Die Welt steuert auf eine wachsende Epidemie der Kurzsichtigkeit zu – und die Aussichten sind alles andere als klar.
Ausgehend von den Entwicklungen der vergangenen 30 Jahre könnten bis 2050 mehr als 740 Millionen Kinder und Jugendliche Schwierigkeiten haben, in die Ferne scharf zu sehen, so neue Schätzungen.
Myopie bei Kindern und Jugendlichen: neue globale Schätzungen bis 2050
Diese beunruhigenden Projektionen stützen sich auf eine weltweite Auswertung, die die Verbreitung von Myopie (Kurzsichtigkeit) anhand von Daten aus 50 Ländern untersuchte – teils mit Erhebungen bis 2023.
Ältere Prognosen berücksichtigten hingegen nur Informationen bis 2015. Doch selbst auf dieser Basis wurde bereits vorhergesagt, dass bis 2050 die Hälfte der Weltbevölkerung kurzsichtig sein würde.
Die jüngste Analyse wurde von Forschenden der Sun Yat-Sen University in China geleitet. Sie umfasst 276 Studien mit insgesamt rund 5,4 Millionen Kindern und Jugendlichen sowie nahezu 2 Millionen dokumentierten Myopie-Fällen.
Die Public-Health-Wissenschaftlerin Jinghong Liang und ihr Team berichten, dass die weltweite Myopie-Prävalenz bei 5- bis 19-Jährigen zwischen 1990 und 2023 von 24 Prozent auf 36 Prozent gestiegen ist.
Am höchsten war die Verbreitung in Japan: Dort sind aktuell 86 Prozent der Kinder und Jugendlichen kurzsichtig. Das Land mit der niedrigsten Prävalenz war Paraguay mit lediglich 0,84 Prozent.
Setzt sich die Verschlechterung der Sehkraft bei Kindern und Jugendlichen künftig in derselben Geschwindigkeit fort, könnte die Myopie-Prävalenz weltweit bis 2050 auf knapp 40 Prozent ansteigen – und damit mehr als 740 Millionen Fälle überschreiten.
In Asien könnte die Prävalenz bis 2050 speziell sogar auf nahezu 70 Prozent klettern.
Beschleunigt sich der Trend seit 2020?
Doch was, wenn das Tempo zunimmt? Daten aus den letzten 30 Jahren – und besonders seit 2020 – deuten darauf hin, dass Myopie weltweit häufiger wird, und zwar nicht nur in einzelnen Regionen.
Frühere Untersuchungen haben die COVID-19-Pandemie ebenfalls mit einer Verschlechterung der Sehkraft bei Kindern in Verbindung gebracht. So beobachteten Forschende in Hongkong im Jahr 2020 einen schnellen Anstieg der Kurzsichtigkeit bei 709 Kindern im Alter von 6 bis 8 Jahren.
Mögliche Ursachen: Gene, Zeit im Freien und Bildschirmlernen
Auch wenn genetische Faktoren bei Myopie zweifellos mitwirken, reicht das allein als Erklärung für den jüngsten weltweiten Anstieg der Fallzahlen nicht aus.
Selbst wenn ein Kind zwei kurzsichtige Eltern hat, zeigte eine Studie: Verbringt es nicht genügend Zeit im Freien, steigt das genetische Myopie-Risiko auf etwa 60 Prozent.
Es wird angenommen, dass Spielen und Aufenthalt draussen das Myopie-Risiko bei Kindern senken. Während der Pandemie waren Kinder in vielen Teilen der Welt jedoch stärker auf Innenräume beschränkt. Zudem fand Unterricht in dieser Zeit oft virtuell statt, wodurch Schülerinnen und Schüler länger als üblich vor Bildschirmen sassen.
Die Autorinnen und Autoren der aktuellen globalen Auswertung betonen: „Dies ist besonders bedeutsam für Vorschulkinder, da sie sich in einer kritischen Phase der visuellen Entwicklung befinden, die durch eine hohe Plastizität gekennzeichnet ist.“
Ausserdem fordern sie: „Es besteht die Notwendigkeit, Daten zu erheben, um die Veränderungen der Myopie-Prävalenz in der jungen Bevölkerung über die Zeit zu messen, da sowohl hinsichtlich Ethnie als auch Geografie deutliche Unterschiede erkennbar sind.“
Regionale Unterschiede und der Einfluss von Bildung
In Afrika ist die Myopie-Prävalenz bei Kindern und Jugendlichen beispielsweise siebenmal niedriger als in Asien.
Warum das so ist, ist bislang unklar. Es gibt jedoch einen Zusammenhang zwischen der Dauer der Ausbildung und dem Auftreten von Myopie. In Singapur und Hongkong nehmen Kinder bereits mit zwei oder drei Jahren aktiv an Bildungsprogrammen teil – noch bevor die formale Schulzeit beginnt.
Liang und Kolleginnen und Kollegen halten daher für möglich: „Es ist plausibel, dass die frühere Einführung formaler Bildungspraktiken in jungen Jahren die Häufigkeit von Myopie in der Kindheit beeinflussen könnte.“
Zugleich ordnen sie die Ergebnisse ein: „Diese Erkenntnisse sind ein wichtiger Schritt zum Verständnis der Myopie-Trends im Zeitverlauf, insbesondere in Bevölkerungen, die rasche Veränderungen der Myopie erleben, sowie des deutlichen Anstiegs während der besonderen Phase der COVID-19-Pandemie.“
Die Autorinnen und Autoren argumentieren, dass es zwingend notwendig ist, die Gründe für den Anstieg der Myopie bei jungen Menschen zu identifizieren und evidenzbasierte Wege zu entwickeln, um eine weitere Verschlechterung der Sehkraft in der nächsten Generation zu verhindern.
Die Studie wurde im British Journal of Ophthalmology veröffentlicht.
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