Artikel über Menschen mit schlechtem Benehmen und darüber, wie man sie erkennt, sind allgegenwärtig. Man muss kaum googeln oder lange durch Feeds scrollen, um Überschriften zu finden wie: 7 Anzeichen, dass Ihr Chef ein Psychopath ist oder Wie Sie den Soziopathen von nebenan meiden.
Dabei werden die Begriffe Psychopath und Soziopath häufig so verwendet, als bedeuteten sie dasselbe. Das gilt auch für eine der bekanntesten fiktiven Figuren mit besonders problematischem Verhalten: Hannibal Lecter, der kannibalistische Serienmörder aus Das Schweigen der Lämmer.
In der Buchvorlage zum Film wird Lecter als „reiner Soziopath“ bezeichnet. Im Film hingegen heisst es, er sei ein „reiner Psychopath“. Psychiaterinnen und Psychiater haben ihn wiederum mit etwas ganz anderem diagnostiziert.
Worin liegt also der Unterschied zwischen einem Psychopathen und einem Soziopathen?
Wie sich zeigen wird, wurden diese Begriffe in verschiedenen Epochen unterschiedlich gebraucht – und sie beziehen sich auf Konzepte, die sich teilweise überschneiden.
Was ist ein Psychopath?
Der Begriff Psychopathie taucht in der psychiatrischen Fachliteratur bereits seit dem 19. Jahrhundert auf. In der aktuellen Ausgabe des Diagnostischen und Statistischen Manuals Psychischer Störungen (umgangssprachlich: DSM) wird Psychopathie jedoch nicht als eigenständige klinische Störung geführt.
Seit den 1950er-Jahren haben sich die Bezeichnungen mehrfach verschoben: Etiketten wie „soziopathische Persönlichkeitsstörung“ wurden durch die Diagnose der antisozialen Persönlichkeitsstörung ersetzt – das ist der heutige Begriff.
Bei einer antisozialen Persönlichkeitsstörung liegt eine anhaltende Missachtung der Rechte anderer vor. Dazu zählen unter anderem Gesetzesverstösse, wiederholtes Lügen, impulsives Verhalten, häufige körperliche Auseinandersetzungen, das Ignorieren von Sicherheitsaspekten, verantwortungsloses Handeln sowie Gleichgültigkeit gegenüber den Folgen des eigenen Verhaltens.
Zusätzlich wird es dadurch unübersichtlicher, dass im DSM-Kapitel zur antisozialen Persönlichkeitsstörung auch Merkmale der Psychopathie (und Soziopathie) erwähnt werden. Anders gesagt: Laut DSM sind diese Merkmale Teil der antisozialen Persönlichkeitsstörung, gelten aber für sich genommen nicht als eigenständige psychische Störungen.
Der US-Psychiater Hervey Cleckley lieferte 1941 in seinem Buch Die Maske der Vernunft (The Mask of Sanity) die erste formale Beschreibung psychopatischer Merkmale.
Er stützte sich dabei auf klinische Beobachtungen von neun männlichen Patienten in einem psychiatrischen Krankenhaus. Als zentrale Eigenschaften nannte er unter anderem oberflächlichen Charme, Unzuverlässigkeit sowie fehlende Reue oder Scham.
Der kanadische Psychologe Professor Robert Hare schärfte diese Merkmalsbeschreibung später, indem er neben den im DSM aufgeführten antisozialen Verhaltensweisen auch zwischenmenschliche, emotionale und lebensstilbezogene Charakteristika stärker betonte.
Wenn man diese Evidenzlinien zusammenführt, lässt sich Psychopathie so umreissen: Eine psychopathische Person manipuliert andere, wirkt oberflächlich charmant, ist grandios und zeigt dauerhaft täuschendes Verhalten. Auf emotionaler Ebene kommen Gefühlsarmut und geringe Empathie hinzu, ebenso Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden anderer und die Weigerung, Verantwortung dafür zu übernehmen, wie das eigene Verhalten andere beeinflusst.
Ausserdem neigen Psychopathen dazu, sich schnell zu langweilen, andere auszunutzen, kaum Ziele zu verfolgen und sich in ihrem Handeln chronisch verantwortungslos zu verhalten.
Und was ist dann ein Soziopath?
Der Begriff Soziopath tauchte erstmals in den 1930er-Jahren auf und wird dem US-Psychologen George Partridge zugeschrieben. Er legte den Schwerpunkt auf die gesellschaftlichen Folgen eines Verhaltens, das gewohnheitsmässig die Rechte anderer verletzt.
In Wissenschaft und klinischer Praxis wurden Soziopath und Psychopath oft austauschbar verwendet. Einige bevorzugten allerdings Soziopath, weil das Publikum das Wort Psychopath ihrer Ansicht nach mit Psychose verwechselte.
„Soziopathische Persönlichkeitsstörung“ war die Bezeichnung, die in der ersten DSM-Ausgabe von 1952 verwendet wurde. Das entsprach dem damaligen Zeitgeist: Antisoziales Verhalten wurde vor allem als Ergebnis des sozialen Umfelds verstanden, und Verhalten galt nur dann als abweichend, wenn es soziale, rechtliche und/oder kulturelle Regeln brach.
Ein Teil dieser frühen Soziopathie-Beschreibungen passt eher zu dem, was wir heute als antisoziale Persönlichkeitsstörung bezeichnen. Andere Elemente beziehen sich auf emotionale Merkmale, die Cleckleys Definition von 1941 für Psychopathie ähneln.
Kurz gesagt: Unter Soziopathie verstanden unterschiedliche Autorinnen und Autoren Verschiedenes – und bis heute ist Soziopathie weniger klar umrissen als Psychopathie. Deshalb gibt es auch heute keine einzige, allgemein akzeptierte Definition, die man einfach „die“ Definition nennen könnte. Im Grundsatz können die antisozialen Verhaltensweisen jedoch denen ähneln, die man auch bei Psychopathie beobachtet.
Im Laufe der Jahrzehnte verlor Soziopathie als Begriff an Bedeutung. Spätestens seit dem späten 1960er-Jahren verwendeten Psychiaterinnen und Psychiater stattdessen überwiegend den Begriff der antisozialen Persönlichkeitsstörung.
Angeboren oder geprägt?
Sowohl „Soziopathie“ (also das, was wir heute antisoziale Persönlichkeitsstörung nennen) als auch Psychopathie wurden mit sehr unterschiedlichen entwicklungsbezogenen, biologischen und psychologischen Ursachen in Verbindung gebracht.
So zeigen Menschen mit psychopathischen Merkmalen bestimmte Unterschiede im Gehirn – vor allem in Bereichen, die mit Emotionen, Verhaltenshemmung und Problemlösen zusammenhängen. Ausserdem scheinen bei ihnen Unterschiede im Nervensystem vorzuliegen, darunter eine reduzierte Herzfrequenz.
Soziopathie und ihre antisozialen Verhaltensmuster werden hingegen als Ergebnis des sozialen Umfelds einer Person beschrieben und scheinen familiär gehäuft aufzutreten. Diese Verhaltensweisen wurden unter anderem mit körperlicher Misshandlung und Konflikten zwischen Eltern in Zusammenhang gebracht.
Welche Folgen hat das?
Trotz der Darstellung in der Fiktion – etwa Hannibal Lecter in Das Schweigen der Lämmer oder Villanelle in der Fernsehserie Killing Eve – sind nicht alle Menschen mit psychopathischen oder soziopathischen Merkmalen Serienmörder oder körperlich gewalttätig.
Dennoch ist Psychopathie ein Prädiktor für ein breites Spektrum schädlicher Verhaltensweisen. Im Strafjustizsystem ist Psychopathie besonders eng mit Rückfälligkeit verbunden, insbesondere bei Gewaltkriminalität.
In der Allgemeinbevölkerung steht Psychopathie in Verbindung mit Drogenabhängigkeit, Obdachlosigkeit und weiteren Persönlichkeitsstörungen. Einige Studien zeigten sogar, dass Psychopathie vorhersagte, ob Menschen COVID-Beschränkungen nicht einhielten.
Soziopathie ist dagegen weniger etabliert als zentraler Risikofaktor, wenn es darum geht, Personen mit erhöhtem Gefährdungspotenzial für andere zu identifizieren. Zudem ist Soziopathie kein verlässlicher Indikator für zukünftiges antisoziales Verhalten.
Kurz zusammengefasst
Weder Psychopathie noch Soziopathie werden in formalen psychiatrischen Diagnosesystemen als eigenständige psychische Störungen klassifiziert. In beiden Fällen handelt es sich um Persönlichkeitsmerkmale, die mit antisozialen Verhaltensweisen zusammenhängen und mit bestimmten zwischenmenschlichen, emotionalen und lebensstilbezogenen Eigenschaften einhergehen.
Psychopathie gilt als teilweise genetisch, biologisch und psychologisch begründet und erhöht das Risiko, die Rechte anderer zu verletzen. Soziopathie ist weniger klar definiert; die antisozialen Verhaltensmuster werden hier eher als Produkt des sozialen Umfelds verstanden.
Von beiden Konzepten ist Psychopathie am nützlichsten, um Menschen zu identifizieren, die mit höherer Wahrscheinlichkeit anderen schaden.
Bruce Watt, Associate Professor in Psychology, Bond University, und Katarina Fritzon, Associate Professor of Psychology, Bond University
Dieser Artikel wurde unter einer Creative-Commons-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.
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