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Studie zu Aggression und Gewalt bei Primaten

Zwei junge Schimpansen sitzen im Wald, einer hebt die Hand, im Hintergrund Fernglas auf einem kleinen Tisch.

Viele Menschen gehen davon aus, dass Gewalt wie eine gleitende Skala funktioniert. Aus einem Schubser wird ein Schlag, und aus einem Schlag entsteht irgendwann etwas weitaus Schlimmeres. Das klingt einfach und sogar logisch.

Neue Forschungsergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass diese Vorstellung möglicherweise nicht trägt – zumindest nicht in der Form, wie wir sie lange Zeit verstanden haben.

Ein genauerer Blick auf menschliches Verhalten und auf das Verhalten unserer nächsten tierischen Verwandten zeichnet ein deutlich komplexeres Bild.

Alltägliche Konflikte – also jene, die die meisten Menschen erleben – weisen nicht zwangsläufig auf extreme Gewalt hin. Tatsächlich könnten sie völlig andere Ursachen haben.

Wie Aggression tatsächlich funktioniert

Wissenschaftler versuchen seit Jahren zu klären, woher Gewalt stammt. Ist sie durch die Evolution in uns angelegt, oder wird sie von Kultur und Umwelt geprägt?

Viele Theorien betrachteten Aggression als ein einzelnes Merkmal. Demnach müsste eine Art, die häufig geringfügige Aggression zeigt, auch häufiger tödliche Gewalt ausüben.

Die neue Untersuchung widerspricht dieser Annahme. Sie legt nahe, dass nicht jede Form von Aggression gleich ist. Selbst wenn verschiedene Verhaltensweisen auf den ersten Blick ähnlich wirken, können sie sich grundlegend voneinander unterscheiden.

Die Studie unter Leitung von Professor Bonaventura Majolo von der University of Lincoln sowie Dr. Samantha Wakes und Professor Marcello Ruta betrachtete Aggression artübergreifend aus einer breiten Perspektive.

Statt ausschließlich Menschen zu untersuchen, analysierte das Team Muster innerhalb der Primatenfamilie, zu der Affen, Menschenaffen und auch wir gehören.

Was die Daten zu Aggression bei Primaten zeigten

Die Forschenden werteten das Verhalten von 100 Primatenarten aus. Sie untersuchten fünf klar unterscheidbare Formen der Aggression – von alltäglichen Auseinandersetzungen bis zu tödlichen Angriffen wie dem Töten erwachsener Rivalen oder Kindstötung.

Die Ergebnisse entsprachen nicht den üblichen Erwartungen. Arten mit häufigen milden Aggressionen beteiligten sich nicht mit höherer Wahrscheinlichkeit an tödlicher Gewalt. Ein solcher Zusammenhang bestand schlicht nicht.

Stattdessen zeigten die Daten, dass tödliche Verhaltensweisen offenbar eigenen Entwicklungspfaden folgen. Sie scheinen von anderen Belastungen und Bedingungen geprägt zu werden.

Einige Formen tödlicher Aggression waren zwar mäßig miteinander verknüpft, wiesen jedoch kaum einen Zusammenhang mit den verbreiteteren Konflikten geringer Intensität auf.

Menschliche Natur neu betrachten

Diese Erkenntnisse berühren eine seit Langem geführte Debatte: Sind Menschen von Natur aus gewalttätig, oder bestimmt unser Umfeld, wie wir handeln?

„Das Verständnis der evolutionären Wurzeln von Gewalt ist nicht nur für die Biologie wichtig, sondern auch dafür, wie wir über menschliches Verhalten denken“, sagte Majolo, Professor für soziale Evolution.

„Unsere Studie zeigt, dass die Evolution von Aggression komplexeren Mustern folgt, als frühere Modelle angenommen haben.“

„Es ist biologisch unzutreffend, Arten anhand ihrer allgemeinen Neigung zu Aggression einzuordnen, und wir benötigen einen differenzierteren Ansatz, wenn wir darüber sprechen, ob Menschen von Natur aus gewalttätig sind.“

Diese Sichtweise verändert die Diskussion. Wenn alltägliche Aggression und tödliche Gewalt nicht eng miteinander verbunden sind, greift es möglicherweise zu kurz, eine Art oder den Menschen schlicht als „gewalttätig“ zu bezeichnen.

Aggression ist komplexer

Aggression kann viele Formen annehmen. Ein kurzer Streit, eine territoriale Drohgebärde oder ein Kampf um Ressourcen können oberflächlich ähnlich erscheinen. Die zugrunde liegenden Gründe können sich jedoch wesentlich unterscheiden.

Bei Primaten spielt die soziale Struktur eine große Rolle. Manche Arten leben in eng verbundenen Gruppen mit eindeutigen Hierarchien, andere in lockereren Systemen.

Der Zugang zu Nahrung, Paarungspartnern und Territorium kann das Verhalten jeweils beeinflussen. Diese Faktoren wirken sich jedoch nicht auf jede Art von Aggression in gleicher Weise aus.

Das erklärt, warum tödliche Gewalt nicht einfach aus alltäglichen Konflikten hervorgeht. Sie könnte von besonderen Auslösern abhängen, etwa von intensivem Wettbewerb oder spezifischem sozialem Druck, und nicht von einer allgemeinen Neigung zu aggressivem Verhalten.

Nicht jede Aggression führt zu Gewalt

Die Studie stützt die Auffassung, dass sich menschliche Gewalt nicht allein durch Biologie erklären lässt. Ebenso wenig kann sie auf eine einfache Skala von mildem bis extremem Verhalten reduziert werden.

Vielmehr verweist sie auf ein vielschichtigeres Verständnis. Unterschiedliche Arten von Aggression könnten sich aus unterschiedlichen Gründen entwickelt haben.

Einige helfen Individuen möglicherweise dabei, sich im sozialen Leben zurechtzufinden, während andere unter seltenen und besonders intensiven Bedingungen entstehen.

Die Debatte wird dadurch nicht entschieden, doch ihre Ausgangslage verändert sich. Gewalt als ein einziges Merkmal zu betrachten, könnte uns in die falsche Richtung führen.

Ein sorgfältigerer Ansatz, der alltägliche Konflikte von extremen Handlungen trennt, könnte uns dem Verständnis näherbringen, warum Menschen so handeln, wie sie handeln.

Die vollständige Studie wurde in der Fachzeitschrift Evolution Letters veröffentlicht.

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