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Kollektive Fermi-Schätzung: Warum Gruppen klügere Entscheidungen treffen

Fünf Personen diskutieren bei einem Meeting an einem Tisch über Pläne und Diagramme auf Papier und Laptop.

Zwei Köpfe sind bekanntlich besser als einer – und in einer Menschenmenge steckt Weisheit.

Die Idee, dass Menschen als Kollektiv bessere Entscheidungen treffen als Einzelpersonen, ist keineswegs neu; darauf beruht beispielsweise das westliche Geschworenensystem.

Lange galt: Je mehr Meinungen in eine Entscheidung einfliessen, desto besser fällt das Ergebnis aus – wobei sich die endgültige Antwort der Gruppe irgendwo in der Mitte herausbildet.

Eine neue Studie in Nature Communications unter Leitung des Neurowissenschaftlers Federico Barrera-Lemarchand von der Torcuato Di Tella University in Argentinien deutet jedoch darauf hin, dass die Realität komplexer – und spannender – sein könnte.

Die Forschenden stellten fest, dass Gruppen nicht dann am besten abschneiden, wenn sie lediglich ihre ersten Schätzungen zusammenwerfen. Präzisere Ergebnisse erzielen sie vielmehr, wenn sie ein Problem gemeinsam bearbeiten, es zunächst in kleinere Teile zerlegen und diese anschliessend zu einer neuen Antwort zusammensetzen.

Diese Denkstrategie bezeichnen die Forschenden als kollektive Fermi-Schätzung.

Die Weisheit der Vielen und kollektive Fermi-Schätzung

Das Phänomen der „Weisheit der Vielen“ tritt häufiger auf, als man vermuten könnte. Beobachtet wurde es bei der Vorhersage geopolitischer Ereignisse und von Finanzmärkten ebenso wie bei medizinischen Diagnosen. Wegen seiner breiten Anwendung und Bedeutung wollten Forschende seit Langem verstehen, weshalb es funktioniert – und warum es gelegentlich versagt.

Die bisherigen Studien kamen allerdings nicht immer zu übereinstimmenden Ergebnissen. Einige zeigten, dass soziale Interaktion Schätzungen sogar verschlechtern kann, weil Menschen beginnen, sich an anderen zu orientieren, statt eigenständig nachzudenken.

Andererseits liefert das Mittel der Konsensschätzungen kleiner Gruppen durchgehend bessere Ergebnisse als das Mittel unabhängiger Schätzungen wesentlich grösserer Menschenmengen. Wann beeinträchtigt Gruppenkonsens also die kollektive Genauigkeit – und wann verbessert er sie?

Eine zentrale Frage lautet, was während einer erfolgreichen Diskussion tatsächlich geschieht. Führen Gruppen nur die anfänglichen Vermutungen aller Beteiligten zusammen, oder erarbeiten sie sich gedanklich eine völlig neue Antwort? Genau das sollte die neue Studie untersuchen.

Die Forschenden vermuteten, dass Gruppen genauer werden, wenn sie komplexe Fragen gemeinsam in kleinere, leichter zu lösende Teilprobleme aufspalten – eine als Fermi-Methode bekannte Strategie –, statt einfach die ersten Schätzungen aller Beteiligten zu mitteln.

Sie wollten herausfinden, ob gerade die gemeinsame Anwendung dieses Vorgehens zu klügeren Gruppenurteilen führt.

Drei Experimente zur Gruppenentscheidung

Für drei Experimente zur Konsensfindung in kleinen Gruppen rekrutierte das Team 900 Personen.

Im ersten Experiment trafen sich Kleingruppen mit jeweils vier Personen in Chaträumen, um Antworten auf numerische Schätzfragen aus dem Allgemeinwissen zu finden. Vorgaben zum Vorgehen erhielten sie nicht.

Anschliessend werteten die Forschenden die Gespräche in jeder Gruppe aus und verglichen sie mit den Ergebnissen.

Gruppen, die Fragen von selbst in kleinere Bestandteile zerlegten und diese gemeinsam durchdachten, kamen zu genaueren Antworten als Gruppen, die überwiegend ihre ersten Schätzungen austauschten. Das lag nicht daran, dass eine besonders kluge Person die Diskussion beherrschte – die Beteiligung war recht gleichmässig verteilt.

Im zweiten Experiment wollten die Forschenden prüfen, ob sich diese Strategie vermitteln lässt.

Dafür teilten sie die Gruppen in zwei Kategorien ein. Die erste Gruppe sollte ihre anfänglichen Schätzungen mitteilen und daraus einen Durchschnitt bilden.

Die zweite Gruppe erhielt die Anweisung, das Problem in kleinere Teile aufzuteilen, diese Teilbereiche zu schätzen und die einzelnen Schätzungen anschliessend zu einer Antwort zusammenzuführen.

Die zweite Gruppe erzielte durchgehend genauere Antworten.

Im dritten Experiment sollten schliesslich alle die Fermi-Methode einsetzen. Die Hälfte der Teilnehmenden arbeitete allein, die übrigen in Gruppen.

Einzelpersonen verbesserten sich zwar durch die Methode … die Gruppenergebnisse blieben jedoch präziser. Das legt nahe, dass das gegenseitige Teilen und Überprüfen von Schätzungen in einer Gruppe einen zusätzlichen Vorteil bietet, den allein arbeitende Menschen nicht erreichen können.

Problemzerlegung verbessert die Genauigkeit

Besonders interessant wurde es bei der Auswertung der Gesprächssprache. Die Forschenden stellten fest, dass die erfolgreichsten Gruppen meist Begriffe diskutierten, die enger mit der jeweils zu lösenden Aufgabe verbunden waren.

Wenn es etwa um die Anzahl der Stufen eines Monuments ging, verwendeten erfolgreichere Teams möglicherweise Wörter wie „Treppe“, „Gebäude“ und „Stockwerke“. Das deutet darauf hin, dass sie die Aufgabe vor ihrer Schätzung in kleinere, besser handhabbare Bestandteile zerlegten.

Die Forschenden weisen darauf hin, dass sie ausschliesslich numerische Schätzaufgaben untersuchten. Ob dieselbe Strategie auch andere Arten von Gruppenentscheidungen verbessert, muss daher noch geprüft werden.

Dennoch legt das Ergebnis nahe, dass das von ihnen als „Problemzerlegung“ bezeichnete Vorgehen einen erlernbaren und effizienteren Weg zu Gruppenentscheidungen bietet. Dies könnte überall dort Folgen haben, wo Gruppen schwierige Probleme gemeinsam lösen sollen.

„Diese Arbeit zeigt, dass kollektives Denken, insbesondere das Denken durch Annäherung, der gesteigerten kollektiven Genauigkeit während der Beratung zugrunde liegt, und bietet Instrumente, um solche Prozesse zu erkennen und zu fördern. Sie trägt damit zum grundlegenden Verständnis menschlicher Gruppenentscheidungen bei und informiert praktische Anwendungen zur Verbesserung von Crowdsourcing-Strategien“, schreiben sie in ihrer Studie.

Die Ergebnisse wurden in Nature Communications veröffentlicht.

Dieser Artikel wurde von Fiona MacDonald auf Fakten geprüft und von Fiona MacDonald redigiert. Wir sind zwar stolz auf unseren Prozess, aber auch nur Menschen. Falls Ihnen ein Fehler auffällt, teilen Sie ihn uns bitte mit.

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