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KI: Warum wir kritisches Denken nicht an ChatGPT, Claude oder Gemini auslagern sollten

Junger Mann sitzt nachdenklich am Schreibtisch, schreibt in Notizbuch, Laptop mit bunter Gehirngrafik steht offen.

Bei der wachsenden Auswahl an Produkten rund um künstliche Intelligenz (KI) wird es immer verlockender, anstrengende Denkaufgaben an Chatbots, Agenten und andere Tools abzugeben.

Während wir uns in diesem neuen technologischen Gelände orientieren, begegnen uns ständig riesige Informationsmengen und sehr ausgereifte Software, die uns das Denken abnehmen will.

Innerhalb weniger Sekunden können Tools wie ChatGPT, Claude oder Gemini E-Mails entwerfen, eine liebevolle Geburtstagsnachricht für eine Freundin oder einen Freund formulieren oder sogar die Handlung des Romans zusammenfassen, den Sie noch nicht gelesen haben.

Dieses zunehmende Auslagern nährt die Sorge, dass Menschen zu stark von KI abhängig werden könnten. Daraus könnten unbeabsichtigte Folgen entstehen – etwa, dass unser kritisches Denken nachlässt und unsere allgemeine kognitive Leistungsfähigkeit sinkt.

Diese Sorge ist nicht aus der Luft gegriffen. Forschung aus unserem Labor deutet darauf hin, dass das Online-Umfeld unsere kognitiven Tendenzen ausnutzt – also individuelle Unterschiede darin, wie wir denken, wahrnehmen, Aufmerksamkeit steuern und uns erinnern.

In der Folge greifen manche Menschen stärker zu mentalen Abkürzungen und setzen sich nur oberflächlich mit Informationen auseinander. Andere Studien bringen eine intensive KI-Nutzung mit mehr Trägheit, Angst, geringerer kritischer Auseinandersetzung und einem Gefühl der Abhängigkeit in Verbindung.

Trotzdem liegt das Problem möglicherweise weniger darin, dass wir KI nutzen, sondern wie wir sie einsetzen. Grundsätzlich ist es unproblematisch, sich auf externe Quellen zu stützen – das tun wir ständig. Entscheidend ist jedoch, dass wir die Kontrolle darüber behalten, was wir auslagern, und aus welchem Grund.

Wie wissen wir überhaupt etwas?

Damit eine Gesellschaft funktioniert, verlassen wir uns fortlaufend auf das Wissen anderer. Ärztinnen und Ärzte liefern medizinische Informationen, Ingenieurinnen und Ingenieure verantworten Bauvorhaben, Finanzberaterinnen und Finanzberater geben Tipps zu Investitionen – und so weiter.

Diese Verteilung von Expertise sorgt dafür, dass jede und jeder von uns Zugriff auf weit mehr Wissen hat, als wir allein speichern könnten. Anders gesagt: Wir balancieren permanent zwischen Auslagern (jemand anders übernimmt das Denken) und kognitiver Stützung (externe Wissensquellen, die das eigene Denken bereichern).

Kognitive Stützung zeigt sich häufig beim Lernen. Eine Lehrkraft schreibt einer Schülerin oder einem Schüler nicht den Aufsatz – stattdessen gibt sie Rückmeldung, damit der Lernende Zusammenhänge herstellen, Wissen integrieren und die eigene Wissensbasis ausbauen kann.

Wichtig ist auch: Wir geben nicht alle Denkaufgaben an eine einzige Person ab. Stattdessen wägen wir ab, wie vertrauenswürdig jemand ist und welche Kompetenz er oder sie hat, bevor wir Ratschläge, Werkzeuge oder Unterstützung annehmen. Zudem prüfen wir, wie sich neue Informationen mit dem decken, was wir bereits wissen.

Und je mehr Wissen wir in einem Bereich erwerben, desto weniger sind wir auf Hilfe von aussen angewiesen – ähnlich wie eine Schülerin oder ein Schüler eine Lehrkraft braucht, bis genug Verständnis vorhanden ist, um selbstständig weiterzukommen.

Nicht nur unser Gehirn arbeitet

Im Mittelpunkt steht hier der Begriff Kognition – also unsere Denkfähigkeiten. Unser Geist bewältigt dabei drei grundlegende Aufgaben:

  • Informationen enkodieren (aufnehmen, damit das Gehirn sie verarbeiten kann)
  • Informationen speichern
  • Informationen abrufen

Kognition hängt davon ab, wie gut diese drei mentalen Prozesse zusammenspielen. Wenn wir von Informationen überflutet werden, kann es geistige Anstrengung reduzieren, Aufgaben an externe Quellen zu verteilen.

Studien zeigen: Wenn unsere Aufmerksamkeit überbeansprucht ist, konzentriert sich der Geist stärker auf das Enkodieren, während Speichern und Abrufen – die anspruchsvoller sind – eher zu kurz kommen.

Naheliegend ist die Annahme, dass Kognition ausschliesslich im Gehirn stattfindet. Doch kognitive Prozesse können sich in die Umwelt hinein verlängern. Solche externen Quellen können Menschen, physische Gegenstände und digitale Werkzeuge sein. Ein Tagebuch ist eine Erweiterung des eigenen Geistes, wenn Sie es nutzen, um festgehaltene Erinnerungen später wieder abzurufen.

Wenn wir jedoch den Wissenserwerb und die Wissensspeicherung leichtfertig an externe Quellen delegieren – etwa indem wir ChatGPT jede Frage stellen, die uns spontan durch den Kopf geht –, kann das unsere Fähigkeit zum kritischen Denken beeinträchtigen. Denn erworbenes Wissen wirkt in unserem Kopf aktiv mit neu enkodierten Informationen zusammen: Wir übersetzen das, was uns begegnet, in eine Form, die für uns Sinn ergibt.

Und je mehr Wissen wir selbst vorhalten, desto grösser ist unsere Fähigkeit, neue Informationen zu enkodieren und kritisch zu deuten. So hilft etwa Wissen über Hitler und Mussolini im Kontext des Zweiten Weltkriegs, heutige Gefahren von Diktaturen besser einzuordnen.

Anstrengung kann sich lohnen

Um das Gleichgewicht wiederherzustellen, sollten wir die schwierigeren kognitiven Aufgaben häufiger selbst erledigen, statt sie bei jeder Gelegenheit auszulagern.

Die schnellste und bequemste Lösung ist nicht immer die beste – so wie der Fussweg zur Freundin oder zum Freund dem Körper und Geist mehr bringt als die Fahrt mit dem Auto.

Mitunter ist harte Arbeit lohnend. Wenn es um KI-Tools geht, können Sie sich entscheiden, sie zu steuern – oder sich von ihnen steuern zu lassen.

Eine Möglichkeit, die Beziehung zu KI-Tools auszubalancieren, sind reflektierende Praktiken. Fragen Sie sich: Wie fühlen Sie sich, nachdem Sie KI genutzt haben? Sind Sie stolz und zufrieden – oder eher ängstlich und noch überforderter? Haben Sie Ihre Kognition heute ersetzt oder gestützt? Welche Aufgaben könnten Sie morgen übernehmen, um Ihre mentalen Fähigkeiten auszubauen?

Für eine gelingende Beziehung mit KI müssen wir all unsere geistigen Fertigkeiten trainieren – sonst riskieren wir tatsächlich, sie zu verlieren.

Das ist nicht immer einfach, aber es liegt weiterhin in unserer Hand.

Misía Temler, Forschungsmitarbeiterin, Psychologie, University of Sydney

Dieser Artikel wurde unter einer Creative-Commons-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.

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