Als die Pandemie die eigene Sterblichkeit stärker ins Bewusstsein rückte als sonst, reagierten Menschen sehr unterschiedlich. Während sich einige zurückzogen und nach innen wandten, suchten andere nach mehr – nach Sinn, Verbundenheit oder einem stillen Neuanfang.
Eine neue Studie legt nahe, dass diese Reaktionen nicht nur die Gefühlswelt prägten. Sie beeinflussten auch die Bereitschaft zu reisen, insbesondere in der näheren Umgebung. Ein Aspekt könnte dabei wichtiger sein als bislang angenommen: der Wohnort.
Geografie des menschlichen Verhaltens
Die Untersuchung der University of Florida (UF) und der Hanyang University in Südkorea kommt zu dem Schluss, dass Reiseentscheidungen nicht allein von Persönlichkeit, finanziellen Möglichkeiten oder der Angst vor einer Infektion abhängen.
Auch das örtliche Umfeld spielt eine Rolle: Es kann sinnstiftende und erholsame Erfahrungen ermöglichen oder den Zugang dazu erschweren.
„Das menschliche Verhalten wird nicht nur von unseren Gedanken geprägt, sondern auch davon, wo wir leben“, sagte Professor Jinwon Kim.
„Unsere Studie führte einen geopsychologischen Ansatz ein, der untersucht, wie Standort und Umwelt das Verhalten beeinflussen. Zum ersten Mal wurde dieses Konzept in der Tourismusforschung angewendet.“
Angst vor dem Tod und Reiseverhalten
Um zu erfassen, wie Menschen in den USA nach dem ersten Schock der Pandemie mit dem Thema Sterblichkeit umgingen, führten die Forschenden im Juni 2022 eine Befragung unter 440 Erwachsenen in den USA durch.
Sie erkundigten sich nach Gedanken über Sterblichkeit, kulturellen Werten, Selbstwertgefühl, Reiseabsichten und „Transzendenz“. Die Studie definiert Transzendenz als das Bedürfnis nach Sinn und Verbundenheit, die über das eigene Selbst hinausgehen.
Im Kern steht die Annahme, dass Menschen bei einer stärkeren Bewusstheit über den Tod häufig versuchen, ihr psychisches Gleichgewicht wiederherzustellen.
Für manche kann Reisen zu diesem Ausgleich beitragen – jedoch nicht zwingend als ausgelassene Flucht. Es kann ebenso um langsamere, nachdenklichere Erlebnisse gehen, die helfen, wieder Boden unter den Füßen zu spüren.
„Wenn wir uns unserer eigenen Sterblichkeit bewusst werden, suchen wir ganz natürlich nach Wegen, unser psychisches Gleichgewicht wiederherzustellen“, sagte Kim.
„Positive, gesunde Bewältigungsstrategien können Resilienz fördern und Menschen auf das Erreichen von Transzendenz ausrichten, wodurch die Wahrscheinlichkeit zu reisen steigt.“
Sterblichkeit kann Reflexion auslösen
Zu den zentralen Ergebnissen der Studie gehört, dass das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit Menschen mitunter zu gesünderen Bewältigungsformen bewegen kann.
Die Forschenden stellten fest, dass die Auseinandersetzung mit dem Tod das Selbstwertgefühl stärken und den Blickwinkel erweitern kann. Dies führt eher zu überlegten Reaktionen als zu Panik oder Vermeidung.
Dieser reflektierende Umgang scheint das Bedürfnis nach Transzendenz zu verstärken, was wiederum die Reiseabsichten erhöht.
Dadurch entsteht gewissermaßen ein Kreislauf: Gedanken an die Sterblichkeit veranlassen manche Menschen zur Sinnsuche, und Reisen wird zu einem möglichen Weg dorthin.
Warum Tourismuszentren den Effekt verstärken
Besonders deutlich zeigte sich dieses Muster bei Menschen, die in Regionen mit starkem Tourismus leben. Laut Studie haben Anwohnerinnen und Anwohner solcher Orte möglicherweise leichteren Zugang zu Erfahrungen, die als sicher, strukturiert und sinnstiftend wahrgenommen werden.
Dort gibt es mehr kulturelle Angebote, mehr auf Wohlbefinden ausgerichtete Möglichkeiten, mehr Reisedienstleistungen und mehr Angebote des sanften Tourismus, die zur Reflexion statt zum Adrenalinkick einladen.
Tourismusangebote, bei denen kulturelle Bedeutung, Wohlbefinden und langsamere, nachdenklichere Erfahrungen im Mittelpunkt stehen, können Menschen helfen, Gedanken an den Tod zu bewältigen.
„Diese touristischen Erlebnisse gehen über Eskapismus oder Ablenkung hinaus und bringen Menschen vielmehr dazu, Transzendenzbedürfnisse zu erfüllen, etwa Sinnstiftung, Selbstverwirklichung und das Gefühl der Verbundenheit mit etwas, das größer ist als man selbst“, sagte Kim.
Die Einordnung der Studie ist entscheidend. Sie behauptet nicht, dass Menschen in Tourismuszentren häufiger reisen, weil sie unbeschwerter sind.
Vielmehr zeigt sie, dass die Umgebung selbst mehr Wege zu sinnorientiertem Reisen eröffnet. Das kann Menschen beim Umgang mit der empfundenen Nähe der Sterblichkeit unterstützen.
Wenn Bewältigung nach innen führt
Nicht alle reagieren auf Gedanken an die eigene Sterblichkeit, indem sie nach Entwicklung oder Verbundenheit suchen.
Die Studie ergab, dass Menschen mit negativen Bewältigungsstrategien – etwa sozialem Rückzug oder dem Grübeln über düstere Gedanken – seltener Transzendenz anstreben und weniger Motivation zum Reisen verspüren.
Dieses Muster trat häufiger bei Bewohnerinnen und Bewohnern von Regionen mit geringem Tourismus auf. Die Forschenden betonen, dass dies nicht auf weniger starke oder weniger resiliente Menschen hindeutet. Stattdessen verweist es auf ein eingeschränkteres lokales „Angebot“ an erholsamen Erfahrungen.
Weniger Sehenswürdigkeiten, weniger Wellness- oder Kulturangebote und eine schlechter zugängliche Reiseinfrastruktur können die Möglichkeiten für Reflexion und Erneuerung verringern.
Weniger Wege zu Sinn und Erneuerung
Die Forschenden merkten an, dass Reisen zu einem Mittel werden kann, um Erneuerung und Sinn zu finden, wenn Menschen über den Tod nachdenken.
In Gebieten mit geringer Tourismuskonzentration kann der begrenzte Zugang zu kulturellen Sehenswürdigkeiten, Wellness- oder sanften Tourismusangeboten und Reisedienstleistungen jedoch Unsicherheit erzeugen und bestehende Ängste verstärken.
„Folglich haben Menschen in diesen Regionen weniger Möglichkeiten, Erfahrungen zu machen, die Selbstreflexion, persönliches Wachstum oder die Verbindung zu umfassenderen kulturellen oder existenziellen Bedeutungen fördern“, sagte Kim.
Nach dieser Sichtweise beeinflusst die Geografie weit mehr als nur die Planung eines Wochenendes. Sie kann auch bestimmen, welche Bewältigungsstrategien in stressigen, ängstlichen oder emotional erschütternden Zeiten erreichbar erscheinen.
Reiseerlebnisse neu denken
Die Forschenden empfehlen, im Reisemarketing weniger auf reine Flucht aus dem Alltag zu setzen und stärker Themen wie Erholung, Wohlbefinden, Entdeckung und persönliches Wachstum hervorzuheben. Das gilt besonders in einer Welt, in der viele Menschen noch immer Restbelastungen aus den Pandemiejahren mit sich tragen.
Zugleich argumentieren sie, dass Gemeinden mit weniger touristischen Möglichkeiten von einer klareren Vermarktung dessen profitieren könnten, was bereits vorhanden ist – auch wenn das Angebot bescheiden sein mag.
Orte wie Parks, Naturspazierwege, Museen und lokale Kulturstätten können die mit Transzendenz verbundenen reflektierenden Erfahrungen ermöglichen. Voraussetzung ist jedoch, dass die Menschen vor Ort sie als tatsächliche Optionen wahrnehmen.
Die übergreifende Botschaft der Studie lautet: Reiseverhalten ist nicht nur eine psychologische und nicht nur eine wirtschaftliche Frage – es wird auch von der Umwelt geprägt.
Der Wohnort bestimmt, welche Hilfsmittel zur Bewältigung unmittelbar verfügbar sind. In einer emotional so intensiven Phase wie der Pandemie können diese Möglichkeiten beeinflussen, ob Menschen sich nach innen zurückziehen oder aufbrechen, um in der Welt nach Sinn zu suchen.
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