Long COVID und myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) scheinen ausgerechnet die ältesten Bereiche des Gehirns auf auffallend ähnliche Weise zu betreffen.
Australische MRT-Studie: Hirnstammvolumen bei Long COVID und ME/CFS
Mithilfe einer hochauflösenden Variante der Magnetresonanztomografie (MRT) haben Forschende in Australien gezeigt, dass Hirnstamm-Regionen bei 10 ME/CFS-Patientinnen und -Patienten sowie bei 8 Long-COVID-Betroffenen deutlich grösser sind als bei 10 gesunden Personen in einer Kontrollgruppe.
Der Hirnstamm bildet die Verbindung zwischen Rückenmark und dem grössten Teil des Gehirns, dem Grosshirn (Cerebrum). Von oben nach unten setzt er sich aus Mittelhirn, Pons und Medulla oblongata zusammen.
Welche Aufgaben Pons und Medulla oblongata übernehmen
Der Pons - lateinisch für „Brücke“ - ist an unbewussten Abläufen beteiligt, darunter Schlaf-Wach-Rhythmen, die Steuerung der Atemfrequenz und die Verarbeitung von Schmerzen.
Die Medulla oblongata wiederum ist über eine Reihe seilartiger Nervenbahnen mit dem „kleinen Gehirn“, dem Kleinhirn (Cerebellum), verbunden. Das Kleinhirn liegt auf dem Hirnstamm und trägt dazu bei, Gleichgewicht und Bewegungen zu koordinieren.
In der aktuellen Untersuchung zeigte sich: Je grösser das Volumen dieser Hirnstamm-Regionen ausfiel, desto eher gaben Betroffene in Fragebögen Atemprobleme oder Schmerzen an.
„Therefore,“ schreiben Forschende der Griffith University, „brainstem dysfunction may contribute to the respiratory-related symptoms in ME/CFS and long COVID.“
Neurologische Überschneidungen und geteilte Symptome
Die Studie ist zwar klein, doch sie macht eine neurologische Überschneidung zwischen ME/CFS und Long COVID sichtbar - nach Aussage der Autorinnen und Autoren erstmals.
Das Ergebnis könnte nachvollziehbar machen, weshalb beide Erkrankungen so viele Beschwerden gemeinsam haben: Gehirnnebel, Schwindel, Kopfschmerzen, nicht erholsamer Schlaf, Atemnot, Gliederschmerzen, Erschöpfung sowie Probleme mit Herzfrequenz und Blutdruck.
Seit Forschende 2020 über die ersten Long-COVID-Fälle berichteten, haben Fachleute und Betroffene immer wieder darauf hingewiesen, wie stark die Spätfolgen einer Infektion mit SARS-CoV-2 an typische ME/CFS-Symptome erinnern.
Viele vermuten, dass beide Krankheitsbilder zusammenhängen oder sogar durch dieselben Faktoren ausgelöst werden - entsprechend könnte Forschung zur einen Erkrankung helfen, die andere besser zu verstehen und zu behandeln.
Studien zufolge erfüllen zwischen 13 und 58 Prozent der Menschen mit Long COVID die diagnostischen Kriterien für ME/CFS. Allerdings sind solche Angaben unsicher, weil es bis heute keinen einheitlichen Konsens darüber gibt, wie diese Erkrankungen zu diagnostizieren sind.
Warum es weiterhin mehr Fragen als Antworten gibt
Zum jetzigen Zeitpunkt wissen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über beide Erkrankungen zu wenig, um belastbare Aussagen zu machen. Das liegt weniger an einer angeblich „rätselhaften“ Natur dieser Krankheiten als vielmehr an einem massiven Mangel an Forschung.
Schon bevor COVID-19 in den Fokus rückte, wurde die Gesundheitslast von ME/CFS in den USA auf etwa das Doppelte derjenigen von HIV/AIDS geschätzt. Trotzdem gilt ME/CFS beim US National Institute of Health gemessen an der relativen Schädlichkeit als am stärksten unterfinanzierte Erkrankung und erhält nur 7 Prozent der Mittel, die im Vergleich zu ähnlich belastenden Krankheiten angemessen wären.
Bis heute ist unklar, wodurch ME/CFS tatsächlich verursacht wird, wie man es zuverlässig diagnostiziert und wie eine wirksame Behandlung aussieht. Viele Fälle lassen sich mit Virusinfektionen oder Fehlregulationen des Immunsystems in Verbindung bringen, andere haben eine völlig unbekannte Ursache.
Im Unterschied dazu geht Long COVID auf ein bekanntes Virus zurück - und dennoch ist nicht verstanden, wie dieser Erreger Körper und Geist derart aus dem Gleichgewicht bringt.
Inzwischen häufen sich mehr neue Fragen als Antworten, doch einige mögliche Hauptfaktoren tauchen immer wieder auf.
Das Gehirn - und besonders der Hirnstamm - scheint dabei für viele Prozesse eine zentrale Rolle zu spielen.
Neuere Studien fanden, dass selbst Menschen mit mildem COVID-19 deutliche Veränderungen im Gehirn zeigen können, etwa Entzündungen. In Obduktionsstudien wirkten die Gehirne von Personen, die an COVID-19 starben, zudem beunruhigend stark gealtert.
Eine Auswertung auf Basis von Daten der UK Biobank deutet darauf hin, dass das Hirnstammvolumen bei Personen, die sich mit COVID-19 infiziert haben, häufig zunimmt.
Auch bei ME/CFS untersuchen Forschende seit den 1990er-Jahren mittels MRT das Gehirn. Im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen finden sich nicht selten schwer erklärbare Volumenverschiebungen in bestimmten Arealen - und der Hirnstamm ist eine der Regionen, die dabei besonders auffallen.
Dass inzwischen modernere Technik verfügbar ist, ermöglicht einen genaueren Blick auf diesen Teil des Gehirns als je zuvor.
In ihren ersten Auswertungen stellten die australischen Forschenden keinen signifikanten Unterschied der Hirnstammvolumina zwischen ME/CFS-Betroffenen und Long-COVID-Betroffenen fest.
„The brainstem regulates respiratory, cardiovascular, gastrointestinal, and neurological processes, and its impairment can explain the overlapping symptoms of ME/CFS and long COVID,“ schliessen die Autorinnen und Autoren.
„Such volume increases may reflect edema of inflammatory responses, neurodegeneration, and/or viral invasion,“ fügen sie hinzu.
Weitere Forschung ist nötig, um zu klären, welcher dieser Wege den Hirnstamm anschwellen lässt - und ob die zugrunde liegenden Mechanismen bei ME/CFS und Long COVID ähnlich oder unterschiedlich sind.
Die Studie wurde in Frontiers in Neuroscience veröffentlicht.
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