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Metformin: Warum es bei Typ-2-Diabetes so prägend ist

Ärztin erklärt Patientin ein Medikament im Beratungsgespräch in einer modernen Praxis.

Metformin kann mit gutem Grund für sich beanspruchen, zu den einflussreichsten Arzneimitteln des letzten Jahrhunderts zu gehören.

Über Jahrzehnte hinweg hat es die Behandlung des Typ-2-Diabetes geprägt, unzähligen Menschen geholfen, ihren Blutzucker zu kontrollieren, und der Forschung eine zweite Bühne eröffnet – von Alterungsprozessen und Krebs bis hin zu Herzgesundheit und Fruchtbarkeit.

Seine Geschichte beginnt nicht im Labor, sondern in einer Pflanze: Galega officinalis, bekannt als Geißraute oder auch französischer Flieder. Über Jahrhunderte nutzte man sie in der Volksmedizin gegen Beschwerden, die wir heute als typische Zeichen eines Diabetes einordnen – etwa starken Durst und häufiges Wasserlassen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts isolierten Forschende daraus Substanzen, die den Blutzucker senken konnten. Nach Jahren der Weiterentwicklung und Prüfung setzte sich Metformin als vergleichsweise sicheres und wirksames Mittel durch und wurde Ende der 1950er-Jahre im Vereinigten Königreich eingeführt.

Später bestätigten grosse klinische Studien – sorgfältig geplante Untersuchungen an Menschen, mit denen sich die Wirksamkeit von Behandlungen überprüfen lässt – was viele Ärztinnen und Ärzte bereits vermuteten.

Metformin senkte nicht nur den Glukosespiegel (Glukose ist die wichtigste Zuckerform des Körpers), sondern verringerte auch diabetesbedingte Folgeprobleme. Damit wurde es in vielen Teilen der Welt zur Standardtherapie bei Typ-2-Diabetes.

Wie Metformin im Körper wirkt

Metformin gehört zu den Biguaniden, einer Wirkstoffgruppe, die den Blutzucker reduziert. Seine zentrale Wirkung besteht darin, dass der Körper Insulin besser nutzen kann. Insulin ist das Hormon, das Glukose aus dem Blut in die Zellen schleust, wo sie als Energiequelle dient.

Konkret senkt Metformin die Menge an Glukose, die die Leber ins Blut abgibt, verbessert die Aufnahme von Glukose aus dem Blut in die Muskulatur und verringert, wie viel Glukose aus der Nahrung im Darm aufgenommen wird.

Ausserdem aktiviert Metformin ein Enzym namens AMPK, das häufig als „Energiesensor“ der Zelle beschrieben wird. Enzyme sind Eiweisse, die chemische Reaktionen im Körper ermöglichen oder beschleunigen.

Ist AMPK aktiviert, wird die Neubildung von Glukose in der Leber gedrosselt – dieser Vorgang heisst Glukoneogenese – und Gewebe wie die Muskulatur werden dazu angeregt, mehr Glukose aufzunehmen und zu verwerten.

Im Unterschied zu manchen anderen Diabetesmedikamenten führt Metformin in der Regel nicht zu einer Gewichtszunahme. Allein angewendet verursacht es zudem nur selten Unterzuckerungen.

Jenseits von Diabetes: Chancen und Grenzen

Der sehr gute Ruf von Metformin hat dazu geführt, dass Forschende mögliche Einsatzgebiete ausserhalb des Diabetes untersucht haben – allerdings ist die Datenlage je nach Thema uneinheitlich.

Eine verbreitete Off-Label-Anwendung (also die Verordnung für eine Erkrankung, für die das Mittel nicht offiziell zugelassen ist) betrifft das polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS).

Viele Menschen mit PCOS haben eine Insulinresistenz. Das bedeutet: Der Körper reagiert nicht ausreichend auf Insulin und muss mehr davon produzieren, um den Blutzucker stabil zu halten. Hohe Insulinspiegel können die Eierstöcke dazu anregen, vermehrt Androgene zu bilden – eine Hormongruppe, zu der auch Testosteron zählt.

Erhöhte Androgenspiegel können den Eisprung stören und zu unregelmässigen oder ausbleibenden Monatsblutungen beitragen. Indem Metformin die Insulinempfindlichkeit verbessert, kann es diese Effekte abschwächen und möglicherweise helfen, den Menstruationszyklus zu stabilisieren.

Metformin wurde ausserdem im Zusammenhang mit Altern und Langlebigkeit untersucht. So interessant frühe Hinweise auch sind: Es gibt bislang keinen eindeutigen Beleg dafür, dass Metformin das Altern beim Menschen verlangsamt, und es ist dafür nicht zugelassen.

Einige Studien deuten zudem auf mögliche neuroprotektive Effekte hin – also darauf, dass Metformin Gehirn und Nervensystem schützen könnte, insbesondere bei langfristiger Einnahme.

Doch die Ergebnisse sind nicht konsistent. Um verlässlich zu klären, ob Metformin tatsächlich vor Demenz und anderen neurodegenerativen Erkrankungen schützen kann, braucht es weiterhin grosse, langfristige klinische Studien.

Diese potenziellen Zusatzanwendungen zeigen zwar, wie vielseitig Metformin ist, sie machen aber auch deutlich, wie wichtig eine medizinische Begleitung bleibt. Metformin wird meist gut vertragen, kann jedoch – wie jedes Arzneimittel – Nebenwirkungen verursachen.

Nebenwirkungen und Sicherheitsaspekte

Am häufigsten treten Übelkeit, Magenbeschwerden, Durchfall, Geschmacksveränderungen und Appetitverlust auf. Solche Beschwerden lassen oft mit der Zeit nach oder wenn auf Retardpräparate umgestellt wird, die den Wirkstoff langsamer freisetzen. Auch die Einnahme zu einer Mahlzeit kann helfen.

Ein weiteres bekanntes Thema ist ein Vitamin-B12-Mangel, der wiederholt bei Menschen mit Typ-2-Diabetes beobachtet wurde, die Metformin einnehmen. Als möglicher Grund gilt, dass das Medikament die Aufnahme von Vitamin B12 im Darm vermindert.

Langfristig kann ein niedriger Vitamin-B12-Spiegel zu einer Anämie oder zu einer peripheren Neuropathie führen. Anämie bedeutet, dass der Körper nicht genügend gesunde rote Blutkörperchen hat, um Sauerstoff ausreichend zu transportieren. Eine periphere Neuropathie beschreibt Nervenschädigungen, meist an Händen oder Füssen, die Kribbeln, Taubheitsgefühle, Schmerzen oder Schwäche auslösen können.

Selten, aber ernst ist eine Laktatazidose: Dabei sammelt sich Milchsäure im Blut in gefährlichem Ausmass an. Steigt sie zu stark, kann das Blut bedrohlich übersäuern und unbehandelt zu Organversagen führen.

Das Risiko ist höher bei Menschen mit schweren Nieren- oder Lebererkrankungen – weshalb regelmässige Kontrollen bedeutsam sind. Fachpersonen im Gesundheitswesen raten ausserdem mitunter, Metformin vor bestimmten medizinischen Eingriffen vorübergehend abzusetzen oder wenn jemand schwer erkrankt.

Therapieleitlinien 2026: Metformin und SGLT-2-Hemmer von Beginn an

Über viele Jahre war die Empfehlung klar und unkompliziert: Therapie starten – mit Metformin. Im Jahr 2026 hat jedoch das britische Leitlinieninstitut NICE seine Empfehlungen zum Typ-2-Diabetes aktualisiert und damit eine Entwicklung hin zu früherer und intensiverer Behandlung signalisiert.

Die neue Leitlinie empfiehlt, dass den meisten Betroffenen von Anfang an zusätzlich zu Metformin ein SGLT-2-Hemmer angeboten werden sollte, etwa Dapagliflozin.

SGLT-2-Hemmer sind Medikamente, die den Nieren helfen, überschüssige Glukose über den Urin auszuscheiden. Ziel dieses Vorgehens ist nicht nur die Blutzuckerkontrolle, sondern auch ein früherer Schutz von Herz und Nieren im Krankheitsverlauf – ein Ausdruck des breiteren Trends zu stärker personalisierten Therapien.

Das bedeutet jedoch keineswegs, dass Metformin an den Rand gedrängt wurde. Es bleibt eine tragende Säule der Diabetesbehandlung und wird weiterhin sehr häufig verordnet. Allerdings verändert sich das Umfeld, und Therapieentscheidungen werden zunehmend an die einzelne Person angepasst.

Metformin ist zwar ein älteres Medikament, doch es passt weiterhin in die moderne Medizin. Während die Diabetesversorgung individueller wird und neue Optionen hinzukommen, bleibt Metformin eine verlässliche, kostengünstige und wirksame Grundlage.

Seine Geschichte ist damit noch lange nicht abgeschlossen. Mitunter sind die Arzneimittel, die am meisten verändern, nicht die neuesten oder auffälligsten – sondern jene, die sich über die Zeit bewähren.

Dipa Kamdar, Senior Lecturer für Pharmazeutische Praxis, Kingston University

Dieser Artikel wird unter einer Creative-Commons-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.

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