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Schimpansen und Bonobos: Neue Studie zur Aggression

Frau beobachtet und notiert im Wald das Verhalten von vier jungen Schimpansen mit verstreutem Obst am Boden.

Schimpansen gelten in Erzählungen häufig als gewalttätig, während Bonobos meist als ruhig und freundlich dargestellt werden. Viele Menschen beziehen sich auf diesen Gegensatz, wenn sie über die menschliche Natur sprechen.

Sind Menschen von Natur aus aggressiv wie Schimpansen oder friedlich wie Bonobos? Eine neue Studie deutet darauf hin, dass diese Frage nicht so einfach zu beantworten ist.

Forschende der Universität Utrecht und der Universität Antwerpen untersuchten das Verhalten von Schimpansen und Bonobos in Zoos.

Die Ergebnisse stellen die seit Langem verbreitete Annahme infrage, dass Schimpansen deutlich aggressiver seien als Bonobos.

Aggression bei unseren nächsten Verwandten

Schimpansen und Bonobos sind die engsten tierischen Verwandten des Menschen. Deshalb liefern sie wichtige Hinweise darauf, wie sich menschliches Verhalten entwickelt haben könnte. Wissenschaftler untersuchen diese Primaten oft, um die Ursprünge sozialen Verhaltens, einschliesslich Aggression, besser zu verstehen.

Aggression kommt bei zahlreichen Tierarten vor. Tiere können aggressiv reagieren, um Nahrung zu schützen, ihr Revier zu verteidigen oder um Paarungspartner zu konkurrieren. Über Jahrzehnte gingen Forschende davon aus, dass Schimpansen grundsätzlich aggressiv seien, Bonobos hingegen besonders friedlich.

Dieser Kontrast wurde durch Bücher und Dokumentationen weithin bekannt und bestärkte die Vorstellung, die beiden Arten verkörperten gegensätzliche soziale Verhaltensweisen. Neuere Untersuchungen legen jedoch nahe, dass der Unterschied weniger deutlich ausfällt als lange angenommen.

„Manche sehen in ihnen ein Spiegelbild unserer Natur oder dessen, wie wir sein sollten“, sagte der Studienleiter Emile Bryon. „Aggressiv und kriegerisch wie Schimpansen oder friedlich wie Bonobos. Evolutionär gesehen sind wir mit beiden Arten gleich eng verwandt.“

Bryon ergänzte, „die Dichotomie zwischen aggressiven Schimpansen und friedlichen Bonobos könnte weniger eindeutig sein als bisher angenommen“.

Beobachtungen bei Schimpansen und Bonobos

Das Forschungsteam untersuchte 22 Gruppen Menschenaffen in europäischen Zoos: neun Schimpansengruppen und 13 Bonobogruppen. Insgesamt beobachteten die Wissenschaftler 189 Tiere.

Die Forschenden dokumentierten aggressives Verhalten sorgfältig. Dazu zählten etwa Verfolgungsjagden, auf einen anderen Menschenaffen Zulaufen, Ringen oder Beissen. Manche dieser Verhaltensweisen beinhalteten körperlichen Kontakt, andere nicht.

Insgesamt erfassten die Wissenschaftler mehr als 3.000 aggressive Vorfälle zwischen erwachsenen Menschenaffen. Rund 1.200 davon umfassten direkten Körperkontakt. Die Beobachtung von Zootieren ermöglichte es, beide Arten unter vergleichbaren Bedingungen gegenüberzustellen.

Schimpansen und Bonobos zeigen ähnlich viel Aggression

Die Ergebnisse überraschten viele Wissenschaftler. Beim Vergleich der Gesamtzahl aggressiver Verhaltensweisen zeigten Schimpansen und Bonobos nahezu das gleiche Aggressionsniveau.

Damit wird die verbreitete Annahme infrage gestellt, Bonobos seien von Natur aus friedlich. Innerhalb ihrer Gruppen zeigen beide Arten Aggression.

Die Studie stellte jedoch auch einen wichtigen Unterschied fest: Beide Arten drücken Aggression auf unterschiedliche Weise aus.

„Bei Schimpansen geht Aggression hauptsächlich von Männchen aus und richtet sich gegen alle. Bei Bonobos geht sie von allen aus, richtet sich jedoch überwiegend gegen Männchen“, erklärte Bryon.

Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen

Die Untersuchung zeigte deutliche Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen. In Schimpansengruppen waren Männchen erheblich aggressiver als Weibchen. Männliche Schimpansen richten ihre Aggression häufig sowohl gegen Männchen als auch gegen Weibchen.

Bei Bonobos ergab sich ein anderes Muster. Männliche und weibliche Bonobos wiesen ähnliche Aggressionsniveaus auf. Ein grosser Teil der Aggression in Bonobogruppen richtete sich jedoch gegen Männchen.

Dieses Muster spiegelt die soziale Organisation von Bonobogruppen wider. Weibliche Bonobos bilden oft starke Bündnisse und besitzen einen höheren sozialen Status als Männchen. „Die Weibchen haben das Sagen“, fügte Bryon hinzu.

Die Umwelt prägt das Verhalten von Menschenaffen

Wissenschaftler versuchten auch, die Unterschiede zwischen beiden Arten über ihre Lebensräume zu erklären. Schimpansen und Bonobos leben auf entgegengesetzten Seiten des Kongo-Flusses in Zentralafrika.

Schimpansen leben nördlich des Flusses, wo Nahrung im Wald ungleich verteilt ist. Dadurch entsteht stärkere Konkurrenz zwischen einzelnen Tieren und Gruppen. Zudem konkurrieren Schimpansen mit Gorillas und sind mehr Fressfeinden ausgesetzt.

Bonobos leben südlich des Flusses in Wäldern, in denen Nahrung gleichmässiger verfügbar ist. Da Futter leichter zu finden ist, könnten Bonobogruppen weniger Konkurrenz erleben. Diese Unterschiede führten Wissenschaftler zur Selbst-Domestikationshypothese.

Die Selbst-Domestikationshypothese neu bewerten

Die Selbst-Domestikationshypothese besagt, dass Bonobos im Lauf der Zeit weniger aggressiv wurden. Nach dieser Vorstellung bevorzugten Bonobo-Weibchen ruhigere Männchen. Über viele Generationen könnte diese Präferenz zu einer friedlicheren Art geführt haben.

Einige Wissenschaftler vermuten, dass ein vergleichbarer Prozess auch die menschliche Evolution geprägt haben könnte, indem er Aggression verringerte und Zusammenarbeit förderte.

Die neue Studie liefert für diese Annahme jedoch keine starke Unterstützung. Bonobo-Männchen zeigen weiterhin ein Aggressionsniveau, das dem von Schimpansen-Männchen ähnelt.

Bonobos scheinen daher nicht insgesamt weniger aggressiv zu sein, sondern Aggression innerhalb ihrer Gruppen anders zu zeigen.

Gruppendynamik beeinflusst Aggression

Eine weitere wichtige Erkenntnis war, dass sich Aggression von Gruppe zu Gruppe unterscheidet. Einige Gruppen zeigten selbst innerhalb derselben Art deutlich höhere Aggressionswerte als andere.

Bemerkenswert ist, dass sich sowohl Schimpansen- als auch Bonobogruppen unter den aggressivsten und den am wenigsten aggressiven Gruppen befanden.

Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass die sozialen Dynamiken jeder einzelnen Gruppe das Verhalten stärker beeinflussen könnten als Unterschiede zwischen den Arten allein.

Erkenntnisse über menschliches Verhalten

Schimpansen und Bonobos eröffnen Wissenschaftlern einen wertvollen Einblick in die Wurzeln menschlichen Verhaltens. Neue Erkenntnisse zeigen, dass Aggression bei Menschenaffen nicht der einfachen Erzählung von gewalttätigen Schimpansen und friedlichen Bonobos folgt.

Vielmehr bestimmen mehrere Faktoren, wie Aggression in Gesellschaften von Menschenaffen auftritt. Soziale Hierarchien sind bedeutsam. Auch die Umwelt spielt eine Rolle. Ebenso können Beziehungen innerhalb einer Gruppe das Verhalten beeinflussen.

Was könnten Wissenschaftler noch entdecken, wenn sie Menschenaffen in freier Wildbahn beobachten? Künftige Studien könnten weitere Erkenntnisse darüber liefern, wie sich Aggression bei Primaten entwickelt hat und was sie über heutige menschliche Gesellschaften aussagen könnte.

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