Du kannst genauso viel wiegen wie jemand anderes, denselben BMI haben – und trotzdem ein komplett anderes Risiko für dein Gehirn mit dir herumtragen.
Genau darauf deutet eine wachsende Reihe von Studien hin, die im letzten Jahr erschienen sind.
Forschende wissen seit Langem, dass Adipositas mit einem erhöhten Demenzrisiko zusammenhängt. Neue Ergebnisse legen jedoch nahe: Entscheidend ist nicht nur, wie viel Fett der Körper speichert, sondern auch, wo es sitzt.
Fettverteilung: Warum nicht jedes Körperfett gleich wirkt
Im Mai brachte eine Studie viszerales Fett – also das Fettgewebe, das sich um die inneren Organe legt – mit einer beschleunigten Gehirnalterung in Verbindung. Als wahrscheinliche Mechanismen wurden dabei vor allem Glukose- und Insulinprozesse genannt.
Eine in Nature Mental Health veröffentlichte Untersuchung unter Leitung von Forschenden der The Hong Kong Polytechnic University (PolyU) geht nun einen Schritt weiter.
UK Biobank: Grosse Datengrundlage, mehrere Messverfahren
Das Team verglich die Fettverteilung mit Gehirnscans und Kognitionstests von mehr als 18.000 Personen aus dem Datensatz der UK Biobank.
Nach Angaben der Autorinnen und Autoren handelt es sich um die weltweit erste gross angelegte multimodale Studie, die systematisch untersucht, wie der Ort von Körperfett mit Gehirnstruktur, neuronaler Vernetzung und kognitiver Leistungsfähigkeit zusammenhängt.
Das zentrale Ergebnis: Der Platz, an dem der Körper Fett einlagert, steht in engem Zusammenhang damit, wie schnell (oder langsam) das Gehirn scheinbar altert.
"Fat in different parts of the body maps out entirely different trajectories of change in the brain, which cannot be detected by body weight or BMI alone," sagt die PolyU-Neuroinformatikerin Anqi Qiu.
"Our analytical model clearly demonstrates how fat in different regions causes differential damage to brain systems."
Fett in Armen, Beinen, Rumpf und in der viszeralen Körperhöhle war jeweils mit unterschiedlichen Veränderungen in separaten Gehirnsystemen verbunden – darunter Areale, die mit Bewegung, Emotion, Gedächtnis und dem Hirnstamm verknüpft sind.
In der untenstehenden Abbildung sind die Hirnareale dargestellt, die mit dem Fettanteil in den Armen (AFP), dem Fettanteil in den Beinen (LFP), dem Fettanteil im Rumpf (TFP) sowie viszeralem Fettgewebe (VAT) zusammenhängen.
Das ist – ganz offensichtlich – für die meisten von uns eine Menge Information auf einmal.
Viszerales Fett und weisse Substanz: Der auffälligste Befund
Die wichtigste Botschaft dieser Arbeit lautet jedoch: Viszerales Fett war die einzige Fettart, die direkt mit Schäden an der weissen Substanz des Gehirns verbunden war – also an den „Leitungen“, über die Signale zwischen Nervenzellen weitergegeben werden.
Schädigungen der weissen Substanz hängen eng mit den biologischen Prozessen zusammen, die hinter vaskulären kognitiven Beeinträchtigungen und der sogenannten Small-Vessel-Disease (Erkrankungen der kleinen Hirngefässe) stehen – also Faktoren, die dem Demenzrisiko vorgelagert sind.
Die Studie untersuchte nicht unmittelbar, wodurch dieser Zusammenhang entsteht. Die Forschenden vermuten jedoch, dass eine chronische, niedriggradige Entzündung, die durch viszerales Fett ausgelöst wird, in das Gehirn „überschwappen“ und dort Neuroinflammation antreiben könnte.
"Visceral adipose tissue secretes pro-inflammatory factors … triggering systemic inflammation that contributes to neuroinflammation and white-matter damage," schreibt das Team in der Publikation.
"In contrast, adiposity in the arms, trunk, and legs exhibits lower levels of inflammatory factor secretion."
Dieser Erklärungsansatz passt zu dem Insulin- und Glukosepfad, den das Team bereits Anfang des Jahres als relevant hervorgehoben hatte.
Ein positiver Aspekt: Die Menge an Körperfett ist grundsätzlich ein Faktor, an dem sich ansetzen lässt.
Gleichzeitig hat die Arbeit klare Grenzen. Zwar wurden sehr viele Personen einbezogen, doch es handelt sich weiterhin um eine Beobachtungsstudie – und konkrete kausale Ursachen wurden nicht direkt nachgewiesen.
Bevor sich die Beziehung zwischen dem spezifischen Fett um die Organe und der allgemeinen Gesundheit vollständig entschlüsseln lässt, ist daher noch deutlich mehr Forschung nötig. Der Trend in der Evidenz nimmt jedoch zu.
"Regional adiposity is an intervenable and modifiable health risk factor," sagt Qiu.
"Reducing visceral fat through targeted lifestyle interventions can open up new pathways for the proactive prevention and treatment of neurodegenerative diseases."
Die Ergebnisse wurden in Nature Mental Health veröffentlicht.
Dieser Artikel wurde von Rebecca Dyer auf Fakten geprüft und von Rebecca Dyer redigiert. So sorgfältig unser Prozess auch ist: Wir sind nur Menschen. Wenn dir ein Fehler auffällt, gib uns bitte Bescheid.
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