Frühe Schwierigkeiten mit der Sprache können weitreichende Folgen haben, die über Grammatik oder Aussprache hinausgehen.
Wenn Kinder Probleme haben, sich verständlich zu machen, fällt es ihnen mitunter auch schwerer, Beziehungen aufzubauen. Freundschaften zu schließen, Frustration zu bewältigen oder die vielen kleinen sozialen Aushandlungen eines Kita-Tags zu meistern, kann dann zur Herausforderung werden.
Eine neue Untersuchung der Florida-Atlantik-Universität (FAU) und der Universität Aarhus ergänzt dieses Bild um einen weiteren Aspekt: Verbringen junge Kinder regelmäßig Zeit allein vor Bildschirmen, könnten die sozialen und emotionalen „Kosten“ von Sprachproblemen noch stärker ausfallen.
Die Forschenden prüften gezielt die Annahme, dass unbeaufsichtigte, allein verbrachte Bildschirmzeit den Zusammenhang zwischen frühen Sprachproblemen und späteren Verhaltens- oder emotionalen Schwierigkeiten verstärken kann.
Anders gesagt: Bildschirmzeit ist nicht automatisch für jedes Kind schädlich. Für Kinder, die aufgrund verzögerter Sprachentwicklung ohnehin besonders verletzlich sind, kann die Zeit allein mit einem Gerät jedoch genau jene Erfahrungen verdrängen, die ihnen helfen würden, sozial aufzuholen.
Wie die Studie die Bildschirmzeit erfasste
An der Studie nahmen 546 Kinder im Alter von 4 und 5 Jahren in Dänemark teil, darunter 264 Mädchen und 282 Jungen. Sie besuchten 24 Betreuungseinrichtungen in 13 Gemeinden.
Innerhalb eines Schuljahres beurteilten die pädagogischen Fachkräfte jedes Kind ungefähr über einen Zeitraum von sechs Monaten zweimal. Dabei bewerteten sie Anpassungsschwierigkeiten, etwa emotionale Probleme und Verhaltensprobleme.
Zu Beginn setzten die Fachkräfte außerdem standardisierte Tests ein, um die sprachlichen Fähigkeiten zu erfassen. Im Mittelpunkt standen dabei insbesondere die Kommunikationsfähigkeit und der produktive Wortschatz, also die Anzahl der Wörter, die ein Kind aktiv verwenden kann.
Die Eltern machten Angaben zur alleinigen Bildschirmzeit ihrer Kinder. Darunter fiel die Zeit, in der ein Kind allein fernsah oder tragbare Geräte nutzte; Bildschirmnutzung gemeinsam mit einem Erwachsenen oder unter dessen Aufsicht wurde nicht einbezogen.
Diese Unterscheidung zwischen alleiniger sowie gemeinsam genutzter oder beaufsichtigter Bildschirmzeit war entscheidend. Die Forschenden untersuchten nicht Bildschirme allgemein, sondern die Folgen, wenn sie zwischenmenschliche Interaktionen ersetzen.
Sprachprobleme sagen spätere Schwierigkeiten voraus
Zunächst bestätigte die Untersuchung einen bereits aus früheren Studien bekannten Befund: Kinder, die anfangs über schwächere mündliche Sprachfähigkeiten verfügen, zeigen im Verlauf der Zeit eher zunehmende Anpassungsprobleme.
Über den Zeitraum von sechs Monaten sagten schwache Kommunikationsfähigkeiten spätere Schwierigkeiten voraus. Darüber hinaus ergab die Studie, dass sowohl geringe Kommunikationsfähigkeiten als auch viel allein verbrachte Bildschirmzeit jeweils unabhängig voneinander zunehmende emotionale Probleme vorhersagten.
Das entspricht zunächst dem, was viele Eltern und Fachkräfte intuitiv beobachten. Kinder, die sich nur schwer ausdrücken können, werden häufig ängstlicher, frustrierter oder ziehen sich stärker zurück. Auch eine hohe Bildschirmzeit ohne Begleitung kann mit solchen Mustern zusammenhängen.
Wenn Bildschirmzeit Sprachprobleme bei Kindern verschärft
Besonders hervorzuheben ist bei dieser Studie das Zusammenwirken zweier Risiken. Die Forschenden stellten fest, dass alleinige Bildschirmzeit die Folgen sprachlicher Schwierigkeiten bei Kindern verstärken kann, vor allem mit Blick auf Verhaltensprobleme.
Der Zusammenhang zwischen einem geringen Wortschatz oder schwachen Kommunikationsfähigkeiten und zunehmenden Verhaltensauffälligkeiten war bei Kindern mit einem höheren Maß an alleiniger Bildschirmnutzung am stärksten. In einigen Fällen genügten dafür durchschnittlich bereits 10 bis 30 Minuten täglich.
„Unbeaufsichtigte Bildschirmzeit nimmt Gelegenheiten für soziale Beteiligung, die die aus Sprachproblemen resultierenden Verhaltensrisiken abschwächen könnten“, sagte der leitende Autor Brett Laursen.
Er und seine Kolleginnen und Kollegen betonen, dass dieser Zielkonflikt für besonders verletzliche Kinder gravierend sein kann, weil freie Zeit begrenzt ist. Zeit, die sie allein an Geräten verbringen, ersetzt Gelegenheiten, Sprach-, Sozial- und Emotionskompetenzen durch echte Interaktion aufzubauen.
Bildschirme verlangen zudem weder Kompromisse noch Teilen oder Dialog – also genau die Fähigkeiten, die Kinder mit Kommunikationsschwierigkeiten üben müssen.
Die zentrale Erkenntnis lautet daher: Entscheidend ist nicht allein, was Bildschirme bewirken, sondern auch, was sie verdrängen – insbesondere bei Kindern, die mehr Übung in realer Kommunikation benötigen.
Kleine Kinder brauchen echte Interaktion
Die Autorinnen und Autoren heben einen Punkt hervor, den Entwicklungsforschende häufig betonen: Kleine Kinder erwerben Sprache vor allem durch unmittelbare Interaktion.
Bildschirme können Wörter und Geschichten vermitteln, aber sie können nicht wie eine Bezugsperson oder ein Spielgefährte unmittelbar auf die Verwirrung eines Kindes reagieren.
Auch über die Sprache hinaus ist Spielen der Ort, an dem Kinder soziale und emotionale Grundlagen erproben: Sie warten, bis sie an der Reihe sind, handeln Regeln aus, lösen Konflikte, deuten Gesichtsausdrücke und lernen, wie Freundschaft funktioniert.
„Kleine Kinder mit begrenzten Sprachfähigkeiten sind bereits einem Risiko für soziale und emotionale Herausforderungen ausgesetzt“, sagte Molly Selover, Hauptautorin und Doktorandin an der FAU.
Es gibt kaum Anlass zu erwarten, dass Bildschirme Kindern helfen, die durch mündliche Sprachprobleme verursachten Anpassungsschwierigkeiten zu überwinden. Dagegen gibt es viele Gründe für die Annahme, dass sie die Lage verschlechtern.
Welche Bildschirmzeit als normal gilt
Die Studie ordnet ihre Ergebnisse in einen größeren Zusammenhang ein: Übermäßige Bildschirmnutzung bei kleinen Kindern ist weltweit verbreitet.
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt für Kinder zwischen zwei und fünf Jahren höchstens eine Stunde täglich. Eine weltweite Auswertung ergab jedoch, dass zwei Drittel der Haushalte diesen Wert überschreiten.
In den Vereinigten Staaten verbringen Berichten zufolge etwa die Hälfte der kleinen Kinder unter der Woche mehr als zwei Stunden täglich vor Bildschirmen, am Wochenende noch mehr.
Die Forschenden unterstreichen, dass Inhalte und Aufsicht von großer Bedeutung sind. Die Amerikanische Psychologische Vereinigung empfiehlt Eltern, die Bildschirmzeit von Kindern im Alter von 2–5 Jahren auf ungefähr eine Stunde pro Tag zu begrenzen und gemeinsam zuzusehen sowie sich auszutauschen, statt Bildschirme als Babysitter einzusetzen.
Hochwertige, altersgerechte Inhalte können Kindern helfen, insbesondere wenn sie älter werden. Werden Kinder jedoch allein gelassen, wählen sie häufig schnelle, stark stimulierende Inhalte, die nicht zur Förderung ihrer Entwicklung konzipiert sind.
Alleinige Bildschirmzeit kann nachteilig wirken
Elektronische Medien sind inzwischen ein zentraler Bestandteil der häuslichen Lernumgebung. Viele Kinder verbringen, wie Selover anmerkt, mehr Zeit mit Geräten als mit Spielzeug, Büchern oder Freunden.
Die Forschenden warnen, dass alleinige Bildschirmzeit für Kinder mit bereits bestehenden Verletzlichkeiten besonders schädlich sein kann. Was wie eine harmlose Ablenkung wirkt, kann sich zu einem Entwicklungshemmnis entwickeln – besonders für Vorschulkinder mit sprachlichen Schwierigkeiten.
Die Ergebnisse legen nahe, dass erhöhte, unbeaufsichtigte Bildschirmzeit Verhaltens- und Auffälligkeitsprobleme bei Kindern verschlimmern kann, die bereits mit Entwicklungsproblemen konfrontiert sind.
Dies ist kein Argument dafür, dass Bildschirme grundsätzlich schlecht sind. Die Studie zeigt vielmehr, dass die Art der Bildschirmnutzung und das, was sie ersetzt, ebenso wichtig sein können wie die Gesamtdauer.
Bei Kindern mit sprachlichen Verletzlichkeiten kann die Zeit allein vor Bildschirmen die soziale Interaktion verringern, die sie besonders dringend brauchen. Statt Bildschirme zu verbieten, schlagen die Autorinnen und Autoren gemeinsames Anschauen, ruhigere Inhalte und geschützte Zeit für Gespräche und das Spielen mit Gleichaltrigen vor.
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