Zum Inhalt springen

Die Medianarterie im Unterarm: Warum sie immer häufiger wird

Ärztin führt Ultraschalluntersuchung am Arm eines Patienten mit medizinischem Monitor durch.

Unauffällige Evolution statt Science-Fiction

Wenn wir uns ausmalen, wie der Mensch in ferner Zukunft aussehen könnte, landen wir schnell bei spektakulären Vermutungen: Körpergrösse, Hirnvolumen oder Hautfarbe. Doch gerade die kleinen, kaum beachteten Veränderungen im Körperbau zeigen heute, wie wenig vorhersehbar Evolution tatsächlich ist.

Ein Beispiel ist erstaunlich alltäglich: ein zusätzliches Blutgefäss im Arm, das – folgt man den aktuellen Trends – schon in wenigen Generationen für viele Menschen ganz normal sein könnte.

Die Medianarterie im Unterarm: Entstehung im Mutterleib

Bei allen Menschen bildet sich früh in der Entwicklung eine Arterie, die im Mutterleib vorübergehend mittig durch den Unterarm verläuft und die wachsende Hand mit Blut versorgt: die Medianarterie.

Drei grosse Arterien im Unterarm – die Medianarterie liegt in der Mitte. (ilbusca/Getty Images)

Um die achte Woche herum bildet sie sich normalerweise zurück. Danach übernehmen zwei andere Gefässe die Aufgabe: die Radialarterie (die wir ertasten, wenn wir den Puls messen) und die Ulnararterie.

Anatominnen und Anatomen wissen allerdings seit Längerem, dass dieses „Zurückbilden“ nicht bei allen Menschen gleich zuverlässig passiert. In manchen Fällen bleibt die Medianarterie noch etwa einen weiteren Monat bestehen.

Mitunter werden Menschen sogar geboren, während dieses Gefäss weiterhin aktiv ist – manchmal versorgt es dann nur den Unterarm, in anderen Fällen auch die Hand.

Studie aus Australien: Flinders University und University of Adelaide

Laut einer 2020 veröffentlichten Studie von Forschenden der Flinders University und der University of Adelaide in Australien verschwindet diese Arterie während der Schwangerschaft nicht mehr so häufig wie früher.

Das bedeutet: Es gibt heute mehr Erwachsene als jemals zuvor, bei denen unter dem Handgelenk praktisch ein zusätzlicher „Blutkanal“ verläuft.

„Seit dem 18. Jahrhundert untersuchen Anatominnen und Anatomen, wie häufig diese Arterie bei Erwachsenen vorkommt, und unsere Studie zeigt, dass sie ganz klar zunimmt“, erklärte die Anatomin Teghan Lucas von der Flinders University im Jahr 2020.

„Die Häufigkeit lag bei Menschen, die Mitte der 1880er geboren wurden, bei etwa 10 Prozent; bei Personen, die im späten 20. Jahrhundert geboren wurden, bei 30 Prozent. Das ist – evolutionär betrachtet – ein deutlicher Anstieg in relativ kurzer Zeit.“

Um die Verbreitung dieser dauerhaft vorhandenen Blutbahn zu vergleichen, untersuchten Lucas sowie ihre Kollegen Maciej Henneberg und Jaliya Kumaratilake von der University of Adelaide 80 Gliedmassen aus Körperspenden. Alle Spenderinnen und Spender waren Australierinnen und Australier europäischer Abstammung.

Zum Zeitpunkt ihres Todes waren die Personen zwischen 51 und 101 Jahre alt; damit wurden nahezu alle in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geboren.

Das Team hielt fest, wie häufig eine kräftige Medianarterie vorhanden war, die genügend Blut transportieren kann. Anschliessend verglichen die Forschenden diese Zahlen mit Angaben aus einer Literaturrecherche – und berücksichtigten dabei auch Zählweisen, die das Auftreten des Gefässes überrepräsentieren könnten.

Die Ergebnisse erschienen im Journal of Anatomy.

Dass die Arterie bei Erwachsenen heute offenbar etwa dreimal so häufig vorkommt wie vor mehr als 100 Jahren, ist ein auffälliger Befund. Er deutet darauf hin, dass die natürliche Selektion Menschen begünstigt, bei denen diese zusätzliche Blutversorgung erhalten bleibt.

„Dieser Anstieg könnte durch Mutationen in Genen entstanden sein, die an der Entwicklung der Medianarterie beteiligt sind, oder durch Gesundheitsprobleme der Mütter während der Schwangerschaft – oder tatsächlich durch beides“, sagte Lucas.

Mögliche Vorteile – und das Risiko eines Karpaltunnelsyndroms

Man könnte vermuten, dass eine dauerhaft vorhandene Medianarterie geschickten Fingern oder kräftigen Unterarmen auch nach der Geburt eine besonders zuverlässige Blutversorgung verschafft. Gleichzeitig steigt mit ihr jedoch das Risiko für ein Karpaltunnelsyndrom – eine unangenehme Erkrankung, die die Handfunktion beeinträchtigen kann.

Welche Faktoren genau die Prozesse antreiben, die eine persistierende Medianarterie begünstigen, lässt sich derzeit noch nicht abschliessend klären; dafür wird deutlich mehr Detektivarbeit nötig sein.

Unabhängig davon spricht laut der Studie vieles dafür, dass solche Gefässe künftig noch häufiger werden.

„Wenn dieser Trend anhält, wird bis 2100 die Mehrheit der Menschen eine Medianarterie im Unterarm haben“, sagte Lucas.

Parallelen: Die Fabella im Knie und die Summe kleiner Veränderungen

Der rasche Anstieg der Medianarterie bei Erwachsenen erinnert an ein weiteres Beispiel: das Wiederauftreten eines kleinen Knieknochens namens Fabella, der heute ebenfalls etwa dreimal so häufig ist wie vor einem Jahrhundert.

So klein diese Unterschiede auch wirken mögen – solche mikroevolutionären Verschiebungen summieren sich mit der Zeit zu grossen Variationen, die eine Art schliesslich prägen.

Gemeinsam erzeugen sie wiederum neue Selektions- und Gesundheitsdrücke: Damit geraten wir auf neue Pfade von Gesundheit und Krankheit, die wir uns heute womöglich nur schwer vorstellen können.

Diese Forschung wurde im Journal of Anatomy veröffentlicht.

Eine frühere Version dieses Artikels wurde im Oktober 2020 veröffentlicht.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen