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Warum sich Zeit in Zeitausdehnungserlebnissen radikal verlangsamt

Junger Mann gießt Milch in ein Buch auf einem Küchentisch, daneben liegt ein Handy mit Wecker-App.

Wir alle kennen das Gefühl, dass Zeit je nach Situation unterschiedlich schnell vergeht. Reisen wir etwa an einen unbekannten Ort, scheint sie langsamer zu verstreichen. Eine Woche in einem fremden Land wirkt deutlich länger als eine Woche zu Hause.

Auch bei Langeweile oder Schmerzen zieht sich die Zeit scheinbar hin. Dagegen scheint sie zu rasen, wenn wir völlig in einer Tätigkeit aufgehen – etwa beim Musizieren, Schachspielen, Malen oder Tanzen. Allgemeiner betrachtet berichten die meisten Menschen, dass die Zeit mit zunehmendem Alter schneller zu vergehen scheint.

Diese Unterschiede in der Zeitwahrnehmung sind allerdings eher gering. Unser Zeiterleben kann sich auch wesentlich radikaler verändern. In meinem neuen Buch beschreibe ich sogenannte „Zeitausdehnungserlebnisse“ – Situationen, in denen sich Sekunden wie Minuten anfühlen können.

Warum Zeit sich beschleunigt oder verlangsamt, ist nicht vollständig geklärt. Einige Forschende, mich eingeschlossen, vermuten, dass leichte Veränderungen der Zeitwahrnehmung mit der Informationsverarbeitung zusammenhängen.

Grundsätzlich gilt: Je mehr Informationen unser Geist verarbeitet – also Wahrnehmungen, Empfindungen und Gedanken –, desto langsamer scheint die Zeit zu vergehen. Für Kinder zieht sie sich, weil sie in einer Welt voller Neuheiten leben.

Ungewohnte Umgebungen dehnen die Zeit, da sie fremd sind. Vertiefung verkürzt sie hingegen: Unsere Aufmerksamkeit verengt sich, der Geist wird ruhiger, und nur wenige Gedanken ziehen vorüber. Langeweile dehnt die Zeit dagegen, weil sich der ungerichtete Geist mit einer riesigen Flut gedanklichen Geplauders füllt.

Zeitausdehnungserlebnisse

Zeitausdehnungserlebnisse, kurz ZEEs, können bei Unfällen oder in Notfällen auftreten, beispielsweise bei einem Autounfall, einem Sturz oder einem Angriff. Dabei scheint sich die Zeit um viele Größenordnungen auszudehnen. Meine Forschung zeigt, dass rund 85 Prozent der Menschen mindestens ein ZEE erlebt haben.

Etwa die Hälfte aller ZEEs ereignet sich bei Unfällen und in Notlagen. Betroffene sind in solchen Momenten oft erstaunt darüber, wie viel Zeit ihnen zum Denken und Handeln zur Verfügung steht. Viele sind sogar überzeugt, dass die Zeitausdehnung sie vor einer schweren Verletzung bewahrt oder ihr Leben gerettet hat – weil sie dadurch vorbeugend handeln konnten, was unter normalen Umständen unmöglich gewesen wäre.

So berichtete mir eine Frau von einem ZEE, bei dem sie verhinderte, dass eine Metallbarriere auf ihr Auto fiel. Eine „Verlangsamung des Moments“ habe ihr ermöglicht, „zu entscheiden, wie wir dem auf uns herabfallenden Metall entkommen können“.

ZEEs treten auch häufig im Sport auf. Ein Teilnehmer schilderte etwa ein Erlebnis beim Eishockey, bei dem „der Spielzug, der ungefähr zehn Minuten zu dauern schien, sich vollständig innerhalb von etwa acht Sekunden abspielte“. Sie können ebenso in Momenten der Stille und Gegenwärtigkeit vorkommen, während der Meditation oder in der Natur.

Besonders extreme ZEEs stehen jedoch mit psychedelischen Substanzen wie LSD oder Ayahuasca in Verbindung. In meiner Sammlung von ZEEs hängen rund 10 Prozent mit Psychedelika zusammen. Ein Mann erzählte mir, dass er während eines LSD-Erlebnisses auf die Stoppuhr seines Handys sah und „die Hundertstelsekunden so langsam liefen, wie Sekunden normalerweise laufen. Das war eine wirklich intensive Zeitdehnung“, sagte er.

Erklärungen für die verlangsamte Zeit

Doch warum geschieht das? Einer Theorie zufolge hängen diese Erlebnisse in Notfällen mit der Ausschüttung von Noradrenalin zusammen, das sowohl Hormon als auch Neurotransmitter ist und zum „Kampf-oder-Flucht“-Mechanismus gehört. Das passt jedoch nicht zu dem ruhigen Wohlbefinden, von dem Menschen bei ZEEs üblicherweise berichten.

Obwohl ihr Leben in Gefahr sein kann, fühlen sich Betroffene meist auf seltsame Weise gelassen und entspannt. Eine Frau, die ein ZEE erlebte, als sie von einem Pferd stürzte, sagte beispielsweise: „Das gesamte Erlebnis schien Minuten zu dauern. Ich war extrem ruhig und machte mir keine Sorgen darüber, dass das Pferd sein Gleichgewicht noch nicht wiedergefunden hatte und möglicherweise auf mich fallen könnte.“

Auch die Noradrenalin-Theorie erklärt nicht, weshalb viele ZEEs in friedlichen Situationen vorkommen, etwa bei tiefer Meditation oder einem Gefühl der Einheit mit der Natur.

Eine weitere Möglichkeit, die ich erwogen habe, ist, dass ZEEs eine evolutionäre Anpassung darstellen. Vielleicht entwickelten unsere Vorfahren die Fähigkeit, die Zeit in Notfällen zu verlangsamen – etwa bei Begegnungen mit tödlichen Wildtieren oder Naturkatastrophen –, um ihre Überlebenschancen zu erhöhen. Doch auch hier gilt das bereits genannte Gegenargument: Die Theorie passt nicht zu ZEEs in Situationen ohne Notfall.

Eine dritte Theorie besagt, ZEEs seien keine tatsächlichen Erlebnisse, sondern Erinnerungstäuschungen. In Notfällen, so die Annahme, werde unsere Wahrnehmung besonders scharf, sodass wir mehr Eindrücke als gewöhnlich aufnehmen. Diese würden im Gedächtnis gespeichert. Wenn wir uns später an die Notlage erinnern, erzeuge die größere Zahl an Erinnerungen den Eindruck, die Zeit sei langsamer vergangen.

Bei vielen ZEEs sind die Betroffenen jedoch sicher, dass sie tatsächlich zusätzliche Zeit zum Nachdenken und Handeln hatten. Die Zeitausdehnung ermöglichte eine komplexe Abfolge von Gedanken und Handlungen, die bei normalem Zeitablauf nicht möglich gewesen wäre.

In einer aktuellen, noch nicht veröffentlichten Umfrage zu 280 ZEEs stellte ich fest, dass weniger als 3 Prozent der Teilnehmenden das Erlebnis für eine Illusion hielten. Rund 87 Prozent waren überzeugt, es sei ein reales, in der Gegenwart stattfindendes Erlebnis gewesen, während 10 Prozent unentschieden waren.

Veränderte Bewusstseinszustände und Zeitausdehnung

Meiner Ansicht nach liegt der Schlüssel zum Verständnis von ZEEs in veränderten Bewusstseinszuständen. Der plötzliche Schock eines Unfalls kann unsere üblichen psychologischen Prozesse unterbrechen und dadurch einen abrupten Bewusstseinswandel auslösen. Im Sport entstehen intensive veränderte Zustände durch das, was ich „Super-Vertiefung“ nenne.

Normalerweise lässt Vertiefung die Zeit schneller vergehen – etwa im Flow, wenn wir vollständig in einer Aufgabe aufgehen. Wird diese Vertiefung jedoch über einen längeren Zeitraum anhaltender Konzentration besonders intensiv, tritt das Gegenteil ein: Die Zeit verlangsamt sich radikal.

Veränderte Bewusstseinszustände können außerdem unser Identitätsgefühl und unser gewohntes Empfinden der Trennung zwischen uns und der Welt beeinflussen. Wie der Psychologe Marc Wittmann betont hat, ist unser Zeitempfinden eng mit unserem Selbstgefühl verbunden.

Normalerweise haben wir das Gefühl, innerhalb unseres geistigen Raums zu leben, während sich die Welt auf der anderen Seite „da draußen“ befindet. Ein zentrales Merkmal intensiver veränderter Zustände ist, dass dieses Gefühl der Abgetrenntheit schwindet. Wir fühlen uns nicht länger im eigenen Geist eingeschlossen, sondern mit unserer Umgebung verbunden.

Dadurch wird die Grenze zwischen uns und der Welt durchlässiger. Gleichzeitig weitet sich unser Zeitempfinden. Wir treten aus unserem normalen Bewusstsein heraus und gelangen in eine andere Zeitwelt.

Steve Taylor, Senior Lecturer für Psychologie, Leeds Beckett University

Dieser Artikel wurde unter einer Creative-Commons-Lizenz aus The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.

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