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Wie die Augen ein offenes Fenster für unsere Gesundheit sind

Augenuntersuchung bei einer jungen Frau mit moderner medizinischer Gerätetechnik in einer Praxis.

Melissa, eine 30-jährige Pädagogin, stellte sich in der Notaufnahme vor, weil bei ihr plötzlich Doppelbilder aufgetreten waren. Einen Unfall oder irgendein Trauma hatte es nicht gegeben – und ein solches Symptom hatte sie zuvor noch nie erlebt.

Erst im Gespräch erwähnte sie eine Episode einige Monate zuvor: Damals war das Sehen auf einem Auge für kurze Zeit verschwommen gewesen und hatte sich dann rasch wieder normalisiert. Sie hatte das als Ermüdungserscheinung abgetan – nach einer Phase intensiver Bildschirmarbeit.

Nach ersten optometrischen Basisuntersuchungen und anschliessenden, vertieften Tests zur visuellen Wahrnehmung entstand der Verdacht, dass diese Sehphasen mit Multipler Sklerose zusammenhängen könnten. Melissa wurde an eine neuro-ophthalmologische Fachperson überwiesen, die die Diagnose bestätigte. Die Behandlung wurde zeitnah eingeleitet.

Ist Melissa ein Einzelfall? In meinen 30 Jahren als Optometrist habe ich viele Patientinnen und Patienten gesehen, die mit Seh- und Augengesundheitsproblemen kamen – und bei denen sich die Ursache letztlich als Erkrankung herausstellte, von der sie bis dahin nichts wussten.

Als Professor an der School of Optometry der Université de Montréal vermittle ich Studierenden deshalb: Bestimmte okuläre Symptome können Hinweise auf allgemeine Gesundheitsprobleme sein.

Optometristinnen und Optometristen sind darauf geschult, Erkrankungen zu erkennen, die sich über die Augen manifestieren können – und in Zusammenarbeit mit anderen Gesundheitsberufen die weitere Abklärung und Betreuung zu organisieren.

Diabetes

Da Diabetes bis 2030 fast 8 Prozent der Bevölkerung betreffen wird, ist Screening ein zentrales Thema. Gleichzeitig geht man davon aus, dass Diabetes im Durchschnitt erst sechs bis 13 Jahre nach Beginn diagnostiziert wird.

Eine Untersuchung der Augengesundheit kann diese Verzögerung verkürzen: Häufig lassen sich typische Läsionen der Erkrankung am Augenhintergrund erkennen, noch bevor andere Diabetes-Symptome sichtbar werden.

Frühes Erkennen ist entscheidend, denn innerhalb von fünf Jahren nach der Diagnose (also 11 bis 15 Jahre nach Beginn des Diabetes) entwickeln 25 Prozent der Patientinnen und Patienten mit Typ 1 (juveniler Diabetes) sowie 40 Prozent derjenigen mit Typ 2 (Erwachsenendiabetes), die mit Insulin behandelt werden, Augenschäden, die das Sehen deutlich beeinträchtigen können.

Werden Veränderungen früh identifiziert und die Augengesundheit engmaschig kontrolliert, sinkt das Risiko für Erblindung erheblich – ein Verlauf, der eintreten kann, wenn die Krankheit unbehandelt bleibt.

Den „stillen Killer“ entlarven

Wenn bereits Diabetes bei vielen Betroffenen unerkannt bleibt, was gilt dann erst für Bluthochdruck und erhöhte Cholesterinwerte? Beide Zustände erhöhen in unseren Gesellschaften das Risiko für koronare Herzkrankheit oder Schlaganfall deutlich.

Das Auge ist der einzige Ort im menschlichen Körper, an dem Blutgefässe ohne Schnitt und ohne invasive Verfahren direkt beurteilt werden können.

  • Bluthochdruck (auch als „stiller Killer“ bekannt) kann sich durch Gefässveränderungen und sehr spezifische Zeichen auf der Netzhaut zeigen.
  • Eine Hypercholesterinämie führt zu Cholesterinablagerungen innerhalb der Gefässe.
  • Atherosklerose steht im Zusammenhang mit Hollenhorst-Plaques, die ebenfalls in den Gefässen sichtbar sein können.
  • Cholesterin lässt sich zudem an der Hornhaut (Lipidbogen) oder an den Adnexen (Xanthelasma) erkennen.

In all diesen Situationen sind die Beschwerden oft so gering – oder sie entwickeln sich so schleichend –, dass Betroffene sie als nahezu normal einstufen.

Normotensives oder Offenwinkelglaukom

Auch beim Glaukom fehlen häufig zunächst Symptome. Diese Erkrankung des Sehnervs hängt meist mit einer übermässigen Bildung von Kammerwasser im Auge oder mit einer unzureichenden Ableitung zusammen.

Dadurch steigt der Augeninnendruck. Über verschiedene Mechanismen kommt es zum Verlust von Nervenfasern im Sehnerv. Das Gesichtsfeld wird sehr langsam enger (und bleibt daher oft unbemerkt), bis nach mehreren Jahren ein Tunnelblick entsteht.

Wenn dieser Sehverlust im Alltag auffällt, ist es häufig bereits spät – dann kann die Schädigung des Sehnervs weit fortgeschritten sein. In erster Linie ist die Ursache okulär, sie kann jedoch auch durch die Wirkung bestimmter Medikamente mitausgelöst werden (zum Beispiel Kortison).

Das normotensive Glaukom ist hingegen von anderer Natur: Dabei bleibt der Augeninnendruck im Normbereich, trotzdem nimmt der Sehnerv Schaden. Die zugrunde liegenden Mechanismen unterscheiden sich von denen des chronischen Offenwinkelglaukoms.

Ein normotensives Glaukom ist oft mit niedrigem Blutdruck oder mit Erkrankungen wie Schlafapnoe verknüpft. Besteht dieser Verdacht, sollte die betroffene Person zur umfassenden Abklärung an die Hausärztin oder den Hausarzt überwiesen werden.

Die Krankheit des Jahrhunderts

Weil Krebs immer häufiger wird und sich in sehr unterschiedlichen Formen zeigt, wird er als die Krankheit des Jahrhunderts bezeichnet. Tumoren, die das Auge betreffen (Retinoblastom), können auch Metastasen in Lunge und Leber verursachen.

Auch hier verläuft die Erkrankung nicht selten ohne frühe Warnzeichen – bis es zu spät ist. Umso wichtiger ist die Früherkennung, denn es geht buchstäblich um das Überleben der Patientin oder des Patienten.

Weitere Befunde, etwa asymptomatische Pigmentveränderungen der Netzhaut (in Form einer Bärentatze), können mit Darmkrebs in Verbindung stehen, der eine sehr ungünstige Prognose hat, wenn die Behandlung verzögert wird.

Schon eine einfache Gesichtsfeldmessung kann Auffälligkeiten aufdecken, die manchen Betroffenen gar nicht bewusst sind – oder die sie als so harmlos ansehen, dass sie sie nicht erwähnen. Dabei verbergen sich hinter vielen Gesichtsfeldausfällen Hirntumoren wie ein Hypophysenadenom oder Nervenfasern, die durch Blutgefässe komprimiert werden.

Auffällige Augenbewegungen, asymmetrische Pupillenreaktionen, plötzlich auftretende Leseschwierigkeiten oder das Einsetzen von Diplopie sind alles Warnsignale, die eine weiterführende augenärztliche und neurologische Abklärung erfordern.

Statt nur als Spiegel der Seele dienen die Augen damit als offenes Fenster zur allgemeinen Gesundheit.

Gerade deshalb sind regelmässige Termine bei der Optometristin oder dem Optometristen wichtiger denn je – auch ohne Beschwerden. Viele Störungen lassen sich früh erkennen und behandeln, um Erkrankungen zu begrenzen oder ihnen sogar vorzubeugen.

Langis Michaud, ordentlicher Professor. School of Optometry. Expertise in Augengesundheit und im Einsatz spezialisierter Kontaktlinsen, University of Montreal

Dieser Artikel wird mit Genehmigung von The Conversation unter einer Creative-Commons-Lizenz erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.

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