Der Begriff Dissoziation ist inzwischen überall präsent – in sozialen Medien, in Gesprächen in der Therapie und sogar in lockeren Sprüchen wie „Ich habe in dem Meeting dissoziiert“. Diese Sichtbarkeit kann hilfreich sein.
Gleichzeitig hat sie eine Kehrseite: Viele Menschen glauben, Dissoziation zu verstehen, haben aber in Wirklichkeit ein Sammelsurium aus halbrichtigen Vorstellungen im Kopf.
Die einen setzen sie mit einfachem Tagträumen gleich. Andere halten sie für so selten, dass sie praktisch nur in der Fiktion vorkommt. Fachleute warnen, dass beide Extreme denjenigen schaden können, die damit leben.
Das neue Buch Working with Dissociation in Clinical Practice will hier Klarheit schaffen.
Herausgegeben von Helena Crockford, Melanie Goodwin und Paul Langthorne beschreibt es Dissoziation als ernstes, komplexes Phänomen, das häufig in Trauma wurzelt – insbesondere in lang anhaltenden Belastungen in der frühen Kindheit.
Zugleich verfolgt der Band das Ziel, Behandelnden und Versorgungssystemen mehr praktische Werkzeuge an die Hand zu geben. Denn Missverständnisse rund um Dissoziation führen nicht nur zu schlechten Gesprächen, sondern können Fehldiagnosen und unwirksame Behandlung nach sich ziehen.
Warum Dissoziation oft missverstanden wird
Ein Teil der Verwirrung entsteht dadurch, dass fast alle Menschen irgendwann schon einmal etwas erlebt haben, das sich „dissoziativ“ anfühlen kann.
In einem Notfall kann man innerlich wie betäubt sein, „auf Autopilot“ funktionieren und die emotionale Wucht erst später spüren. Man bewältigt eine Krise scheinbar ruhig – und merkt erst danach, dass die Hände zittern.
Diese normale, kurzfristige Reaktion nach dem Motto „Gefühle abschalten, um zurechtzukommen“ verführt zu der Annahme, Dissoziation sei grundsätzlich leicht, vorübergehend und ungefährlich.
Die Herausgebenden betonen jedoch: Bei Menschen, die überwältigenden oder wiederholten Traumata ausgesetzt waren – vor allem ohne Sicherheit oder sichere Bindung –, kann sich Dissoziation zu einem tief verankerten Muster entwickeln.
Dann ist sie nicht mehr nur ein kurzfristiger Bewältigungsmodus, sondern eine langfristige Schutzstrategie von Psyche und Körper – selbst dann, wenn dieser Schutz beginnt, den Alltag spürbar zu beeinträchtigen.
Ein Überlebensmechanismus
Die Herausgebenden ordnen Dissoziation als eine adaptive Reaktion ein: eine eingebaute Überlebensstrategie, wenn etwas im Moment zu intensiv ist, um es zu verarbeiten. Wichtig ist ihnen dabei, dass es weder ein Trendlabel noch eine Inszenierung ist, sondern ein Reflex.
„Dissoziation ist ebenso verbreitet wie andere schwere psychische Erkrankungen, bleibt jedoch eine der am meisten missverstandenen und am häufigsten nicht erkannten Erfahrungen in der psychischen Gesundheitsversorgung“, erklärten sie.
„Dissoziation wird derzeit am besten als adaptive Abwehrreaktion auf überwältigendes Trauma verstanden. Sie stellt eine automatische, reflexhafte evolutionäre Reaktion auf Bedrohung dar und dient dem Schutz der Person, indem sie deren Wahrnehmung einer unerträglichen (traumatischen) Erfahrung reduziert.“
Diese Einordnung ist relevant, weil sie den Ton der Diskussion verändert. Aus „Was stimmt nicht mit dir?“ wird eher: „Was musste dein System tun, damit du weitermachen konntest?“
Keine einheitliche Erfahrung
Ein zentraler Punkt des Buches lautet: Dissoziation ist kein klar umrissenes Einzelphänomen. Eher handelt es sich um ein breites Spektrum an Erfahrungen, das sich von Person zu Person stark unterscheiden kann.
Manche fühlen sich vom eigenen Körper abgetrennt, als würden sie sich selbst von außen beobachten.
Andere erleben die Welt als unwirklich – als gingen sie durch Nebel oder einen Traum. Wieder andere berichten von Identitätsverunsicherung, plötzlichen Veränderungen im Verhalten oder Erinnerungslücken.
„Dissoziation kann ein breites Spektrum an Erfahrungen umfassen – von mild bis schwer, von vorübergehend bis chronisch“, schrieben die Herausgebenden.
„Bei Menschen, die überwältigendes Trauma erlebt haben – häufig früh im Leben und ohne sichere Bindung, die Sicherheit schafft –, können sich jedoch im Laufe der Zeit chronische Muster schwerer Dissoziation entwickeln, die sich verfestigen und problematisch werden.“
Gerade dieses Spektrum ist ein Grund, weshalb Popkultur oft Abkürzungen nimmt: Filme greifen bevorzugt die spektakulärsten Ausprägungen auf, wodurch der Eindruck entsteht, Dissoziation sei immer ein dramatischer „Plot-Twist“.
Menschen mit leiseren, chronischen Formen erkennen dagegen womöglich nicht, was mit ihnen geschieht – oder sie werden nicht ernst genommen, weil ihre Symptome nicht zu den gängigen Stereotypen passen.
Wie häufig ist Dissoziation wirklich?
Die Fachleute im Buch stellen sich ausdrücklich gegen das Narrativ „das ist extrem selten“ und verweisen auf Prävalenzschätzungen.
Zitiert wird Forschung, nach der zwischen 1,1% und 1,5% der Allgemeinbevölkerung wahrscheinlich eine dissoziative Identitätsstörung haben; und rund 4,1% dürften insgesamt mit einer dissoziativen Störung auftreten.
Diese Zahlen sind aus zwei Gründen bedeutsam. Erstens widersprechen sie der Vorstellung, Dissoziation sei eine Erfindung des Internets.
Zweitens machen sie deutlich, wie viele Betroffene ohne klare Begriffe und ohne passende Versorgung bleiben könnten – besonders dann, wenn Angebote nicht systematisch auf Dissoziation screenen oder nicht wissen, wie damit therapeutisch umzugehen ist.
Was die Hirnforschung ergänzt
Zu den schädlichsten Fehlannahmen zählt aus Sicht der Herausgebenden die Idee, Dissoziation sei „ausgedacht“.
Dieses Stigma erschwert es, Unterstützung zu suchen, und erhöht das Risiko, abgewertet zu werden – insbesondere bei Menschen, die nach traumatischen Erfahrungen ohnehin Scham mit sich tragen.
Der Text verweist darauf, dass neurowissenschaftliche Befunde die Annahme stärken, Dissoziation sei messbar.
Bildgebende Studien zeigen bei Menschen mit dissoziativen Störungen andere Muster der Hirnaktivierung; und bei der dissoziativen Identitätsstörung kann das Gehirn je nach dissoziativem Zustand, in dem sich eine Person befindet, deutlich unterschiedlich erscheinen.
Wichtig ist dabei das Argument, dass sich solche Muster nicht einfach „fälschen“ lassen, wie Skeptikerinnen und Skeptiker es mitunter nahelegen.
Das bedeutet nicht, dass Gehirnscans eine einfache diagnostische Abkürzung wären. Es verleiht jedoch der Sichtweise Gewicht, dass Dissoziation ein reales Zusammenspiel von Geist und Körper ist – keine moralische Schwäche und keine dramatische „Charakterentscheidung“.
Warum Behandlung oft nicht ausreicht
Ein weiteres Leitmotiv lautet: Dissoziation braucht eine Behandlung, die Dissoziation mitdenkt. In Systemen wie dem britischen NHS (National Health Service) seien die Möglichkeiten nach Ansicht der Herausgebenden oft begrenzt, und vielen Behandelnden fehle ausreichende Schulung, um Dissoziation zu erkennen oder ihre Bedeutung für Therapieverläufe zu verstehen.
Wenn sich unter Stress Gedächtnis, Selbstgefühl und Wahrnehmung verändern können, greifen Standardansätze möglicherweise zu kurz oder werden sogar als destabilisierend erlebt.
Den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zufolge gibt es deutliche Zusammenhänge zwischen unbehandelter Dissoziation und schlechterer körperlicher Gesundheit, Problemen der Emotionsregulation sowie Einschränkungen der sozialen Funktionsfähigkeit.
Der Band plädiert daher für traumaphasische Vorgehensweisen und angepasste psychologische Therapien.
Zudem wird nahegelegt, dass die Evidenz für solche zugeschnittenen Behandlungen wächst – und dass sie nicht nur wirksam sein könnten, sondern auch kosteneffizienter als der übliche Kreislauf aus Fehldiagnosen, wiederholten Krisen und zersplitterter Versorgung.
Dieses Überlebenswerkzeug verstehen
Die Autorinnen und Autoren erweitern den Blick außerdem über die einzelne Person hinaus.
„Bemühungen, die Fähigkeit von Diensten zu verbessern, traumaassoziierte Dissoziation wahrzunehmen, zu erkennen und darauf zu reagieren, werden nicht nur Menschen zugutekommen, die traumaassoziierte Dissoziation erleben, sondern auch ihren Familien, sozialen Netzwerken und der Gesellschaft“, erklärten sie.
Dissoziation lässt sich daher weder als skurriler „Mental-Glitch“ noch als beängstigendes, extrem seltenes Phänomen verstehen, das man nur aus Thrillern kennt. Häufig ist sie eine Überlebensreaktion, die überstrapaziert wurde, weil ein Mensch weiter überleben musste.
Die richtigen Begriffe zu finden, verbessert nicht nur das öffentliche Verständnis. Es kann Scham verringern, Behandlung gezielter machen und Betroffenen helfen zu erkennen: Das, was sie erleben, hat einen Namen – und man kann damit arbeiten, statt es nur zu fürchten.
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