Was wäre, wenn Geist und Körper nie wirklich voneinander getrennt wären? Über Jahre hinweg betrachteten viele Menschen psychische und körperliche Gesundheit, als gehörten sie zwei völlig verschiedenen Welten an.
Depressionen wurden an einem Ort behandelt, Herzerkrankungen an einem anderen. Neue Forschungsergebnisse der University of Colorado Boulder stellen diese Trennung jedoch infrage.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zeigen nun, dass dieselbe DNA sowohl psychische als auch körperliche Erkrankungen beeinflussen kann. Die Studie deutet darauf hin, dass der Körper als ein vernetztes Gesamtsystem funktioniert.
Psychische Erkrankungen sind nicht von körperlichen Krankheiten getrennt. Vielmehr beruhen beide auf gemeinsamen, tief liegenden biologischen Grundlagen.
Eine engere Verbindung als erwartet
Das Forschungsteam analysierte Gesundheits- und DNA-Daten von fast zwei Millionen Menschen. Dabei wurden Muster sichtbar, die sich über zahlreiche Krankheiten hinweg erstrecken.
„Die überraschende Erkenntnis ist nicht, dass psychiatrische und medizinische Erkrankungen miteinander verbunden sind, sondern vielmehr, wie stark diese Verbindung ist“, erklärte Andrew Grotzinger, leitender Autor der Studie.
Die Verknüpfung ist damit deutlich ausgeprägter, als viele erwartet hatten. Psychische und körperliche Erkrankungen bilden keine zwei voneinander unabhängigen Kategorien.
Mehrere Erkrankungen treten häufig gemeinsam auf
Es kommt häufig vor, dass eine Person gleichzeitig mehrere gesundheitliche Probleme hat. Menschen mit Depressionen können beispielsweise auch an Herzerkrankungen oder Diabetes leiden. Das gilt ebenso für viele weitere Erkrankungen.
„In der Klinik sieht man selten jemanden mit nur einer Erkrankung einen Raum betreten“, sagte Jeremy Lawrence, Erstautor der Studie.
Die Forschenden untersuchten zahlreiche körperliche Krankheiten und psychische Störungen gemeinsam. Sie stellten fest, dass dieselben Gene das Risiko für beide erhöhen können.
So weisen Erkrankungen wie ADHS, Depressionen und PTBS häufig genetische Verbindungen zu körperlichen Krankheiten auf. Diese Zusammenhänge zeigen sich in verschiedenen Bereichen des Körpers, darunter Herz, Lunge und Verdauungssystem.
Die genetische Ausstattung kann die allgemeine Gesundheit also auf mehrere Arten gleichzeitig beeinflussen.
Einige Erkrankungen sind besonders eng verbunden
Nicht alle psychischen Erkrankungen weisen dieselbe Stärke an Zusammenhängen auf. Bei ADHS und Depressionen bestehen deutliche Verbindungen zu körperlichen Gesundheitsproblemen. Auch Angststörungen und Substanzkonsumstörungen zeigen vergleichbare Muster.
Andere Erkrankungen, etwa Zwangsstörungen, sind dagegen schwächer verknüpft. In manchen Fällen könnten sie das Risiko bestimmter körperlicher Probleme sogar senken.
Daran wird deutlich, dass sich jede Erkrankung unterschiedlich verhält.
Der Körper funktioniert als ein Gesamtsystem
Zu den wichtigsten Ergebnissen zählt, dass viele Krankheiten ein gemeinsames Risiko teilen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler identifizierten sogar eine Gruppe körperlicher Erkrankungen, die durch dieselben genetischen Faktoren verbunden sind.
Das bedeutet, dass unterschiedliche Krankheiten eine gemeinsame Ursache haben könnten. Herz, Gehirn und andere Organe arbeiten nicht unabhängig voneinander, sondern sind über die Biologie miteinander verknüpft.
Für die Verbindung zwischen psychischer und körperlicher Gesundheit gibt es mehrere Gründe. Mitunter beeinflusst die psychische Gesundheit die Alltagsgewohnheiten. Depressionen können beispielsweise zu weniger Bewegung oder einer ungesunden Ernährung führen. Das kann die körperliche Gesundheit beeinträchtigen.
In anderen Fällen wirkt sich eine körperliche Erkrankung auf die psychische Gesundheit aus. Eine schwere Krankheit kann Stress oder Traurigkeit verursachen.
Daneben gibt es eine tiefer liegende Erklärung: Dieselben Gene können das Risiko sowohl für psychische als auch für körperliche Erkrankungen erhöhen.
Bessere Behandlungsmöglichkeiten in der Zukunft
Lange Zeit wurden psychische Erkrankungen nicht genauso behandelt wie körperliche Krankheiten, und viele Menschen hielten sie für weniger real.
„Bei körperlichen Krankheiten kann man jemanden bitten, in ein Röhrchen zu spucken, oder eine Blutdruckmanschette anlegen, um eine Diagnose zu stellen. Für psychiatrische Störungen haben wir in vieler Hinsicht nichts Vergleichbares, weshalb manche sie als abstrakter und weniger greifbar ansehen“, sagte Grotzinger.
„Psychiatrische Störungen sind genauso real wie jede medizinische Krankheit. Unsere Ergebnisse helfen dabei, dieses Argument zu untermauern.“
Letztlich könnten die Erkenntnisse die Gesundheitsversorgung verbessern. Wenn psychische und körperliche Erkrankungen verbunden sind, können Ärztinnen und Ärzte beide gemeinsam behandeln.
Einige Medikamente veranschaulichen diesen Ansatz bereits. Arzneimittel, die ursprünglich für körperliche Probleme eingesetzt wurden, helfen inzwischen auch bei psychischen Erkrankungen.
Künftig könnten Ärztinnen und Ärzte zudem genetische Informationen nutzen, um Gesundheitsrisiken frühzeitig vorherzusagen. Dadurch können Menschen handeln, bevor Probleme entstehen.
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