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Günstiges Antidepressivum Vortioxetin bremst Glioblastom im Versuch

Forscher im Labor analysiert Zellkultur in Petrischale, im Hintergrund Gehirnscan am Computerbildschirm sichtbar.

Ein verbreitetes und günstiges Antidepressivum könnte schon bald in einem ganz anderen Krankheitsfeld Leben retten.

Vortioxetin als Serotonin-Modulator gegen das Glioblastom

Das Wachstum des aggressivsten und tödlichsten Hirntumors, des Glioblastoms, wurde sowohl in Ex-vivo-Proben menschlichen Gewebes als auch in lebenden Mäusen wirksam gebremst – und zwar durch einen von der FDA zugelassenen Serotonin-Modulator, der derzeit zur Behandlung schwerer Depressionen eingesetzt wird.

Von einer Heilung kann keine Rede sein. Dennoch könnte das Mittel Betroffenen eine gewisse Entlastung verschaffen und als wirksamer Baustein einer Therapie-Strategie für Glioblastom-Patientinnen und -Patienten dienen. Als nächster Schritt stehen klinische Studien am Menschen an; vor einer Selbstmedikation wird derzeit ausdrücklich gewarnt.

„Der Vorteil von Vortioxetin ist, dass es sicher und sehr kosteneffektiv ist“, sagt der Neurologe Michael Weller vom Universitätsspital Zürich in der Schweiz. „Da das Medikament bereits zugelassen ist, muss es kein komplexes Zulassungsverfahren durchlaufen und könnte die Standardtherapie für diesen tödlichen Hirntumor schon bald ergänzen.“

Warum das Glioblastom so schwer zu behandeln ist

Glioblastome sind selten – doch wenn sie auftreten, sind sie nur schwer zu bekämpfen. Der Tumor entsteht typischerweise im Gehirn oder am Hirnstamm und wächst schnell sowie besonders aggressiv. Eine Heilung gibt es derzeit nicht; deshalb verläuft die Erkrankung meist tödlich und betrifft innerhalb von 5 Jahren rund 95 Prozent der Patientinnen und Patienten. Zur Behandlung gehören in der Regel Strahlentherapie und Chemotherapie und manchmal auch eine Operation, um so viel Tumorgewebe wie medizinisch vertretbar zu entfernen.

Eine nicht invasive Behandlung, die bestehende Massnahmen ergänzt und die Ergebnisse verbessert, wäre aus ärztlicher Sicht sehr wünschenswert. Da jedoch nur wenige Krebsmedikamente die Blut-Hirn-Schranke überwinden können, bleiben die Optionen begrenzt.

Screening an Patientengewebe: 132 Wirkstoffe im Vergleich

Unter der Leitung der Molekularbiologin Sohyon Lee von der ETH Zürich nutzte ein Forschungsteam kultiviertes menschliches Gewebe, das aus Proben von Glioblastom-Patientinnen und -Patienten stammte, die sich im Rahmen ihrer Behandlung einer Tumor-Operation unterzogen. Ziel war es zu prüfen, ob sich bereits verfügbare Medikamente finden lassen, die das Wachstum der Krebszellen unterdrücken. Im Mittelpunkt standen vor allem Antidepressiva, Antipsychotika sowie Wirkstoffe zur Behandlung der Parkinson-Krankheit.

Insgesamt wurden 132 Medikamente an Gewebekulturen von 27 Glioblastom-Patientinnen und -Patienten getestet; dabei erfassten die Forschenden mehr als 2,500 Arzneimittel-Reaktionen. Unerwartet zeigte sich, dass einige Antidepressiva die Entwicklung der Krebszellen wirksam bremsen konnten – darunter auch der Serotonin-Modulator Vortioxetin.

Eine der Wirkungen von Vortioxetin besteht darin, Signalkaskaden zu aktivieren – also eine Reihe von Zellreaktionen, die durch einen Reiz angestossen werden. Diese Kaskaden hemmen die Zellteilung, also genau den Prozess, über den Tumoren wachsen und sich ausbreiten.

Computersimulationen ergaben, dass zur Hemmung des Tumors eine gleichzeitige Kaskade in Nervenzellen und Krebszellen erforderlich ist. Das erklärt, weshalb nur bestimmte Antidepressiva wirksam waren: Sie wirken nicht alle nach demselben Prinzip.

Mausversuche: Vergleich mit Citalopram und Standard-Chemotherapie

Als nächstes prüfte das Team die Wirkstoffe in einem lebenden System: Mäusen mit Glioblastom. Den Tieren wurden Glioblastom-Tumoren transplantiert, danach wurden sie in Gruppen eingeteilt. Eine Kontrollgruppe blieb unbehandelt, eine zweite Gruppe erhielt das SSRI-Antidepressivum Citalopram. Eine dritte Gruppe wurde mit Vortioxetin behandelt.

Der Vergleich 38 Tage nach der Tumorimplantation zeigte: In der Vortioxetin-Gruppe waren Tumorwachstum und Invasivität deutlich geringer als in der Kontrollgruppe und der Citalopram-Gruppe, die untereinander ähnliche Ergebnisse aufwiesen.

In einem Folgeversuch erhielt eine weitere Gruppe von Glioblastom-Mäusen Standard-Chemotherapeutika. Eine andere Gruppe bekam Vortioxetin, während eine dritte keine weitere Behandlung erhielt.

Auch hier zeigte sich ein Vorteil: In der Vortioxetin-Gruppe lagen die Überlebensraten um 20-30 Prozent über denen der Gruppe, die nur Chemotherapie erhielt – und zwar nicht nur kurzfristig, sondern ebenfalls langfristig.

Angesichts dieser vielversprechenden präklinischen Resultate könnten zusätzliche Studien an erkrankten Menschen zeigen, ob bereits eine Glioblastom-Therapie bereitsteht, die zügig weiterentwickelt werden kann.

„Wir wissen noch nicht, ob das Medikament beim Menschen wirkt und welche Dosis erforderlich ist, um den Tumor zu bekämpfen – deshalb sind klinische Studien notwendig“, warnt Weller. „Selbstmedikation wäre ein unkalkulierbares Risiko.“

Trotzdem deutet das Medikament auf mehr Potenzial für die Behandlung dieses verheerenden Krebsleidens hin, als man seit einiger Zeit gesehen hat. Das weckt Hoffnung für die geschätzt 250,000 Menschen, bei denen jedes Jahr ein Glioblastom diagnostiziert wird.

„Wir sind von diesem schrecklichen Tumor ausgegangen und haben vorhandene Medikamente gefunden, die gegen ihn wirken“, sagt der Molekularbiologe Berend Snijder von der ETH Zürich. „Wir zeigen, wie und warum sie wirken – und schon bald werden wir sie an Patientinnen und Patienten testen können.“

Die Studie wurde in Nature Medicine veröffentlicht.

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