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Dronabinol-Studie in Deutschland: THC gegen PTBS-Albträume über 10 Wochen

Frau schläft im Bett, im Vordergrund ein Glas Wasser, eine Flasche mit Tropfer und ein geöffnetes Buch auf dem Nachttisch.

Traumatische Albträume verschwinden nicht einfach mit dem Morgen. Viele Menschen mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) wachen schon mit dem Gefühl auf, sich auf die nächste Nacht einstellen zu müssen – und PTBS-Albträume können diese Anspannung über Jahre aufrechterhalten.

In Deutschland wurde nun in einer Studie ein aus Cannabis abgeleitetes Arzneimittel dagegen geprüft. Dronabinol – die medizinische Form von THC – wurde abends als Tropfen gegeben und verringerte Häufigkeit und Intensität der Albträume deutlich stärker als ein Placebo.

Nach zehn Wochen Behandlung hatte bei mehr als einem Drittel der Patientinnen und Patienten, die das Medikament erhielten, das Albtraumgeschehen sogar vollständig aufgehört.

PTBS-Albträume haben kaum Behandlungsoptionen

Albträume sind kein Randaspekt der Erkrankung, sondern ein zentrales Symptom. Sie betreffen 50% bis 70% der Betroffenen und gehen häufig mit Substanzmissbrauch, Suizidgedanken und Suizid einher.

Therapeutisch ist die Lage bislang ernüchternd. Antidepressiva können die Gesamtsymptomatik einer PTBS zwar in begrenztem Ausmaß lindern, für die Albträume selbst konnte jedoch keines dieser Mittel einen klaren Nutzen zeigen.

Prazosin, ein Blutdruckmedikament, wirkte in mehreren kleinen Studien zunächst vielversprechend. Eine große randomisierte Studie mit Militärveteranen konnte diesen Effekt allerdings nicht bestätigen – und für dieses Symptom ist derzeit kein Medikament zugelassen.

Damit bleibt Psychotherapie die wichtigste Säule; ergänzend werden neuere Ansätze wie Meditation parallel dazu wissenschaftlich erprobt.

Zudem ist nicht jeder schlechte Traum automatisch klinisch relevant. Forschende unterscheiden zwischen belastenden Träumen, bei denen man weiterschläft, und Albträumen, die die Betroffenen tatsächlich aufschrecken und aufwachen lassen.

Nächtliche THC-Tropfen (Dronabinol) im Test

Die THC-PTBS-Studie wurde an vier deutschen universitären medizinischen Zentren durchgeführt und lief von Oktober 2020 bis Januar 2025. Auftraggeber war die Charité – Universitätsmedizin Berlin; die Studie wurde vor Beginn registriert.

Zu den weiteren Standorten gehörten das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf sowie das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Insgesamt wurden 171 Erwachsene per Zufall Dronabinol oder Placebo zugeteilt.

Eingenommen wurde das Präparat als Öl, das etwa eine Stunde vor dem Schlafengehen mit einem Löffel als Tropfen verabreicht wurde. In den ersten vier Wochen wurde die Dosis schrittweise von 2.5 auf 15 Milligramm pro Tag erhöht und anschließend über weitere sechs Wochen unverändert beibehalten.

Das Placebo bestand aus demselben Öl ohne Wirkstoff und war mit Cannabis aromatisiert, sodass Aussehen, Geruch und Geschmack möglichst gleich waren. Im Mittel waren die Teilnehmenden 37.9 Jahre alt; 79.3% waren Frauen.

Die meisten waren Zivilpersonen; das Trauma stand häufig im Zusammenhang mit körperlicher oder sexualisierter Gewalt. Zu Studienbeginn hatte jede Person mindestens zwei Albträume pro Woche, nahm eine stabile Begleitmedikation ein und wies keine Cannabisgebrauchsstörung im Laufe des Lebens auf.

Albträume gingen ungefähr um die Hälfte zurück

Als primärer Endpunkt diente das Albtraum-Item der klinischen PTBS-Skala CAPS: ein Wert von 0 bis 8, der sowohl Häufigkeit als auch Schweregrad der Albträume zusammenfasst.

Unter Dronabinol sank der Wert um 3.66 Punkte, unter Placebo um 2.17 Punkte. Der Unterschied zwischen den Gruppen betrug 1.50 Punkte, war statistisch signifikant und fiel in der Effektstärke moderat aus – nicht nur knapp.

Bei den in Woche 10 ausgewerteten Patientinnen und Patienten erreichten 57.9% unter dem Wirkstoff mindestens eine Halbierung ihres Albtraum-Scores; in der Placebogruppe waren es 29%.

Eine vollständige Remission – also gar keine Albträume mehr – wurde bei 36.8% in der Dronabinolgruppe und bei 14.5% unter Placebo beobachtet. Sämtliche vom Team durchgeführten Sensitivitätsanalysen wiesen in dieselbe Richtung.

Schlaf besser, PTBS insgesamt nicht

Die positiven Effekte reichten über die Albträume hinaus. Sowohl ein PTBS-spezifischer Schlaffragebogen als auch ein allgemeiner Index zur Schlafqualität sprachen zugunsten des Medikaments.

Auch in der Selbsteinschätzung zeigte sich ein Vorteil: In Woche 10 berichteten rund 86% der Dronabinolgruppe auf einer Skala zur globalen Veränderung über eine Verbesserung, gegenüber 57% unter Placebo.

Bei der von Klinikerinnen und Klinikern beurteilten PTBS-Schwere ergab sich jedoch keine signifikante Veränderung. Ebenso blieb die klinisch eingeschätzte Depressionsausprägung nach statistischer Korrektur für multiple Vergleiche ohne signifikante Verschiebung.

Damit deutet alles darauf hin, dass der Nutzen eher spezifisch auf PTBS-Albträume und den Schlaf zielt als auf die Störung insgesamt. Für die spätere Anwendung ist diese Unterscheidung entscheidend – und geht in Überschriften leicht verloren.

Nebenwirkungen überwiegend mild

Unerwünschte Ereignisse traten in beiden Gruppen häufig auf: bei 89.7% unter Dronabinol und bei 77.1% unter Placebo. Meist wurden sie als leicht oder moderat eingestuft.

Schwindel, gesteigerter Appetit, Durchfall und Mundtrockenheit wurden mit dem Wirkstoff häufiger gemeldet. Ein Therapieabbruch wegen Nebenwirkungen war unter Placebo ähnlich wahrscheinlich: 7.2% gegenüber 5.7 percent.

In der Dronabinolgruppe wurden sieben schwerwiegende unerwünschte Ereignisse registriert, in der Placebogruppe keines. Die Prüfärztinnen und Prüfärzte stuften alle sieben als nicht mit der Medikation zusammenhängend ein; es gab keine Todesfälle.

Zwei dieser sieben Ereignisse waren geplante Krankenhausaufnahmen, eines betraf eine Operation wegen eines gutartigen Hirntumors. Nach dem Behandlungsende zeigten sich keine bedeutsamen Entzugssymptome.

Cannabisbasierte Medikamente haben in anderen medizinischen Bereichen eine uneinheitliche Bilanz. Eine große Übersicht zu Studien bei chronischen Schmerzen fand nur kleine und kurzfristige Vorteile.

Leitautor ordnet die Ergebnisse ein

Stefan Röpke, Psychiater an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, konzipierte die Studie und leitete sie. Fragen von Earth.com beantwortete er per E-Mail.

„Was mich am meisten überrascht hat, war das Ausmaß des Behandlungseffekts“, schrieb Röpke an Earth.com. „Nicht nur beobachteten wir eine deutliche Reduktion traumaassoziierter Albträume, sondern mehr als 85% der Teilnehmenden, die THC erhielten, berichteten bis zum Studienende auch über eine allgemeine Verbesserung ihres Gesundheitszustands.“

Gleichzeitig betont er, dass das Mittel in der Versorgung nicht an erster Stelle stünde, sondern eher nach etablierten Optionen.

„Wenn etablierte psychotherapeutische und pharmakologische Behandlungen keine ausreichende Linderung gebracht haben, legen unsere Ergebnisse nahe, dass Dronabinol als zusätzliche Behandlungsoption bei traumaassoziierten Albträumen in Betracht gezogen werden könnte“, sagt er.

Der Effekt zeigte sich zudem auch in Gruppen, die die PTBS-Behandlung häufig komplexer machen – darunter Menschen mit komplexer PTBS und solche mit zusätzlicher Borderline-Persönlichkeitsstörung.

„Wir fanden keine Hinweise darauf, dass sich die Wirksamkeit zwischen Männern und Frauen unterscheidet, bei Patientinnen und Patienten mit der ICD-11-Diagnose einer komplexen PTBS oder bei Personen mit komorbider Borderline-Persönlichkeitsstörung“, sagt er.

Studie dauerte nur 10 Wochen

Zehn Wochen sind ein kurzer Zeitraum. Ob der Nutzen langfristig anhält, ob sich eine Toleranz entwickelt oder welche Folgen eine längere Anwendung hätte, lässt sich daraus nicht ableiten.

Auch die Verblindung war nicht vollständig gelungen. Vier von fünf Patientinnen und Patienten unter Dronabinol errieten korrekt, dass sie den Wirkstoff erhielten – und die meisten führten diese Vermutung auf die spürbare Besserung zurück.

Damit bleibt Raum für Erwartungseffekte, auch wenn die Vermutung statistisch nicht signifikant mit der Größe des Nutzens zusammenhing. Dennoch mahnen die Autorinnen und Autoren bei patientenberichteten Ergebnissen zur Vorsicht.

Die Stichprobe bestand überwiegend aus weiblichen Zivilpersonen; deshalb ist unklar, wie gut sich die Resultate auf kampfbezogene PTBS übertragen lassen. Objektive Schlafmessungen wurden nicht durchgeführt, und seltene Nebenwirkungen würden in einer Gruppe dieser Größe vermutlich nicht sichtbar.

Bionorica SE finanzierte die vom Forschungsteam initiierte Studie mit einem zweckungebundenen Förderbetrag und stellte das Medikament bereit. Laut Autorenschaft war das Unternehmen weder an Studiendesign noch Auswertung oder Veröffentlichung beteiligt.

Langzeitwirkungen als nächster Schritt

Die drängendste Frage ist, ob der Effekt über die Studiendauer hinaus bestehen bleibt. Röpke und sein Team arbeiten bereits daran.

„Unsere nächste Priorität ist festzustellen, ob die Vorteile über die Zeit anhalten und ob sie auch nach dem Absetzen der Behandlung bestehen bleiben“, sagt er.

Parallel laufen mehrere weitere Studien zu Cannabinoiden bei PTBS, darunter Untersuchungen zu inhalierbaren Darreichungsformen und eine Studie, die die Medikamente mit Psychotherapie kombiniert. Keine der anderen PTBS-Studien fokussiert Albträume allein so gezielt wie diese.

Gerade diese enge Zielsetzung könnte die praktisch wichtigste Erkenntnis sein: Albträume lassen sich zählen, sie sprechen auf Behandlung an, und sie zerstören Leben oft lange bevor sich ein globaler Schweregradwert deutlich verschiebt.

Die Schlafforschung zeigt immer wieder, dass die Stunden nach Einbruch der Dunkelheit echte Arbeit leisten – was auch ein Grund dafür ist, dass wir überhaupt träumen.

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