Zwei Viren, die bislang vor allem in Tieren vorkommen, wirken im Umfeld von Menschen zunehmend weniger fehl am Platz. Bislang haben sie jedoch keinen weltweiten Notfall ausgelöst.
Trotzdem betonen Forschende, dass wichtige Voraussetzungen für einen künftigen Ausbruch bereits vorhanden sind – darunter häufige Kontakte zwischen Menschen und Tieren, lückenhafte Teststrategien sowie eine unzureichende frühe Erkennung neuer Atemwegsviren.
In einer aktuellen Übersichtsarbeit vertreten Fachleute für Infektionskrankheiten die Auffassung, dass das Influenza-D-Virus und das Hunde-Coronavirus deutlich mehr Aufmerksamkeit verdienen, als sie derzeit erhalten.
Die Sorge richtet sich nicht nur darauf, dass beide Erreger Menschen schon heute infizieren können. Entscheidend ist: Sollte sich einer von ihnen so verändern, dass er effizient von Mensch zu Mensch übertragen wird, könnte er sich in einer Bevölkerung mit kaum vorhandener Immunität rasch ausbreiten.
Viren, die sich offen verbergen
Ein Grund, warum die Warnsignale bislang nicht lauter sind: Beide Viren können unauffällig bleiben. Beim Influenza-D-Virus wurden Infektionen beim Menschen bisher vor allem mit stillen Verläufen in Verbindung gebracht.
Beim Hunde-Coronavirus haben Forschende zwar in einigen Fällen Zusammenhänge mit schwereren Erkrankungen beschrieben. Weil Ärztinnen und Ärzte jedoch nur selten gezielt darauf testen, ist unklar, wie verbreitet es tatsächlich ist.
„Unsere Durchsicht der Fachliteratur zeigt, dass diese beiden Viren für Menschen eine Gefahr durch Atemwegserkrankungen darstellen, dennoch wurde nur wenig unternommen, um auf Infektionen mit diesen Viren zu reagieren oder sie zu verhindern“, sagte John Lednicky, Professor an der University of Florida.
„Wenn sich diese Viren die Fähigkeit aneignen, leicht von Mensch zu Mensch übertragen zu werden, könnten sie Epidemien oder Pandemien verursachen, da die meisten Menschen keine Immunität gegen sie haben werden.“
Die zentrale Botschaft des Teams ist aus den vergangenen Jahren vertraut: Aufmerksamkeit sollte nicht erst dann einsetzen, wenn ein Virus die „Kunst“ der einfachen Mensch-zu-Mensch-Übertragung bereits beherrscht.
Influenza-D-Virus erreicht den Menschen
Das Influenza-D-Virus wurde erstmals 2011 identifiziert und zunächst vor allem mit Schweinen und Rindern in Verbindung gebracht. Inzwischen wurde es bei zahlreichen weiteren Tierarten nachgewiesen – von Geflügel und Hirschen bis hin zu Giraffen und Kängurus.
Bei Rindern gilt der Erreger als möglicher Mitverursacher der bovinen Atemwegserkrankung, einer teuren Problematik, die Tiergesundheit und Produktivität landwirtschaftlicher Betriebe beeinträchtigt.
Besonders auffällig – und potenziell beunruhigend – ist, wie häufig es offenbar an der Schnittstelle zwischen Mensch und Nutztier zu Expositionen kommt.
Unbemerkte Exposition beim Menschen gibt Anlass zur Sorge
Die Autorinnen und Autoren verweisen auf frühere Untersuchungen unter Rinderarbeiterinnen und -arbeitern in Colorado und Florida: Demnach trugen bis zu 97 Prozent der Personen, die mit Herden arbeiten, Antikörper gegen das Influenza-D-Virus. Antikörper bedeuten nicht zwingend eine aktuelle Infektion, deuten aber darauf hin, dass es Kontakt mit dem Virus gab.
Bislang scheint diese Exposition überwiegend subklinisch zu verlaufen – Betroffene bemerken also keine Symptome. Das wirkt zunächst beruhigend. Allerdings hat diese Unauffälligkeit auch eine Schattenseite: Ein Virus, das leise zirkuliert, kann sich weit verbreiten, ohne entdeckt zu werden.
Zudem weisen die Forschenden darauf hin, dass das Influenza-D-Virus Anzeichen einer schnellen Weiterentwicklung zeigt. Ein kürzlich in China isolierter Stamm hat die Fähigkeit zur Mensch-zu-Mensch-Übertragung entwickelt.
Eine solche Veränderung macht aus „interessant“ rasch „dringlich“ – auch wenn die tatsächlichen Auswirkungen in der Praxis noch nicht abschließend absehbar sind.
Ein Virus aus Hunden
Das Hunde-Coronavirus (CCoV) ist ein anderer Erreger als SARS-CoV-2. Bei Hunden ist es vor allem dafür bekannt, Magen-Darm-Erkrankungen auszulösen.
Neue Aufmerksamkeit erhält es, weil seltene menschliche Infektionen mit Krankenhausaufenthalten wegen Lungenentzündung in Südostasien in Zusammenhang gebracht wurden.
„Bisher wurde das Influenza-D-Virus beim Menschen nicht mit schweren Infektionen in Verbindung gebracht“, sagte Lednicky. „Das Hunde-Coronavirus hingegen schon, aber diagnostische Tests auf das Virus werden nicht routinemäßig durchgeführt, sodass das Ausmaß, in dem das Virus die Gesamtbevölkerung betrifft, nicht bekannt ist.“
Wenn in der klinischen Praxis nicht getestet wird, tauchen Fälle in den Daten nicht auf. Und wenn Fälle in den Daten fehlen, kann ein Virus über Jahre „unter dem Radar“ bleiben.
Übergang vom Hund auf den Menschen
Die Übersichtsarbeit bündelt mehrere zentrale Befunde, die dafür sprechen, dass das Hunde-Coronavirus mehr ist als eine isolierte Kuriosität.
In einer von Lednicky geleiteten Studie isolierte ein Team der University of Florida ein Hunde-Coronavirus aus einer Person aus dem medizinischen Umfeld. Die betroffene Person war 2017 von Florida nach Haiti gereist und entwickelte später leichtes Fieber sowie Unwohlsein. Die Forschenden bezeichneten den Stamm als HuCCoV_Z19Haiti.
Einige Jahre danach berichtete eine andere Arbeitsgruppe unter Leitung von Gregory Gray über einen weiteren Stamm, CCoV-HuPn-2018, der aus einem in Malaysia hospitalisierten Kind isoliert wurde. Bemerkenswert: Die Forschenden beschrieben den Malaysia-Stamm als nahezu identisch mit demjenigen, den das Team aus Florida gefunden hatte.
Hinweise auf breitere Verbreitung verstärken die Bedenken
Damit war die Entwicklung nicht beendet. In der Folge wurde CCoV-HuPn-2018 bei Menschen mit Atemwegserkrankungen in Thailand und Vietnam nachgewiesen – und sogar in Arkansas. Das deutet darauf hin, dass der Erreger regionale Grenzen bereits überschritten hat.
Dieses Muster bedeutet nicht automatisch, dass das Virus leicht von Mensch zu Mensch übertragen wird. Vereinzelte Fälle könnten ebenso durch Reisen, wiederholte Übertritte vom Tier auf den Menschen oder durch begrenzte Überwachung entstehen.
Gerade weil das Virus jedoch immer wieder an unterschiedlichen Orten auftaucht, fordern Forschende eine bessere Nachverfolgung und ein systematischeres Monitoring.
Vorbereiten, bevor die nächste Viruskrise entsteht
Die Übersichtsarbeit argumentiert, dass die Wissensbasis derzeit dünn ist – und dass genau diese dünne Datenlage einen Teil des Risikos darstellt. Wenn belastbare Informationen zu Infektionshäufigkeit, Symptomen und Expositionsrisiken fehlen, wird es schwierig, wirksame Prävention gezielt zu planen.
„Unser Wissen über die Epidemiologie und die klinischen Manifestationen der Viren ist auf eine überschaubare Zahl von Forschungsstudien begrenzt“, schrieben die Autorinnen und Autoren.
„Dennoch zeigen die begrenzten Daten zu diesen neuartigen, kürzlich entdeckten Viren, dass sie eine große Bedrohung für die öffentliche Gesundheit darstellen.“
Der vorgeschlagene Kurs ist klar umrissen: stärkere Überwachung sowohl bei Tieren als auch beim Menschen sowie bessere Diagnostik, die in der Praxis tatsächlich eingesetzt wird. Außerdem plädieren die Fachleute für frühzeitige Planung von Behandlungsoptionen und sogar von Impfstoffen, statt erst unter Krisendruck zu reagieren.
Die Botschaft ist nicht, dass Panik angebracht wäre. Vielmehr wird davor gewarnt, dass Untätigkeit teuer werden kann. Die Viren senden bereits Signale – von Antikörpern bei Beschäftigten bis hin zu verstreuten Lungenentzündungsfällen über mehrere Länder hinweg.
Der Sinn von Vorbereitung besteht darin, solche Hinweise als Anlass zu nehmen, genauer hinzusehen – nicht darin, sie achselzuckend abzutun.
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