Alexithymie ist ein Begriff, den viele noch nie gehört haben. Er beschreibt jedoch ein Erleben, das weit verbreitet ist: Schwierigkeiten, Gefühle zu erkennen, voneinander zu unterscheiden und auszudrücken.
Sie beeinflusst, wie Menschen bei der Arbeit, in Beziehungen und im Umgang mit sich selbst mit ihren Emotionen umgehen. Zudem kann sie verändern, wie jemand die Umgebung einordnet und mit der Welt interagiert.
Ob eine bekannte Person Alexithymie hat, lässt sich nicht leicht erkennen. Häufig weiss die betroffene Person selbst nicht, dass sie davon betroffen ist. Es handelt sich vor allem um ein inneres Erleben.
Der Begriff „Alexithymie“ wurde in der Forschung erstmals in den 1970er-Jahren beschrieben; eine klinische Diagnose gibt es nicht. Schätzungen zufolge betrifft sie dennoch etwa 10% der Allgemeinbevölkerung.
Das Wort stammt aus dem Griechischen: „a“ (nicht), „lexis“ (Worte) und „thymia“ (Seele oder Gefühle). Sinngemäss bedeutet es „keine Worte für Gefühle“.
Alexithymie und Interozeption
Alexithymie steht in engem Zusammenhang mit der Interozeption, also der Fähigkeit, innere Zustände wahrzunehmen und zu benennen. Menschen mit eingeschränkter Interozeption, die auch als „Alexisomie“ bezeichnet wird, können oft nur schwer feststellen, ob sie hungrig, durstig, müde, erregt oder in Schmerzen sind.
Wichtig ist: Alexithymie zeigt sich nicht bei allen Menschen gleich. Die Ausprägung unterscheidet sich von Person zu Person. Bei autistischen Menschen kommt sie beispielsweise häufiger vor: zwischen 33% und 66%, verglichen mit der Allgemeinbevölkerung.
Auch bei Menschen mit Zwangsstörung, prämenstrueller dysphorischer Störung, posttraumatischer Belastungsstörung, Angstzuständen und Depressionen ist sie verbreiteter. Manche Menschen haben Alexithymie schon immer, andere entwickeln sie infolge von Traumata.
Wer nicht erkennen kann, was er oder sie gerade empfindet, unterdrückt oder ignoriert körperliche Signale möglicherweise eher. Dadurch werden Probleme seltener abgeschwächt. Die emotionale Selbstregulation wird auf diese Weise schwieriger, und das Gefühl der Überforderung kann häufiger auftreten.
Ein Merkmal der Alexithymie ist ein nach aussen gerichteter Denkstil. Dabei orientieren sich Menschen an dem, was um sie herum geschieht, statt die eigenen emotionalen Prozesse als Informationsquelle zu nutzen.
Auswirkungen auf soziale Situationen
Menschen mit Alexithymie müssen möglicherweise erst im Nachhinein auf ein Ereignis zurückblicken, um anhand von Kontextsignalen zu verstehen, was sie in diesem Moment gefühlt haben. Für vergleichbare Situationen passen sie ihr Verhalten häufig entsprechend an.
Insbesondere für autistische Menschen kann Alexithymie es erschweren, soziale Hinweise wie Gesichtsausdrücke zu deuten. Das kann überwältigend werden und zu sogenannten Meltdowns führen.
Auch auf Ereignisse, die üblicherweise gemeinschaftliche Gefühle auslösen – etwa den Tod einer prominenten Person oder die Bekanntgabe einer Hochzeit –, reagieren Menschen mit Alexithymie möglicherweise anders. Reaktionen, die auf andere unpassend wirken, können bei den Beteiligten zu Missverständnissen und Frustration führen.
Emotionales Bewusstsein
Alexithymie prägt, wie Menschen Emotionen erleben und deuten: von der Wahrnehmung körperlicher Empfindungen über ihre Zuordnung zu bestimmten Gefühlen bis hin zur Entscheidung, wie sie darauf reagieren.
Zu verstehen, an welchem Punkt dieses Prozesses jemand Schwierigkeiten hat, kann dabei helfen, die passende Unterstützung zu bestimmen.
Obwohl Alexithymie die Verbindung eines Menschen zu den eigenen Gefühlen beeinträchtigen kann, ist emotionales Bewusstsein eine Fähigkeit, die sich auch im Erwachsenenalter entwickeln und mit der Zeit verbessern lässt.
Das Benennen von Emotionen und körperlichen Empfindungen zu üben, ist eine Strategie, die Menschen mit Alexithymie helfen kann, sich selbst besser zu verstehen. Eine weitere besteht darin zu lernen, wie sich diese Empfindungen im Körper zeigen.
Rebecca Ellis, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Public Health, Swansea University
Dieser Artikel wurde unter einer Creative-Commons-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.
Eine frühere Version dieses Artikels erschien erstmals im November 2024.
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