Forschende haben das lange rätselhafte Toronto „Subway Deer“ als eine bislang unbekannte, heute ausgestorbene Hirschform identifiziert, die mit den Vorfahren des heutigen Maultierhirsches und des Weisswedelhirsches verwandt ist.
Der Befund macht aus einem jahrzehntealten Fossilrätsel ein neues Puzzleteil dafür, wie Säugetiere der Eiszeit verschwanden, als sich die Lebensräume Nordamerikas in kurzer Zeit stark wandelten.
Hirschfossil tief unten entdeckt
Der Ausgangspunkt war ein einzelner, stark mitgenommener Schädel mit Geweih, der 1976 bei einem U-Bahn-Aushub im Westen Torontos geborgen wurde.
Auf Basis dieses Fundes konnte Aaron Shafer von der Trent University genetische Bruchstücke sichern, die das Tier in die Nähe von Weisswedel- und Maultierhirsch rückten.
Weil keine bekannte Art zu den massiven, fast waagerecht verlaufenden Geweihstangen passte, beendeten die DNA-Daten schliesslich eine Debatte, die sich über 50 Jahre hingezogen hatte.
Damit war zwar die Benennung geklärt – offen blieb jedoch die Frage, weshalb dieser Hirsch verschwand, während nahe Verwandte bis heute überdauerten.
Frühe Untersuchungen des Fossils
1982 beschrieben Paläontologinnen und Paläontologen das Fossil als karibugross und als etwas, das weder zu bekannten Hirschen aus Nordamerika noch zu solchen aus Eurasien passte.
Eine Radiokarbondatierung – eine Altersbestimmung über den Zerfall von Kohlenstoff – ergab für das Geweih ein Alter von etwa 11,315 Jahren.
Ablagerungen und Pollenfunde deuteten auf mildere Bedingungen im Raum des damaligen Toronto hin: statt der heutigen dichten Bebauung gab es dort gemischte Wälder.
Aufgrund der ungewöhnlichen Geweihform und der Altersangaben vergaben Fachleute den Namen Torontoceros hypogaeus – doch ein zweites Exemplar tauchte nie auf, das die Einordnung abgesichert hätte.
DNA aus kleinsten Fragmenten
Mit moderneren Methoden zur Materialgewinnung wurde der Fall erneut aufgerollt, denn im Geweih steckten winzige Code-Schnipsel, die frühere Labore nicht auslesen konnten.
Entscheidend war dabei alte DNA: Erbgut, das in Überresten lange verstorbener Tiere erhalten bleibt und das mit älteren Verfahren in diesen Fragmenten nicht zugänglich gewesen wäre.
Shafer und sein Team überprüften rund 50 Proben aus der Hirschfamilie und konnten aus etwa einem Viertel verwertbare DNA gewinnen.
Auch diese begrenzte Ausbeute war wichtig, weil sich eine Sequenz aus dem U-Bahn-Fund nun endlich mit Beständen des Royal Ontario Museum (ROM) vergleichen liess.
Ein neuer Ast im Hirsch-Stammbaum
Der Abgleich mit ROM-Proben ergab keine Verbindung zu Karibu, Elch, Wapiti oder zu anderen lebenden Hirschen aus den Sammlungen. Stattdessen lag das Fossil nahe an jener Linie, die sich später in Weisswedelhirsch und Maultierhirsch aufspaltete.
„Durch den Vergleich kurzer DNA-Stränge des Tieres über mehrere Arten hinweg konnten wir sehen, dass es sich vor Weisswedelhirschen und Maultierhirschen abzweigte – man kann es sich als deren Grosselternteil vorstellen“, sagte Shafer.
Diese Formulierung ist als Vereinfachung zu verstehen; die Studie lässt weiterhin eine gewisse Unsicherheit, ob es sich um eine eigenständige Art oder um eine Population handelte.
Warum der Hirsch verschwand
Auch weil damit ein weiteres Tier zu den Verlusten der nordamerikanischen Eiszeit hinzukommt, liefert das Ergebnis einen wichtigen Rahmen.
Solche Säugetiere der Eiszeit bezeichnen Paläontologinnen und Paläontologen als Megafauna – Tiere, die gross genug sind, um Vegetation, Nährstoffkreisläufe sowie das Räuber-Beute-Gefüge spürbar zu beeinflussen.
Die neue Arbeit argumentiert, dass dieser Hirsch vermutlich offenes Gelände bevorzugte und diesen Lebensraum einbüsste, als sich in der Region dichter Wald ausbreitete.
Eine Art, die stark an einen verschwindenden Lebensraum gebunden ist, kann durch Umweltwandel in die Enge getrieben werden – lange bevor überhaupt Menschen in Toronto nachweisbar gewesen wären.
Eine alte Debatte
In der Schlussphase der letzten Eiszeit verschwanden in Nordamerika mindestens 37 Säugetiergruppen, die grösser waren als etwa 100 pounds (45.4 kilograms).
Bis heute wird darüber gestritten, welchen Anteil Klimastress und menschlicher Einfluss an diesem Aussterben hatten; vermutlich fällt die Erklärung je nach Art unterschiedlich aus.
Neuere Studien bringen viele Rückgänge stärker mit Klimaschwankungen als mit wachsenden menschlichen Populationen in Verbindung – auch wenn die übergeordnete Debatte weiterhin offen ist.
Die Geschichte des Subway Deer passt gut in dieses Muster, weil sich sein Lebensraum offenbar schneller veränderte, als sich seine Linie anpassen konnte.
Grenzen eines einzigen Fossils
Die gesamte Schlussfolgerung stützt sich auf ein einziges Exemplar – das ist zugleich die Stärke des Fundes und sein grösstes Risiko.
Ohne einen zweiten Schädel oder ein weiteres Geweih liesse sich die ungewöhnliche Form allein immer als Sonderwuchs oder als Beschädigung abtun.
„Das ist ein aufregender Fund, aber man bremst seine Begeisterung immer, bis man sicher ist, dass das Screening auf Kontamination und Degradation in Proben mit alter DNA stimmt“, sagte Shafer.
Trotzdem könnte die genaue Position dieses Tieres im Hirsch-Stammbaum unscharf bleiben, bis weitere Überreste auftauchen.
Lehren für heutige Hirsche
Moderne Hirsche reagieren nicht in gleicher Weise auf Umweltdruck – und genau bei dieser Abweichung setzte das Team aus Trent an.
Schon heute entwickeln sich Bestände unterschiedlich: Karibus und Elche nehmen ab, während es Maultierhirschen und Weisswedelhirschen besser geht.
Shafer zufolge soll das ältere genetische Archiv helfen, Widerstandskraft und Risiko bei lebenden Hirscharten besser einzuschätzen.
Wenn sich alte Verluste mit heutigen Linien verknüpfen lassen, erhalten Fachleute im Naturschutz einen zusätzlichen Ansatz, Verwundbarkeit früher zu erkennen – bevor eine vertraute Art ins Rutschen gerät.
Von der Legende zur Abstammung
Über Jahrzehnte existierte das Subway Deer als Stück Torontoer Folklore: ein seltsames Geweih in einer Schublade und eine Geschichte ohne Abschluss.
Im ROM ist der Fall weiterhin als ein Fossil, ein Funddatum und eine Objektnummer verzeichnet. Ein Mitarbeiter der Toronto Transit Commission namens Horst Templin entdeckte das Stück während der Ausgrabung – und dieser Zufallsfund überdauerte das U-Bahn-Projekt selbst.
Heute ist das Fossil mehr als ein lokalhistorisches Kuriosum: Es verankert einen fehlenden Ast in der nordamerikanischen Tierwelt.
Was der Hirschfund veränderte
Ein Fossil, das vor allem wegen seiner Merkwürdigkeit bekannt war, lässt sich nun als Hinweis lesen, dass Aussterben lange unbemerkt bleiben kann – bis die Methoden nachziehen.
Damit ist das Torontoer Exemplar weit über eine einzelne U-Bahn-Baustelle hinaus relevant, weil es ein lokales Rätsel mit den Kräften verbindet, die Hirsche bis heute prägen.
Bildnachweis: Paul Eekhoff
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