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Verlängerte Ausatmung kann laut Charité – Universitätsmedizin Berlin das Risiko steigern

Junger Mann liegt in MRT-Gerät, bereit für medizinische Untersuchung, neben Bildschirm mit Euro-Symbol.

Schliessen Sie manchmal kurz die Augen, holen tief Luft und lassen sie dann gaaaanz langsam wieder heraus, bevor Sie eine grosse Entscheidung treffen?

Damit sind Sie nicht allein – diese Vorgehensweise wird häufig empfohlen, wenn man sich überfordert fühlt. Frühere wissenschaftliche Arbeiten zeigen zudem, dass bestimmte Formen von Atemtraining Angst reduzieren und den Blutdruck senken können.

Neue Forschung deutet jedoch darauf hin, dass die Wirkung stark davon abhängt, wie genau man atmet – und dass die erwartete beruhigende, „erdende“ Wirkung nicht in jedem Fall eintritt.

Eine kleine Machbarkeitsstudie unter Leitung von Forschenden der Charité – Universitätsmedizin Berlin kommt sogar zu dem Ergebnis, dass ein langsames, bewusst verlängertes Ausatmen die Risikobereitschaft erhöhen kann.

Statt Menschen in Richtung Vorsicht zu „beruhigen“, schien die Technik sie eher zur riskanteren Option zu bewegen.

Studie der Charité – Universitätsmedizin Berlin zur verlängerten Ausatmung

Im Fokus stand eine einfache Atemtechnik, die als „verlängerte Ausatmung“ bekannt ist: ein kurzer Atemzug nach innen, gefolgt von einem deutlich längeren Ausatmen.

Den Ergebnissen zufolge waren Personen unter dieser Atemweise eher bereit, riskante Wetten anzunehmen. Hirnscans legten ausserdem nahe, dass die Technik verstärkt, wie stark das Gehirn mögliche Belohnungen bewertet.

Die verlängerte Ausatmung wird bereits im Training von Militär und Polizei eingesetzt, um unter Druck ruhig und zugleich leistungsfähig zu bleiben.

Bekannt ist, dass sie den Körper in einen „Ruhe-und-Verdauung“-Zustand (bzw. in einen Zustand kardialer parasympathischer Dominanz) verschiebt, indem sie die Aktivität des parasympathischen Nervensystems erhöht – gewissermassen das Gegenstück zur „Kampf-oder-Flucht“-Reaktion.

Offen war bislang, ob ein gezieltes Hochregeln dieses ruhigen Körperzustands tatsächlich verändert, welche Entscheidungen Menschen treffen.

„Das gezielte Verändern des autonomen Zustands kann prägen, wie wir die Welt bewerten, und dadurch letztlich Entscheidungen beeinflussen“, schreiben die Forschenden in der Fachzeitschrift Neuron.

„Dennoch ist unklar, ob und wie eine bewusste autonome Regulation die menschliche Entscheidungsfindung beeinflusst.“

Versuchsaufbau im MRT: 41 Teilnehmende und 50/50-Wetten

Um das zu untersuchen, liess das Team um die Neurowissenschaftlerin Soyoung Q. Park 41 Teilnehmende eine Glücksspielaufgabe bearbeiten, während sie in einem MRT-Scanner lagen.

Jede Person traf eine Reihe von Annehmen-oder-Ablehnen-Entscheidungen zu 50/50-Wetten – einmal bei normaler Atmung und einmal mit einer Bildschirmvorgabe, die das Ausatmen auf ein Einatmen-zu-Ausatmen-Verhältnis von 2:8 Sekunden streckte (2 Sekunden ein, 8 Sekunden aus).

Parallel dazu erfasste das Forschungsteam Herzaktivität, Atemfrequenz, Hautleitfähigkeit und Pupillengrösse.

Wie beabsichtigt, veränderte die Bedingung mit langsamer Atmung mehrere Körperwerte: Das Ausatmen dauerte länger, die Atmung wurde insgesamt langsamer, und zwei getrennte Marker der kardialen parasympathischen Aktivität stiegen – verglichen mit normaler Atmung.

Parameter, die eher mit dem sympathischen „Kampf-oder-Flucht“-System verknüpft sind, etwa Hautleitfähigkeit und Pupillengrösse, blieben dagegen unverändert. Das spricht dafür, dass der Effekt spezifisch den beruhigenden Zweig des Nervensystems betraf und nicht einfach eine allgemeine Dämpfung der Erregung darstellte.

Mehr Risikobereitschaft: Belohnungen zählen stärker, Verluste nicht weniger

Vor diesem physiologischen Hintergrund gingen die Teilnehmenden häufiger Risiken ein. Das lag jedoch nicht daran, dass sie die Nachteile plötzlich ignorierten.

Als die Forschenden die Entscheidungen genauer modellierten, zeigte sich: Die Atemtechnik erhöhte ausschliesslich die Empfindlichkeit gegenüber der Höhe der möglichen Belohnung; die Sensitivität gegenüber möglichen Verlusten blieb statistisch unverändert.

Anders gesagt: Die Teilnehmenden wurden nicht pauschal leichtsinnig – vielmehr richteten sie mehr Aufmerksamkeit darauf, was sie gewinnen könnten.

Die MRT-Daten liefern Hinweise darauf, wo dieser Wandel im Gehirn ansetzen könnte.

Personen, bei denen ein herzbasierter Marker parasympathischer Aktivität am stärksten anstieg, zeigten auch besonders ausgeprägte belohnungsbezogene Aktivität in zwei Hirnregionen: im ventromedialen präfrontalen Kortex, der dabei hilft, Entscheidungen subjektiv zu bewerten, sowie im Precuneus, der mit selbstbezogenem Denken zusammenhängt und Körpersignale in die Entscheidungsfindung integriert.

Die Reaktionszeiten unterschieden sich nicht zwischen der Normalatmungs-Bedingung und der Bedingung mit langsamem Ausatmen. Der Effekt lässt sich daher nicht einfach damit erklären, dass die Betroffenen weniger lange nachdachten.

Die Forschenden deuten das Ergebnis als Hinweis darauf, dass der innere Körperzustand eine Entscheidung nicht nur begleitet, sondern sie aktiv mitformt – über einen von ihnen beschriebenen „neuroviszeralen“ Pfad, der Atmung, Herz und Gehirn verbindet.

„Dieses Muster unterstreicht die wesentliche Funktion des Körperzustands bei der Formung menschlicher Entscheidungen, eine empirische Bestätigung der neuroviszeralen Integration“, schreibt das Team.

Allerdings gibt es wichtige Einschränkungen.

Die Stichprobe war klein und bestand aus gesunden jungen Erwachsenen mit einem Durchschnittsalter von 25 Jahren. Zudem bezog sich das „Risiko“ auf eine monetäre Laborsituation – nicht auf eine Entscheidung in der realen Welt unter echtem Druck.

Ausserdem waren die Beträge für Gewinn und Verlust in der Aufgabe absichtlich unausgewogen, um den Effekt leichter nachweisen zu können. Die Forschenden selbst bezeichnen das daher als Prinzipnachweis und nicht als abschliessende Aussage.

Künftige Studien mit ausgewogeneren Gewinn- und Verlustbeträgen sowie vielfältigeren Teilnehmenden müssen zeigen, wie gut sich der Befund verallgemeinern lässt.

Trotzdem halten die Autorinnen und Autoren den Mechanismus perspektivisch für potenziell nützlich – auch jenseits des Labors, etwa in therapeutischen Kontexten, in denen die Belohnungsverarbeitung aus dem Gleichgewicht geraten ist, wie bei Depressionen oder Angststörungen.

Man sollte nur nicht automatisch davon ausgehen, dass ein paar langsame Atemzüge vor der nächsten grossen finanziellen Entscheidung einen vernünftiger machen.

Die Studie wurde in Neuron veröffentlicht.

Dieser Artikel wurde von Clare Watson auf Fakten geprüft und von Clare Watson redigiert. So sehr wir auf unseren Prozess achten: Wir sind nur Menschen. Wenn Ihnen ein Fehler auffällt, geben Sie uns bitte Bescheid.

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