Über die Alzheimer-Krankheit ist weiterhin erstaunlich viel unklar. Eine Verbindung, die Forschende jedoch mit besonderem Nachdruck verfolgen, ist die zwischen schlechtem Schlaf und einem ungünstigeren Krankheitsverlauf.
Hinweise aus der Forschung deuten darauf hin, dass sich dieser Zusammenhang womöglich nutzen lässt – selbst bei Menschen, denen Schlaf ohnehin schwerfällt.
Schlaf und Alzheimer-Krankheit: Warum der Zusammenhang so wichtig ist
Schlafstörungen können ein frühes Warnsignal der Alzheimer-Krankheit sein und anderen Beschwerden wie Gedächtnisproblemen und kognitivem Abbau vorausgehen.
Wenn die ersten Symptome auftreten, sind die Werte von abnormalem Amyloid-Beta nahezu am Höchststand. Dieses Protein lagert sich zu Klumpen zusammen, sogenannten Plaques, die Nervenzellen im Gehirn beeinträchtigen.
Forschende vermuten, dass besserer Schlaf ein Ansatz sein könnte, Alzheimer hinauszuzögern: Im Schlaf „spült“ das Gehirn unter anderem übrig gebliebene Proteine und weitere Abfallprodukte des Tages aus.
Was die Studie 2023 zu Suvorexant im Schlaflabor untersuchte
Eine 2023 veröffentlichte Studie berichtete, dass Schlafmittel, die beim Einschlafen helfen, die Ansammlung toxischer Proteinablagerungen in jener Flüssigkeit verringern könnten, die das Gehirn jede Nacht reinigt.
Konkret zeigte sich bei Personen, die Suvorexant – ein gängiges Mittel gegen Insomnie – zwei Nächte lang in einem Schlaflabor einnahmen, ein leichter Rückgang von Amyloid-Beta und Tau. Beide Proteine häufen sich bei der Alzheimer-Krankheit an.
Wichtig ist dabei: Die Untersuchung lief nur kurz und umfasste lediglich eine kleine Gruppe gesunder Erwachsener.
Trotzdem ist die Arbeit der Washington University in St. Louis ein anschauliches Beispiel dafür, wie eng Schlaf mit molekularen Markern der Alzheimer-Krankheit verknüpft sein kann.
Sehen Sie sich das Video unten an, um eine Zusammenfassung der Ergebnisse zu erhalten:
Studienleiter Brendan Lucey, Neurologe am Sleep Medicine Center der Washington University, warnte jedoch ausdrücklich davor, daraus voreilige Schlüsse für den Alltag zu ziehen: „Es wäre verfrüht, wenn Menschen, die sich Sorgen machen, an Alzheimer zu erkranken, das als Grund interpretieren würden, jede Nacht Suvorexant zu nehmen.“
Die Studie erstreckte sich über nur zwei Nächte und schloss 38 Teilnehmende mittleren Alters ein, die keine Anzeichen einer kognitiven Beeinträchtigung zeigten und weder Schlafprobleme hatten.
Ergebnisse: Veränderungen bei Amyloid-Beta und Tau
Lucey und sein Team wollten prüfen, ob sich durch „verbesserten“ Schlaf mithilfe eines Schlafmittels die Werte von Tau und Amyloid-Beta im Liquor (der Gehirn und Rückenmark umspülenden Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit) senken lassen. Frühere Forschung zeigt, dass bereits eine einzige Nacht mit gestörtem Schlaf die Amyloid-Beta-Werte ansteigen lassen kann.
Freiwillige im Alter von 45 bis 65 Jahren erhielten eine von zwei Dosierungen Suvorexant oder eine Placebo-Tablette. Die Einnahme erfolgte eine Stunde nachdem Forschende Liquor entnommen hatten, um eine kleine Probe zu gewinnen.
Anschliessend wurden über 36 Stunden hinweg alle zwei Stunden weitere Proben gesammelt – während des Schlafs sowie am folgenden Tag und in der darauffolgenden Nacht –, um zu messen, wie sich die Proteinwerte im Zeitverlauf verändern.
Obwohl sich der Schlaf zwischen den Gruppen nicht unterschied, waren die Amyloid-Beta-Konzentrationen nach einer Suvorexant-Dosis, wie sie üblicherweise bei Insomnie verschrieben wird, im Vergleich zum Placebo um 10 bis 20 Prozent reduziert.
Die höhere Suvorexant-Dosis senkte ausserdem vorübergehend die Werte von hyperphosphoryliertem Tau – einer veränderten Tau-Form, die mit der Bildung von Tau-Verklumpungen und dem Absterben von Zellen in Verbindung gebracht wird.
Allerdings zeigte sich dieser Effekt nur bei bestimmten Tau-Formen, und die Tau-Konzentrationen stiegen innerhalb von 24 Stunden nach der Einnahme des Schlafmittels wieder an.
Lucey blieb dennoch vorsichtig optimistisch: „Wenn man die Tau-Phosphorylierung reduzieren kann, gäbe es möglicherweise weniger Verklumpungen und weniger neuronalen Zelltod.“ Er verwies zugleich darauf, dass künftige Studien bei älteren Erwachsenen, in denen Schlafmittel über Monate getestet werden, erst noch zeigen müssten, ob sich ein dauerhafter Effekt auf Proteinwerte messen lässt – und welche Nachteile Schlafmittel dabei haben könnten.
Einordnung: Chancen, Risiken und die unsichere Alzheimer-Hypothese
Für Menschen mit Schlafmangel sind Schlafmittel als langfristige Lösung zudem problematisch, weil sich relativ leicht eine Abhängigkeit entwickeln kann.
Ausserdem können Schlafmittel dazu führen, dass der Schlaf eher in flacheren Phasen verbleibt statt in erholsamem Tiefschlaf. Das ist relevant, weil frühere Arbeiten von Lucey und Kolleginnen und Kollegen einen Zusammenhang zwischen schlechterer Tiefschlaf-Qualität und erhöhten Werten von Tau-Verklumpungen sowie Amyloid-Beta gefunden haben.
Hinzu kommt eine grundlegende Unsicherheit: Wie genau die Alzheimer-Krankheit entsteht, ist weiterhin nicht abschliessend geklärt.
Die führende Theorie, wonach abnorme Proteinablagerungen die Alzheimer-Pathologie antreiben, wird zuletzt stark hinterfragt. Nach jahrzehntelanger Forschung, die darauf abzielte, Amyloid-Werte zu senken, haben sich diese Ansätze bislang nicht in ein tatsächlich hilfreiches Medikament oder eine Therapie übersetzt, die die Krankheit verhindert oder verlangsamt. Das hat Forschende dazu gebracht, den Krankheitsprozess neu zu überdenken.
Mit anderen Worten: Schlafmittel können manchen Menschen helfen, besser zu schlafen – sie als vorbeugende Behandlung einzusetzen, um Alzheimer abzuwehren, bleibt jedoch eine vage Aussicht, die zudem an einer inzwischen wackeligen Hypothese zur Alzheimer-Pathologie hängt.
Gleichzeitig wächst die Evidenz, dass Schlafstörungen mit der Alzheimer-Krankheit zusammenhängen – einer Erkrankung, für die es keine Behandlungen gibt. Lucey betont, dass es in jedem Alter sinnvoll ist, die Schlafhygiene zu verbessern und Schlafprobleme wie Schlafapnoe behandeln zu lassen, um die allgemeine Gehirngesundheit zu unterstützen.
„Ich hoffe, dass wir irgendwann Medikamente entwickeln werden, die den Zusammenhang zwischen Schlaf und Alzheimer nutzen, um kognitiven Abbau zu verhindern“, sagte Lucey. Er räumte aber ein: „Wir sind noch nicht ganz so weit.“
Die Studie wurde in Annals of Neurology veröffentlicht.
Eine frühere Version dieses Artikels wurde im April 2023 veröffentlicht.
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