Mehrere Jahre nach dem Start einer neuen Kampfsportart, dem Ohrfeigenkampf, wächst die Sorge vor traumatischen Hirnverletzungen.
Ein Team von Neurologen hat nun Videomaterial des ersten im US-Fernsehen übertragenen professionellen Ohrfeigenkampf-Wettbewerbs ausgewertet – und kommt zu dem Schluss, dass das Risiko für Gehirnerschütterungen alarmierend hoch ist.
„Ohrfeigenkämpfe könnten eine schwerwiegendere Kampfsportart sein als bislang angenommen, und Strategien zur Verhinderung eines neurologischen Niedergangs bei den Teilnehmenden sollten verfolgt werden“, argumentiert das Ärzteteam.
Was beim Ohrfeigenkampf passiert – und warum Verteidigung ausgeschlossen ist
Ohrfeigenkampf ist im Kern selbsterklärend: Zwei Personen stehen sich gegenüber und schlagen sich abwechselnd mit der offenen Hand mit maximaler Kraft ins Gesicht. Wer die Ohrfeige einsteckt, darf sich nicht aktiv schützen. Kopfschutz ist verboten, und nicht einmal ein Zurückzucken ist erlaubt.
Power Slap (UFC/Dana White): Hintergrund zur Liga
Power Slap ist eine Promotion für Ohrfeigenkämpfe und gehört dem CEO der Ultimate Fighting Championship (UFC), Dana White. Die erste Fernsehsendung startete 2023; inzwischen läuft der Wettbewerb in der dritten Staffel.
Videoanalyse aus Staffel 1: So wurden Gehirnerschütterungen gezählt
Bei der Auswertung von Aufnahmen aus der ersten Staffel stellten Neurologen der Universität Pittsburgh und des VA Pittsburgh Healthcare System bei mehreren Teilnehmenden sichtbare Hinweise auf eine Gehirnerschütterung fest. Dazu zählten unter anderem ein leerer oder abwesender Blick, auffällige Langsamkeit beim Wiederaufstehen, Koordinationsprobleme, Erbrechen, Amnesie oder Anfälle nach einem Aufprall.
Sobald auch nur eines dieser Anzeichen beobachtet und innerhalb des Teams übereinstimmend bestätigt wurde, werteten die Ärztinnen und Ärzte dies als erlittene Gehirnerschütterung.
Ähnliche Grundsätze werden auch genutzt, um Gehirnerschütterungen bei American-Football-Spielern zu identifizieren – wobei solche Einschätzungen nicht perfekt sind. So zeigten beispielsweise fast ein Viertel der Spieler, die auf dem Footballfeld eine Gehirnerschütterung erlitten hatten, keine sichtbaren Anzeichen.
Zahlen aus der Auswertung: 333 Ohrfeigen, 97 mit Anzeichen
Von insgesamt 333 analysierten Ohrfeigen traten nach 97 Ohrfeigen Anzeichen einer Gehirnerschütterung auf – also bei fast 30 Prozent. Von 56 gesichteten Teilnehmenden zeigten 44 mindestens ein Anzeichen; das entspricht mehr als drei Vierteln der Gruppe.
Bei 20 Teilnehmenden wurden während des Wettkampfs ausserdem sichtbare Hinweise auf eine zweite Gehirnerschütterung festgestellt.
Teilnehmende, die Anzeichen einer Gehirnerschütterung zeigten, verloren die jeweilige Sequenz in 75 Prozent der Fälle.
Am häufigsten beobachtet wurden ein Verlust der motorischen Koordination, ein verzögertes Wiederaufstehen sowie ein leerer oder abwesender Blick.
Diese ersten Ergebnisse basieren auf einer kleinen Stichprobe und stützen sich ausschliesslich auf sichtbare Anzeichen – nicht auf eine ärztlich gesicherte Diagnose.
Trotzdem schreiben die Autoren, dass „Ohrfeigenkämpfe bei Teilnehmenden traumatische Hirnverletzungen auslösen könnten, mit potenziellen Langzeitfolgen“.
Weitere Fachstimmen: „rezept für ein Desaster“ und Hinweise auf akute Hirnverletzung
Mit ihrer Sorge stehen die Forschenden nicht allein – zumal die neue Sportart kontinuierlich an Popularität gewinnt.
Kurz nachdem die Power-Slap-Staffel 2023 ausgestrahlt worden war, beobachtete der Neurowissenschaftler und frühere Profi-Wrestler Christopher Nowinski einen Teilnehmenden, der unmittelbar nach einem Treffer Anzeichen einer Hirnverletzung zeigte.
Nach der Ohrfeige nahm der Körper des Teilnehmenden eine sogenannte „Fechterstellung“ ein, bei der die Arme in eine unnatürliche Position gehen. Dieser Reflex wird – zusammen mit Hirnscans – von Ärztinnen und Ärzten genutzt, um die Schwere einer traumatischen Hirnverletzung einzuschätzen.
„Das ist so traurig“, schrieb Nowinski auf Twitter. „Beachtet die Fechterstellung bei der ersten Hirnverletzung. Er wird vielleicht nie wieder derselbe sein… Reine Ausbeutung. Was kommt als Nächstes, ‚Wer kann eine Messerattacke überleben‘?“
Ein weiterer Neurologe, Nikolas Evangelou vom Universitätsklinikum Nottingham, bezeichnete die Sportart als ein „rezept für ein Desaster“.
„Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir durch eine Dissektion schwerere Hirnverletzungen sehen“, sagte er 2023 gegenüber Sky News.
Auch Raj Swaroop Lavadi, Neurologe an der Universität Pittsburgh und Leiter der jüngsten Studie, betont die problematischen Aspekte aus medizinischer Sicht: „Ohrfeigenkämpfe mögen für Laien unterhaltsam anzusehen sein, aber als medizinische Fachleute fanden wir einige Aspekte der Wettbewerbe ziemlich besorgniserregend.“
„Unser Endziel ist, alle Profisportarten für die neurologische Gesundheit der Athletinnen und Athleten sicherer zu machen. Es ist wirklich schwierig, irgendeine Sportart zu verbieten, aber es ist möglich, das Bewusstsein für die damit verbundenen Schäden zu schärfen.“
Derzeit arbeitet das Team an einer Studie, bei der Mundschutze eingesetzt werden, um zu messen, wie stark der Kopf getroffen wird. Die Neurologen in Pittsburgh hoffen, dass ihre Ergebnisse die Sicherheitsstandards für Teilnehmende in dieser entstehenden Sportart verbessern.
Die Studie wurde in JAMA Surgery veröffentlicht.
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