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Drohnen entdecken Morbillivirus bei Walen jenseits des arktischen Polarkreises

Roboter-Drohne über Buckelwal am Boot in eisiger Meereslandschaft mit Schneebergen im Hintergrund.

Bereits durch menschliche Eingriffe und den Klimawandel geschwächt, geraten die Meeresriesen jenseits des arktischen Polarkreises nun zusätzlich unter Druck. Isolierte Walpopulationen, die diesem Virus ausgesetzt sind, bereiten Forschenden grosse Sorgen – sie befürchten, dass die Summe der Umweltbelastungen in eine regelrechte Massensterblichkeit münden könnte.

Warum die Gesundheitsüberwachung von Walen so schwierig ist

Die Gesundheit der grössten Vertreter der marinen Megafauna zu kontrollieren, ist für Biologinnen, Biologen und Ozeanografen seit jeher eine enorme Herausforderung. Wie untersucht man Tiere, die mehrere Dutzend Tonnen wiegen, rund 90% ihrer Zeit unter Wasser verbringen und jedes Jahr Tausende Kilometer zurücklegen?

Auch wenn Wale den Menschen nicht grundsätzlich meiden, lassen sie sich nur mit erheblichem Aufwand aus der Nähe untersuchen: Annäherungen sind häufig nur durch komplexe Einsätze möglich. Jede Form von Handling oder gar Sedierung gilt als hochriskant, denn im Unterschied zu Landsäugetieren ist die Atmung dieser Tiere strikt willentlich gesteuert.

Die Drohne: neues Stethoskop der Ozeane

Um gefährliche Manöver zu vermeiden, setzen Teams zunehmend auf nicht-invasive Verfahren – etwa Drohnen, mit denen sich Gesundheitsdaten aus der Distanz gewinnen lassen. Genau so ist eine Arbeitsgruppe vorgegangen, als sie bei Walen jenseits des arktischen Kreises den Atem analysierte. Das Ergebnis ist beunruhigend: Mehrere Tiere waren mit einem Erreger infiziert, der für marine Ökosysteme als besonders gefürchtet gilt – dem Morbillivirus.

Die Untersuchung zu dieser Kontamination wurde am 18. ezember in der Fachzeitschrift BMC Veterinary Research veröffentlicht – eine Beobachtung, die in diesen Breiten bislang leider ohne Beispiel war.

Probenahme direkt aus dem Ausatemstrahl

Für das Sampling kamen handelsübliche, kommerzielle Drohnen zum Einsatz. Die Forschenden liessen sie über den Tieren kreisen, wenn diese zum Atmen an die Oberfläche kamen. Mit sterilen Sammelplatten ausgerüstet, konnten sie die Geräte gezielt in die Dampffahne aus dem Blasloch positionieren.

Diese „Wolke“ ist in Wirklichkeit kondensierter Wasserdampf. Sie wird mit enormer Geschwindigkeit ausgestossen (zwischen 400 und 700km/h!) und ermöglicht es den Walen, Schleim auszubringen.

Das dabei gewonnene biologische Sediment ist äusserst wertvoll: Es enthält Zellen, Mikroben und virales genetisches Material direkt aus dem Atemwegssystem des Wals. „Die Probenahme per Drohne verändert alles“, erklärt Terry Dawson, Co-Autor der Studie. „Sie erlaubt uns, Krankheitserreger bei lebenden Walen zu überwachen, ohne ihnen auch nur den geringsten Stress zuzumuten, und liefert damit entscheidende Informationen über arktische Ökosysteme, die sich rasant verändern.

Zwischen 2016 und 2025 konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit dieser Methode den Gesundheitszustand zahlreicher Individuen erfassen: Buckelwale (Megaptera novaeangliae), Pottwale (Physeter macrocephalus) und Finnwale (Balaenoptera physalus) im gesamten Nordatlantik – von Island bis an die Küsten Nordnorwegens.

Ein gefährlicher Erreger dort, wo man ihn nicht erwartete

Nach der Laboranalyse der Proben – mit Verfahren, die jenen aus der Überwachung menschlicher Krankheiten ähneln – stand das Ergebnis fest. Das Team fand genetische Signaturen des Cetacean morbillivirus (CeMV), eines sehr aggressiven, als multisystemisch beschriebenen Virus. Es kann Lungenentzündungen und neurologische Erkrankungen (unter anderem Enzephalitiden) auslösen und ist sogar in der Lage, das Immunsystem infizierter Wale vollständig zu zerstören.

CeMV zählt zu den verheerendsten Krankheitserregern für Populationen mariner Säugetiere weltweit: Es wird über die Atemwege übertragen und hat in der Vergangenheit bereits grosse Mortalitätswellen bei Delfinen und Walen verursacht.

Besonders alarmierend ist der Befund, weil damit erstmals bestätigt ist, dass das Virus in diesen Walpopulationen zirkuliert – und zwar in Breitengraden, in denen es zuvor nie nachgewiesen worden war. Einige der beobachteten Tiere zeigten zudem Anzeichen von Schwäche.

Klimawandel, dichtere Gruppen und steigendes Krankheitsrisiko bei arktischen Walen

Durch die Erwärmung der Ozeane und den Rückgang des Meereises neigen Wale dazu, sich während der winterlichen Fresszeiten dichter als früher zu sammeln. Für Helena Costa, Hauptautorin der Studie, ist das sehr wahrscheinlich ein zentraler Faktor für die Ausbreitung von CeMV. „Diese Ansammlungen, gekoppelt mit Umweltstress und der grösseren Nähe zu anderen Arten oder zu menschlichen Aktivitäten, schaffen einen fruchtbaren Boden für die Übertragung von Krankheiten“, betont sie.

Jetzt geht es darum, diese Überwachung langfristig aufrechtzuerhalten, um besser zu verstehen, wie die Vielzahl an Umweltbelastungen die Gesundheit der Wale beeinflusst“, führt die Forscherin weiter aus. Ohne dieses Monitoring wird es sehr schwierig zu unterscheiden, ob es sich lediglich um einen kurzfristigen epidemischen Ausschlag handelt oder um eine echte Zunahme der Prävalenz dieses Virus bei diesen Walen.

Zudem stehen die untersuchten Tiere bereits unter besonderer Beobachtung durch Naturschutzstellen; einige gelten als sehr verletzlich – etwa Pottwale und Finnwale. Sollte ein Ausbruch unterschätzt werden, könnten die Verluste rasch in die Hunderte gehen: ein düsteres Beispiel für unsere eklatante Unfähigkeit, die Folgen unserer eigenen Aktivitäten vorherzusehen.

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