Viele Tierhalterinnen und Tierhalter glauben, ziemlich genau zu wissen, was ihnen ihre Tiere geben. Ein Hund oder eine Katze im Haus wirkt oft wie eine unmittelbare Quelle von Geborgenheit – eine Art Unterstützung, die kaum jemand grundsätzlich infrage stellt.
Eine neue Studie hat diese Annahme im Alltag überprüft, indem sie Menschen mit Haustieren durch ihren normalen Tagesablauf begleitete.
Der emotionale Auftrieb zeigte sich tatsächlich. Doch der oft behauptete Effekt, dass Haustiere Stress im Moment des Auftretens abfedern, liess sich kaum nachweisen – und bei einem verbreiteten Haustier tauchte sogar ein unerwartetes Muster auf.
Alltägliche Stimmung im Blick
Geleitet wurde die Untersuchung von Professorin Mayke Janssens an der Open Universiteit der Niederlande (OU). Das Team gewann 188 Halterinnen und Halter von Hunden und Katzen und erfasste deren Stimmung mithilfe einer Smartphone-App.
Über einen Zeitraum von fünf Tagen meldete sich die App ungefähr zehnmal täglich zu zufälligen Zeitpunkten – vom Morgen bis in den späten Abend.
Bei jedem Signal gaben die Teilnehmenden an, wie sie sich genau in diesem Moment fühlten, womit sie gerade beschäftigt waren und ob ihr Tier in der Nähe war.
Die Antworten wurden auf einer Sieben-Punkte-Skala erfasst; zudem schloss sich jedes Abfragefenster nach 15 Minuten, damit die Angaben möglichst nah am Erleben blieben.
So kamen fast 8.000 Momentaufnahmen zusammen. Dadurch entstand ein Echtzeit-Protokoll des Lebens mit Begleittieren – statt einer unscharfen Erinnerung, die erst Wochen später abgefragt wird.
Der Haustier-Effekt bei Hund und Katze
Ein Befund entsprach dem, was frühere Arbeiten bereits angedeutet hatten: Wenn Halterinnen und Halter mehr mit ihrem Tier interagierten, berichteten sie weniger Sorgen, Traurigkeit oder Gereiztheit als in Situationen, in denen das Tier lediglich anwesend war.
In der Forschung wird dieses Muster als Haustier-Effekt bezeichnet. Die Vorstellung ist alt und weit verbreitet – nur ist die Datenlage dazu seit Langem uneinheitlich.
Einige Studien finden glücklichere Tierbesitzende, andere entdecken keinen Unterschied, und manche sehen sogar leicht schlechtere Werte, wie es eine häufig zitierte Übersichtsarbeit beschrieben hat.
In dieser Untersuchung zeigte sich der positive Effekt bei beiden Tierarten. Ob jemand einen Hund oder eine Katze hielt, machte für den alltäglichen Stimmungsanstieg praktisch keinen Unterschied – ein kleiner Überraschungsbefund, weil Hunde so oft als die „wärmeren“ Gefährten gelten.
Kein Stress-Schutzschild
Die zentrale Frage war jedoch, ob ein Haustier in belastenden Momenten den emotionalen Einschlag mindert. Erfasst wurden zwei Arten von Belastung: ein unangenehmes, kürzlich erlebtes Ereignis sowie eine Aufgabe, die sich wie zähes Abarbeiten anfühlte.
Diese Idee einer Abfederung wird wissenschaftlich als Stresspufferung beschrieben. Vorab ging das Forschungsteam davon aus, dass Interaktion dabei hilft – besonders bei Hundebesitzenden.
Schliesslich binden Hunde und Katzen Menschen unterschiedlich ein, wie eine Studie anmerkt: Hunde ziehen eher zu Spaziergängen und Spielen hinaus, während Katzen die Dinge oft ruhiger halten.
„Die positiven Effekte von Interaktionen mit Haustieren auf das Wohlbefinden scheinen echt zu sein, aber sie scheinen nicht dadurch zustande zu kommen, dass Haustiere Menschen genau in dem Moment, in dem Stress auftritt, helfen, besser damit umzugehen“, sagte Janssens.
Keine der Erwartungen bestätigte sich. Weder bei Hunden noch bei Katzen schwächte Interaktion den Einfluss von Stress auf die Stimmung ab.
Der Katzen-Knick
Bei Katzenhalterinnen und -haltern zeigte sich in belastenden Situationen kein beruhigender Effekt durch mehr Kontakt. Stattdessen ging mehr Interaktion mit stärkeren negativen Gefühlen einher – nicht mit schwächeren.
Ein entsprechendes Muster fand sich bei Hundebesitzenden nicht. Bei ihnen wirkte sich Interaktion in einem schwierigen Moment weder positiv noch negativ aus.
Bei Katzen hingegen wurde der Zusammenhang zwischen einem schlechten Ereignis und einer schlechten Stimmung umso stärker, je mehr die Person sich mit dem Tier beschäftigte.
Ein solches Ergebnis war in bisherigen Moment-zu-Moment-Studien nicht aufgetaucht. Es widerspricht dem vertrauten Bild der tröstenden „Schoßkatze“, weshalb die Forschenden zur Zurückhaltung mahnten.
Warum es sich unterscheiden könnte
„Das passt möglicherweise nicht zum Unterstützungsbedarf in stressigen Momenten“, sagte Sanne Peeters, Forscherin an der Open Universiteit.
Weil Katzen häufig leise und unaufdringliche Gesellschaft bieten, könnte mehr Nähe in einer angespannten Situation als zusätzlich fordernd erlebt werden.
Dahinter steht eine allgemeinere Idee aus der Forschung zu zwischenmenschlicher Unterstützung: Hilfe kann auch nach hinten losgehen, wenn sie nicht zu dem passt, was jemand gerade braucht.
Eine Arbeit beschrieb ein Muster, nach dem Unterstützung manchmal eher zusätzliche Belastung erzeugt, statt sie zu reduzieren.
Hunde könnten diesem Effekt entgehen, weil ihr Beisein oft Bewegung bedeutet – Gassi gehen, Spielen, einen Ball werfen, Aufmerksamkeit nach aussen richten.
Gleichzeitig betont das Team, dass damit lediglich ein Zusammenhang in den Daten beschrieben wird, nicht eine gesicherte Ursache-Wirkung-Erklärung.
Vorsichtige Einordnung
Mehrere Punkte sprechen dafür, den Katzenbefund nicht zu überdehnen. Unter den Teilnehmenden waren deutlich weniger Katzen- als Hundebesitzende, wodurch dieses Ergebnis auf einer schmaleren Datengrundlage steht und anfälliger für Zufall sein kann.
Ausserdem war der Effekt klein und zeigte sich nicht in jeder einzelnen Auswertung gleich eindeutig.
Kleine Effekte sind in Echtzeitstudien häufig und können trotzdem bedeutsam sein – sie können aber auch reines Rauschen darstellen, das verschwindet, wenn andere Gruppen versuchen, die Resultate zu wiederholen.
Hinzu kommt: Untersucht wurden nur Momente, in denen das Tier anwesend war und es zu Interaktion kam. Damit liess sich nicht prüfen, ob womöglich schon die reine Anwesenheit des Tieres Menschen beruhigt.
Was sich daraus für die nächsten Schritte ergibt
Folgendes lässt sich aus der Studie klar ableiten: Im Alltag ist mehr Zeit und Kontakt mit Hund oder Katze mit besserer Stimmung verbunden – und zwar bei beiden Tierarten in ähnlichem Ausmass.
Dieser Stimmungsgewinn entsteht jedoch offenbar nicht dadurch, dass Haustiere Stress unmittelbar „abpuffern“, während er passiert. Das verschiebt den Fokus, wo Forschende weiter suchen sollten.
Wenn Haustiere vor allem helfen, indem sie Einsamkeit mindern und Gesellschaft bieten – statt Stress im Augenblick zu dämpfen –, könnten Therapietier-Programme stärker auf Verbindung und Präsenz setzen.
Der Katzenbefund braucht grössere und methodisch klarere Untersuchungen, bevor man sich darauf stützt. Dennoch deutet er auf eine Frage hin, die weiterverfolgt werden sollte.
Trost durch Tiere muss womöglich zur jeweiligen Situation passen – und selbst gut gemeinte Nähe kann belastend wirken, wenn sie nicht den Bedürfnissen einer Person entspricht.
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