Viele Menschen verbringen Jahre damit, im Leben etwas zu erreichen. Manche streben nach Erfolg, andere nach Glück, wieder andere nach Komfort oder Anerkennung.
Doch selbst wenn sie diese Dinge erreicht haben, bleibt bei vielen eine Frage offen: Verleiht das dem Leben wirklich Bedeutung?
Forschende, die menschliches Verhalten untersuchen, vermuten eine einfachere Antwort, als viele erwarten würden. Anderen Menschen zu helfen – im Kleinen wie im Großen – könnte wesentlich dazu beitragen, das eigene Leben als sinnvoll zu empfinden.
Warum wünschen wir uns ein sinnvolles Leben?
Seit jeher fragen sich Menschen, weshalb das Leben existiert und wodurch es einen Zweck erhält. Philosophinnen und Philosophen diskutierten darüber schon lange, bevor es die moderne Wissenschaft gab.
Einige gingen davon aus, dass das Leben einen tieferen Sinn besitzt, den Menschen erst finden müssen. Andere vertraten die Ansicht, Sinn werde durch das eigene Handeln und die persönlichen Entscheidungen geschaffen.
Heute versuchen Psychologinnen und Psychologen, Sinn mithilfe von Forschung und konkreten Daten zu erfassen. Joffrey Fuhrer von der Universität Ostfinnland ist überzeugt, dass diese Frage für den Alltag von Bedeutung ist.
Wenn Forschende verstehen, wodurch Sinn entsteht, könnten Therapeutinnen und Therapeuten Menschen, die sich verloren oder innerlich leer fühlen, gezielter unterstützen. Sinn ist also nicht bloß ein philosophisches Konzept. Er kann beeinflussen, wie Menschen ihr eigenes Leben wahrnehmen.
Studien zeigen zudem, dass Menschen, die ihr Leben als sinnvoll ansehen, häufig von stärkerem Wohlbefinden und größerer Lebenszufriedenheit berichten.
Forschende untersuchen sinnvolle Lebenswege
Joffrey Fuhrer ging dieser Frage gemeinsam mit Florian Cova von der Universität Genf in der Schweiz nach. Sie führten mehrere Untersuchungen mit Hunderten Menschen in den Vereinigten Staaten durch.
Die Teilnehmenden beantworteten Fragebögen zu unterschiedlichen Lebensformen. In einigen Studien lasen sie kurze Geschichten über erfundene Personen. Anschließend entschieden sie, ob ihnen diese Leben sinnvoll erschienen.
Eine Geschichte handelte von einer Frau namens Amelia. Amelia gewann im Lotto eine große Geldsumme. Viele Menschen würden dieses Geld für Bequemlichkeit oder Luxus ausgeben.
Amelia entschied sich jedoch anders. Sie spendete einen großen Teil des Geldes an Organisationen, die Armut und Hunger bekämpfen. Außerdem reiste sie an verschiedene Orte, um Organisationen zu unterstützen, die Menschen in Not helfen.
Viele Teilnehmende bewerteten Amelias Leben als sinnvoll. Der Grund dafür war einfach: Ihr Handeln kam anderen Menschen zugute.
Traditionelle Vorstellungen von Sinn
Psychologinnen und Psychologen erforschen Sinn seit vielen Jahren. Lange Zeit nahmen zahlreiche Forschende an, dass sich Sinn aus drei zentralen Aspekten zusammensetzt.
Der erste Aspekt ist Zielgerichtetheit – also Ziele zu haben, die dem Leben eine Richtung geben und die eigenen Anstrengungen antreiben.
Der zweite Aspekt heißt Kohärenz. Gemeint ist, Lebensereignisse zu verstehen und den Eindruck zu haben, dass das eigene Leben nachvollziehbar ist.
Der dritte Aspekt ist Bedeutsamkeit, also die Überzeugung, dass das Leben Wert und Wichtigkeit besitzt.
Mithilfe dieser drei Aspekte konnten Forschende erklären, wie Menschen Sinn in ihrem Leben erleben.
Eine fehlende Komponente wird sichtbar
Fuhrer und Cova stellten in ihren Forschungsergebnissen jedoch etwas Bemerkenswertes fest. Das traditionelle Modell schien nicht vollständig zu sein.
Ihre Studien deuteten darauf hin, dass ein weiterer Bestandteil für ein sinnvolles Leben wichtig ist: einen positiven Einfluss auf andere Menschen zu haben.
Die Teilnehmenden beurteilten Leben häufig als sinnvoller, wenn die Handlungen einer Person das Leben anderer verbesserten oder einen Beitrag zur Gesellschaft leisteten.
Menschen, die überzeugt waren, dass ihre Handlungen anderen helfen, empfanden ihr eigenes Leben ebenfalls eher als sinnvoll.
Dieses Ergebnis legt nahe, dass Sinn nicht nur aus persönlichen Zielen oder dem Verständnis von Lebensereignissen entsteht. Er wächst auch, wenn Menschen erkennen, dass ihr Handeln etwas bewirkt.
Über den persönlichen Nutzen hinausblicken
Forschende beschreiben diesen Gedanken mit dem Begriff Selbsttranszendenz. Gemeint ist damit, sich auf Ziele zu konzentrieren, die über die eigenen Interessen hinausgehen.
Dazu zählen beispielsweise ehrenamtliches Engagement, die Betreuung von Familienmitgliedern, Hilfe für Nachbarinnen und Nachbarn oder die Wahl eines Berufs, der die Gesellschaft verbessert.
In solchen Situationen steht nicht allein der persönliche Erfolg im Mittelpunkt. Stattdessen versuchen Menschen, zu etwas beizutragen, das größer ist als sie selbst.
Viele Menschen empfinden solche Lebensweisen als sinnvoll, weil sie Verbindungen zu anderen schaffen.
Anderen zu helfen verändert das Lebensgefühl
Forschende untersuchen auch das sogenannte prosoziale Verhalten. Darunter versteht man Handlungen, die anderen Menschen helfen. Anstatt nur an sich selbst zu denken, tun Menschen etwas, das jemand anderen unterstützt.
Solche Handlungen können ganz einfach sein. Jemand kann etwas teilen, einer Person in Schwierigkeiten helfen, mit anderen zusammenarbeiten oder Freundlichkeit zeigen. Vieles davon geschieht im Alltag und wirkt möglicherweise unbedeutend.
Studien belegen, dass Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren oder für wohltätige Zwecke spenden, oft ein stärkeres Gefühl von Zielgerichtetheit entwickeln. Auch ältere Erwachsene, die Zeit darauf verwenden, anderen zu helfen, sagen häufiger, ihr Leben fühle sich sinnvoller an.
Selbst kleine freundliche Gesten können Menschen das Gefühl geben, dass ihr Leben zählt.
Sinn ist nicht dasselbe wie Glück
Die Forschenden verweisen letztlich auf einen wichtigen Unterschied: Sinn und Glück sind nicht identisch.
Glück entsteht häufig durch Komfort und angenehme Erlebnisse.
Sinn entwickelt sich meist auf andere Weise. Er zeigt sich oft, wenn Menschen anderen helfen oder auf Ziele hinarbeiten, die die Gesellschaft verbessern.
Solche Handlungen können Anstrengung und manchmal sogar Verzicht verlangen. Die Arbeit ist nicht immer leicht, kann Menschen aber dennoch ein tiefes und dauerhaftes Gefühl von Zielgerichtetheit vermitteln.
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