen und Autoren der neuen Studie argumentieren daher, VH‑499 könne für „Menschen mit Komorbiditäten oder komplexer Polypharmazie“ „vorteilhaft“ sein.

Präklinische Tests, in denen VH‑499 gegen verschiedene Laborstämme und chimäre Viren antrat, zeigten zudem, dass der Wirkstoff „sowohl frühe als auch späte Stadien der HIV‑1‑Replikation potent hemmte und Resistenzprofile ähnlich wie Lenacapavir aufwies“.

Was VH‑499 in der Praxis tatsächlich leisten kann, wird sich allerdings erst in Phase‑3‑Studien zeigen: Dann wird der Wirkstoff an einer deutlich grösseren Personengruppe geprüft, und es erfolgt ein formaler Vergleich mit bestehenden Behandlungen.

Erst nach abgeschlossenen Phase‑3‑Studien werden Medikamente üblicherweise auf den Markt gebracht.

„Unsere Ergebnisse stützen das Potenzial von VH‑499, das Spektrum lang wirksamer Therapien zu erweitern, und geben Anlass zur Hoffnung, die Fortschritte auf dem Weg zum UNAIDS‑2030‑Ziel voranzubringen, die HIV‑1‑Übertragung als Bedrohung der öffentlichen Gesundheit zu beenden“, schreiben die Autorinnen und Autoren.

Die Studie ist in Clinical Infectious Diseases veröffentlicht.

Dieser Artikel wurde von Rachel Garner auf Fakten geprüft und von Peter Dockrill redigiert. So sehr wir auf unseren Prozess setzen: Wir sind auch nur Menschen. Wenn Ihnen ein Fehler auffällt, sagen Sie uns bitte Bescheid.

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