Viele Menschen verbinden Adipositas vor allem mit Herzkrankheiten oder Diabetes. An Infektionen denken deutlich weniger. Neue Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass das Körpergewicht auch mitbestimmt, wie gut der Körper Erkrankungen durch Viren und Bakterien bewältigt.
Eine grosse internationale Untersuchung deutet darauf hin, dass Adipositas das Risiko für schwere Infektionen, Krankenhausaufenthalte und sogar für Todesfälle erhöht.
Damit unterstreichen die Daten ein wachsendes globales Gesundheitsproblem – zumal die Adipositasraten weltweit weiter steigen.
Wie Adipositas untersucht wurde
Für die Studie wurden über viele Jahre mehr als 540,000 Erwachsene begleitet. Die Forschenden werteten Daten von über 67,000 Erwachsenen in Finnland sowie von mehr als 470,000 Erwachsenen aus der UK-Biobank aus.
Zu Beginn wurde bei allen Teilnehmenden der Body-Mass-Index erfasst. Der Body-Mass-Index (BMI) nutzt Körpergrösse und Gewicht, um den Körperfettanteil näherungsweise abzuschätzen.
In der finnischen Gruppe lag das durchschnittliche Ausgangsalter bei 42 Jahren. In der UK-Biobank lag es im Mittel bei 57 Jahren. Die gesundheitlichen Endpunkte wurden über rund 13 bis 14 Jahre nachverfolgt.
Die Fragestellung war bewusst klar gehalten: Untersucht werden sollte, ob Adipositas das Risiko für schwere Infektionskrankheiten auch jenseits von COVID-19 erhöht.
Adipositas erhöht das Infektionsrisiko
Die Auswertung fiel eindeutig aus: Menschen mit Adipositas hatten ein deutlich höheres Risiko für schwere Infektionen. Als Adipositas galt in dieser Studie ein BMI von 30 oder höher.
Im Vergleich zu Personen mit einem gesunden BMI zwischen 18.5 und 24.9 hatten Menschen mit Adipositas eine um 70 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, wegen einer Infektionskrankheit ins Krankenhaus zu müssen oder daran zu sterben.
Mit zunehmendem Körpergewicht nahm das Risiko weiter zu. Bei sehr schwerer Adipositas – definiert als BMI von 40 oder höher – war das Risiko für eine schwere Infektion dreimal so hoch wie bei Menschen mit gesundem Gewicht.
In der UK-Biobank lag das jährliche Risiko für eine schwere Infektion bei Erwachsenen mit gesundem BMI bei etwa 1.1 Prozent. Bei Erwachsenen mit Adipositas betrug es 1.8 Prozent pro Jahr.
Infektionen, die mit Adipositas zusammenhängen
Die Forschenden analysierten zehn häufige Infektionskrankheiten genauer. Insgesamt erhöhte Adipositas bei vielen Erkrankungen das Risiko für Hospitalisierung oder Tod.
Dazu zählten unter anderem Grippe, COVID-19, Lungenentzündung, Gastroenteritis, Harnwegsinfektionen sowie Infektionen der unteren Atemwege.
Allerdings zeigte sich nicht bei allen Infektionen das gleiche Muster: Bei schwerer HIV-Erkrankung oder Tuberkulose schien Adipositas das Risiko nicht zu erhöhen. Für die meisten gängigen Infektionen verschlechterte ein höheres Körpergewicht jedoch die Prognose.
Adipositas schwächt die Immunabwehr
Die Ergebnisse legen nahe, dass Adipositas die Funktionsweise des Immunsystems beeinflussen kann.
„Our finding that obesity is a risk factor for a wide range of infectious diseases suggests that broad biological mechanisms may be involved“, sagte Professor Mika Kivimäki vom UCL in London.
„It is plausible that obesity weakens the immune system’s ability to defend against the infectious bacteria, viruses, parasites or fungi, therefore resulting in more serious diseases.“
Professor Kivimäki wies zudem darauf hin, dass Gewichtsabnahme helfen könnte, das Infektionsrisiko zu senken. Hinweise aus Studien zu GLP 1 Abnehmmedikamenten deuten darauf hin, dass ein niedrigeres Adipositasniveau auch die Wahrscheinlichkeit schwerer Infektionen reduzieren könnte.
Um die zugrunde liegenden Abläufe vollständig zu verstehen, sind jedoch weitere Untersuchungen erforderlich.
Adipositas im Zusammenhang mit Todesfällen
Zusätzlich wertete das Team globale Sterbedaten aus der Studie zur globalen Krankheitslast aus.
Auf Basis der Risikoschätzungen aus der Hauptanalyse modellierten die Forschenden, welchen Einfluss Adipositas weltweit auf infektionsbedingte Todesfälle haben könnte.
Dem Modell zufolge könnte Adipositas im Jahr 2023 bei etwa 0.6 million der 5.4 million infektionsbedingten Todesfälle eine Rolle gespielt haben. Das entspricht grob jedem zehnten Todesfall weltweit.
Auswirkungen in verschiedenen Ländern
Je nach Land unterschieden sich die Effekte erheblich. In den Vereinigten Staaten war Adipositas 2023 mit etwa jedem vierten infektionsbedingten Todesfall verknüpft.
Im Vereinigten Königreich entfiel rund jeder sechste Todesfall dieser Kategorie auf einen Zusammenhang mit Adipositas. Vietnam wies deutlich niedrigere Werte auf: Dort stand Adipositas nur bei etwas mehr als einem Prozent der infektionsbedingten Todesfälle in Verbindung.
„Our findings suggests that people living with obesity are significantly more likely to become severely ill or to die from a wide range of infectious diseases“, sagte die Co-Autorin Dr. Solja Nyberg von der Universität Helsinki in Finnland.
„As obesity rates are expected to rise globally, so will the number of deaths and hospitalizations from infectious diseases linked to obesity.“
Daten zu infektionsbedingten Todesfällen
„To reduce the risk of severe infections, as well as other health issues linked with obesity, there is an urgent need for policies that help people stay healthy and support weight loss, such as access to affordable healthy food and opportunities for physical activity“, sagte Dr. Nyberg.
„Furthermore, if someone has obesity, it is especially important to keep their recommended vaccinations up to date.“
Die Autorinnen und Autoren betonten zugleich wichtige Einschränkungen: Es handelt sich um Beobachtungsdaten, daher lässt sich kein eindeutiger Ursache-Wirkungs-Nachweis ableiten. Zudem bilden die Gruppen aus Finnland und dem Vereinigten Königreich nicht die Weltbevölkerung insgesamt ab.
„Estimates of the global impact give a sense of how large the problem may be, but they should be interpreted with caution“, sagte Dr. Sara Ahmadi Abhari vom Imperial College in London.
„Data on infection-related deaths and obesity in the GBD are not always accurate, particularly in low resource countries.“
Warum diese Forschung wichtig ist
Die Studie macht deutlich, dass Adipositas nicht nur mit langfristigen Erkrankungen zusammenhängt. Sie beeinflusst auch, wie der Körper auf Infektionen reagiert.
Wenn die Adipositasraten weltweit weiter ansteigen, könnte auch die Belastung durch schwere Infektionen zunehmen.
Massnahmen der öffentlichen Gesundheit, die ein gesundes Körpergewicht unterstützen, das Immunsystem stärken und einen fairen Zugang zur Versorgung ermöglichen, könnten daher entscheidend sein, um künftige Risiken zu senken.
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