Studierende, die täglich mehrere Stunden online verbringen, könnten ein erhöhtes Risiko für Suizidgedanken haben – besonders dann, wenn sie im Internet belästigt werden.
Eine tägliche Onlinezeit von mehr als drei Stunden ging mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für Suizidgedanken einher, vor allem bei jungen Männern.
Für Beratungsstellen an Hochschulen ergibt sich daraus ein konkreter Anlass, Studierende nicht nur nach ihrem Befinden zu fragen, sondern auch danach, wie viel Zeit sie im Internet verbringen und welche Erfahrungen sie dort machen.
Die Zahlen im Überblick
Grundlage der Untersuchung war die Healthy Minds Studie, eine umfangreiche internetgestützte Befragung zur psychischen Gesundheit an Hochschulen in den gesamten Vereinigten Staaten.
Ausgewertet wurden die Angaben von mehr als 46.000 Studierenden, überwiegend im Alter von 18 bis 25 Jahren. Die Daten wurden im Studienjahr 2023 bis 2024 erhoben.
Alle Teilnehmenden gaben an, wie viel Zeit sie außerhalb von Studium und Arbeit online verbrachten. Erfasst wurde dabei nicht akademische Bildschirmzeit, etwa für soziale Medien, Spiele, Nachrichten und das Surfen im Internet.
Zudem berichteten sie, ob sie online belästigt worden waren und ob sie im vergangenen Jahr ernsthaft über Suizid nachgedacht hatten.
Professor Seungbin Oh von der Boston University (BU) leitete die Analyse. Bei Studierenden mit mehr als drei Stunden täglicher Onlinezeit war die Wahrscheinlichkeit, Suizidgedanken anzugeben, gegenüber anderen um etwa 45 % höher.
Wer online belästigt worden war, wies eine um 77 % höhere Wahrscheinlichkeit auf. Diese Zusammenhänge blieben bestehen, nachdem das Forschungsteam Depressionen, Schlafprobleme und finanziellen Stress berücksichtigt hatte.
Mehr als reine Bildschirmzeit
Diese Bereinigung ist bedeutsam, weil sie zeigt, dass Onlinezeit und Belästigung nicht lediglich stellvertretend für diese bekannteren Belastungsfaktoren standen.
In einer E-Mail an Earth.com erklärte Oh: „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass nicht nur die Zeit, die Studierende online verbringen, sondern auch die Qualität ihrer Onlineerfahrungen, insbesondere der Kontakt mit Belästigung, ihr Risiko für Suizidgedanken beeinflussen kann.“
Nur wenige Studien haben beide Seiten des digitalen Lebens gleichzeitig untersucht: die verbrachten Stunden und die erlebten Schädigungen. Noch seltener wurden die Ergebnisse nach Geschlecht getrennt ausgewertet. Diese Studie tat beides.
Junge Männer fielen besonders auf
Die Aufteilung nach Geschlecht unterscheidet diese Untersuchung von früheren Arbeiten. Jahrelang betrachtete die Forschung zu Bildschirmnutzung und psychischer Gesundheit vor allem Mädchen im Teenageralter als besonders gefährdete Gruppe. Hier verschob sich das Bild. Bei cisgeschlechtlichen Männern in dieser Stichprobe war eine tägliche Onlinezeit von mehr als drei Stunden mit nahezu doppelt so hohen Chancen für Suizidgedanken verbunden.
Auf die Frage von Earth.com, welches Ergebnis ihn am meisten überrascht habe, sagte Oh: „Öffentliche Diskussionen konzentrieren sich oft auf die Auswirkungen sozialer Medien auf junge Frauen, die zweifellos wichtig sind, doch unsere Ergebnisse legen nahe, dass junge Männer in digitalen Räumen einer eigenen und bislang zu wenig beachteten Risikolage ausgesetzt sein könnten.“
Frühere Untersuchungen mit jüngeren Schülerinnen und Schülern hatten das gegenteilige Muster nahegelegt. Eine Analyse von US-amerikanischen Highschool-Schülern zeigte, dass der Zusammenhang zwischen intensiver Bildschirmnutzung und suizidalem Verhalten bei Mädchen stärker über Online-Mobbing verlief als bei Jungen.
Die Hochschuldaten lassen vermuten, dass diese Belastung im frühen Erwachsenenalter stärker auf jungen Männern lasten könnte.
Die eigentliche Ursache des Risikos
Die Onlinezeit war nur einer von zwei Faktoren, die die Forschenden erfassten. Online-Belästigung hatte ein eigenes Gewicht und erhöhte – anders als die bloße Bildschirmzeit – in allen Geschlechtsgruppen die Wahrscheinlichkeit für Suizidgedanken. Das galt gleichermaßen für Männer, Frauen sowie transgeschlechtliche und geschlechtsnonkonforme Studierende.
Diese Unterscheidung legt nahe, dass das reine Zählen von Stunden die tatsächliche Quelle der Belastung übersehen kann. Zwei Studierende können gleich lange online sein und diese Zeit dennoch völlig unterschiedlich erleben.
Die Befragung erfasste nicht, welche Anwendungen oder Plattformen die Studierenden nutzten, sodass keine einzelne benannt werden kann. Sie zeigt jedoch, dass das gezielte Angegriffenwerden im Internet enger mit Suizidgedanken verknüpft war als die reine Zeit im Internet. Andere Gruppen tragen zudem eigene, dokumentierte Belastungen.
Eine weitere Studie auf Basis derselben landesweiten Befragung ergab, dass lesbische, schwule und transgeschlechtliche Studierende häufiger Suizidgedanken berichten als ihre Altersgenossen.
Diese Untersuchung stellte außerdem fest, dass unterstützende Gesetze auf Ebene der Bundesstaaten mit geringeren Wahrscheinlichkeiten für Suizidgedanken verbunden waren. Vor diesem Hintergrund erscheint Belästigung als eine Gefahr, die alle Gruppen erreichen kann.
Eine Botschaft für Behandelnde
Für Fachkräfte, die diese Studierenden betreuen, enthält die Studie eine praktische Botschaft. Oh vertritt die Ansicht, dass Gespräche zur psychischen Gesundheit das digitale Leben ebenso selbstverständlich berücksichtigen sollten wie Stimmung und Schlaf.
Behandelnde sollten regelmäßig nach der Onlinezeit und nach negativen Erfahrungen in digitalen Räumen fragen. Junge Männer könnten dabei besondere Aufmerksamkeit benötigen.
Junge Männer suchen im Vergleich zu ihren Altersgenossen seltener Hilfe. Zudem fallen die Ergebnisse in eine besorgniserregende nationale Entwicklung.
Nach Angaben von Bundesbehörden stieg die Suizidrate unter US-Amerikanern im Alter von zehn bis 24 Jahren zwischen 2007 und 2021 um 62 %. Suizid gilt in dieser Altersgruppe als zweithäufigste Todesursache.
Digitale psychische Gesundheit neu denken
Bei Studierenden erhöhen sowohl eine intensive Onlinezeit als auch feindselige Behandlung im Internet die Wahrscheinlichkeit für Suizidgedanken. Junge Männer könnten jene Gruppe sein, deren digitales Leben bislang am wenigsten untersucht wurde.
Oh betont jedoch ausdrücklich, dass die Studie Technologie nicht grundsätzlich als schädlich darstellt.
Im Gespräch mit Earth.com ergänzte er: „Die übergeordnete Botschaft lautet, dass digitale Umgebungen sowohl Quellen der Unterstützung als auch Quellen von Stress sein können, und das Verständnis dieser Komplexität wird entscheidend sein, um die psychische Gesundheit von Studierenden im digitalen Zeitalter zu fördern.“
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