Zum Inhalt springen

Studie aus Schweden: Autismus-Diagnosen bei Mädchen werden oft später erkannt

Junge Frau mit Psychologie-T-Shirt hält Tablettenflasche, andere warten im Wartezimmer einer Arztpraxis.

Warum wirkt Autismus in der Kindheit bei Jungen oft leicht erkennbar, während viele Frauen berichten, ihre Diagnose erst deutlich später im Leben erhalten zu haben? Eine große Untersuchung aus Schweden liefert darauf eine klare Erklärung: Autismus kommt bei Mädchen nicht seltener vor – er wird häufig erst später erkannt.

Über Jahrzehnte wurde die Autismus-Spektrum-Störung stärker mit männlichen Personen verknüpft. Viele Auswertungen kamen auf etwa vier Diagnosen bei Jungen bzw. Männern pro eine Diagnose bei Mädchen bzw. Frauen.

Diese Lücke prägte das öffentliche Bild, schulische Screenings und sogar die medizinische Ausbildung. Neue Daten vom Karolinska Institutet zeigen nun, dass sich der Abstand mit zunehmendem Alter verkleinert und im Erwachsenenalter nahezu verschwindet.

Autismusdiagnosen unterscheiden sich nach Geschlecht

Die Autismus-Spektrum-Störung beeinflusst soziale Interaktion, Kommunikation und Verhalten. In den vergangenen drei Jahrzehnten sind die Diagnoseraten kontinuierlich gestiegen.

Zu diesem Anstieg haben unter anderem weiter gefasste Diagnosekriterien, bessere Aufmerksamkeit für das Thema sowie gesellschaftliche Veränderungen wie ein höheres Elternalter beigetragen.

Trotz der steigenden Zahlen blieb lange ein Muster auffällig stabil: In der Kindheit wurden vor allem Jungen diagnostiziert. Mädchen schienen in Statistiken häufig zu fehlen, und viele Fachleute schlossen daraus, Autismus trete bei weiblichen Personen seltener auf.

Die schwedische Studie stellt diese Annahme infrage, indem sie Menschen durch Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter hinweg begleitet.

Dafür nutzten die Forschenden nationale Gesundheitsregister in Schweden, um Autismusdiagnosen über die Zeit nachzuverfolgen. Eingeschlossen waren 2,7 Millionen Personen, geboren zwischen 1985 und 2020.

Die medizinischen Angaben deckten bei jeder Person den Zeitraum von der frühen Kindheit bis zu einem Alter von 37 Jahren ab. Durch diese sehr große Datengrundlage ließ sich untersuchen, wie Alter, Geburtsjahr und Kalenderzeit die Autismusdiagnose beeinflussen.

Raten von Autismusdiagnosen

Bei rund 2,8 Prozent der Studienpopulation wurde Autismus diagnostiziert. Das durchschnittliche Alter bei Diagnosestellung lag bei 14,3 Jahren. Bei beiden Geschlechtern stiegen die Diagnoseraten im Verlauf der Kindheit an, allerdings zu unterschiedlichen Zeitpunkten.

Männliche Personen erhielten ihre Diagnose am häufigsten zwischen 10 und 14 Jahren. Bei weiblichen Personen lag der Höhepunkt später, nämlich zwischen 15 und 19 Jahren.

In der frühen Kindheit wirkte Autismus deshalb deutlich häufiger bei Jungen. In der Jugendzeit stiegen die Diagnosen bei Mädchen dann stark an.

Um etwa das 20. Lebensjahr näherte sich das Verhältnis Männer zu Frauen einem Wert von eins zu eins an. Autismus trat bei Mädchen nicht plötzlich erst in der Teenagerzeit auf – die Anerkennung der Symptomatik erfolgte lediglich später.

Die Forschenden beschrieben dieses Muster als Aufholeffekt bei weiblichen Personen. Mit den wachsenden sozialen Anforderungen in der Jugend ließen sich autistische Merkmale zunehmend schwerer übersehen.

Autistische Merkmale entwickeln sich im Zeitverlauf

Mehrere Gründe können erklären, warum die Diagnose bei weiblichen Personen häufiger verzögert erfolgt. Viele Mädchen bauen bereits früh ausgeprägte Bewältigungsstrategien auf. Soziale Imitation, eher unauffälliges Verhalten und das Befolgen von Regeln können autistische Merkmale im Klassenzimmer verdecken.

Auch die Diagnostik selbst beeinflusst den Zeitpunkt. Viele Instrumente und Beurteilungsverfahren legen den Schwerpunkt auf Verhaltensweisen, die bei Jungen häufiger beobachtet werden.

Wiederholende Handlungen oder klar sichtbare soziale Schwierigkeiten führen oft zu frühen Überweisungen. Feinere Kommunikationsprobleme können dagegen über Jahre hinweg unbemerkt bleiben.

Biologische Faktoren könnten ebenfalls eine Rolle spielen. Einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sprechen von einem weiblichen Schutzeffekt und nehmen an, dass Mädchen eine höhere genetische Belastung benötigen, bevor autistische Merkmale deutlich werden.

Andere Arbeiten verweisen eher auf Unterschiede darin, wie sich Merkmale über die Entwicklung hinweg entfalten, statt auf einen tatsächlichen Schutz.

Alter, Zeit und Geburtsjahr sind entscheidend

Die schwedische Studie trennte drei Einflussgrößen, die Diagnosen prägen. Das Alter bei Diagnosestellung erklärte, warum sich die Erkennung in die Teenagerjahre verschiebt.

Der Kalenderzeitraum spiegelte die zunehmende Aufmerksamkeit sowie ausgeweitete Diagnosekriterien wider. Die Geburtskohorte stand für Veränderungen zwischen Generationen.

Durch diese Trennung der Effekte konnten die Forschenden zeigen, dass Geschlechtsunterschiede mit zunehmendem Alter stetig kleiner werden. Statistiken aus der Kindheit überzeichnen eine männliche Dominanz. Daten aus dem Erwachsenenalter zeichnen ein anderes Bild.

„Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Verhältnis Männer zu Frauen bei Autismus im Laufe der Zeit und mit steigendem Alter bei Diagnosestellung abgenommen hat“, erklärten die Forschenden der Studie.

„Dieses Verhältnis Männer zu Frauen könnte daher deutlich niedriger sein als bislang angenommen – so sehr, dass es in Schweden bis zum Erwachsenenalter möglicherweise nicht mehr unterscheidbar ist.“

Frauen erhalten fälschlich Diagnosen wie Depression

Eine späte Diagnose bleibt oft nicht folgenlos. Viele Frauen erhalten über Jahre zunächst andere psychiatrische Diagnosen, bevor Autismus erkannt wird. In den Krankenakten tauchen häufig zuerst Angststörungen, Depressionen und Persönlichkeitsstörungen auf.

Anne Cary, Patientin und Patientenvertreterin, griff dieses Thema in einem verknüpften Editorial auf. Cary beschrieb, dass die verzögerte Erkennung autistische Frauen dazu zwingt, sich aktiv um passende Versorgung zu bemühen.

Cary schrieb, dass autistische weibliche Personen häufig „(fehl)diagnostiziert mit psychiatrischen Erkrankungen, insbesondere Stimmungs- und Persönlichkeitsstörungen, und sie sind gezwungen, sich selbst zu vertreten, um gesehen und angemessen behandelt zu werden: als autistische Patientinnen, genauso autistisch wie ihre männlichen Gegenstücke.“

Autismus bevorzugt nicht Jungen

Die schwedische Studie verändert die Interpretation der Autismus-Häufigkeit. Daten aus der frühen Kindheit allein können Lebenszeitmuster nicht angemessen abbilden. Spätestens im Erwachsenenalter betrifft Autismus männliche und weibliche Personen in Schweden mit ähnlicher Häufigkeit.

Ein verbessertes Screening, das geschlechtsspezifische Unterschiede berücksichtigt, könnte zu einer früheren Erkennung beitragen. Lehrkräfte, Klinikerinnen und Kliniker sowie Familien benötigen möglicherweise breitere Definitionen autistischer Merkmale, um übersehene Diagnosen zu vermeiden.

Autismus ist nicht an ein Geschlecht gebunden. Zeitpunkt, Bewusstsein und Erwartungen beeinflussen, wer wann eine Diagnose erhält.


Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen