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Ein globaler Atlas der 508 medizinisch wichtigen Giftschlangen zeigt, wohin sie wandern

Frau mit Safari-Hut markiert Orte auf Weltkarte, umgeben von Pflanzen und Schlangen im Freien.

Das Antivenom, das in einer ländlichen Klinik lagert, wirkt in der Regel nur gegen die Schlangenart, für die es hergestellt wurde. Greift man zur falschen Ampulle, bleibt die Behandlung wirkungslos.

Seit Langem planen Gesundheitssysteme diese Vorräte auf Grundlage einer stillen Prämisse: Die gefährlichen Schlangen einer Region bleiben dort, wo sie sind.

Was bislang fehlte, war eine gemeinsame, hochaufgelöste Karte aller 508 weltweit medizinisch wichtigen Giftschlangen – verbunden mit der Frage, in welche Gebiete sie sich künftig verlagern.

Genau diese Antwort beginnt bereits, die Planung der Versorgung zu verändern.

Ein vernachlässigter Killer

Jedes Jahr sterben etwa 130,000 Menschen an Schlangenbissen, und weitere 400,000 überleben mit dauerhaften Schäden – amputierte Gliedmassen, zerstörte Nieren, Nervenschäden, die ein Arbeitsleben beenden können.

Fast alle Betroffenen leben in ländlichen Gegenden, weit entfernt von medizinischer Versorgung. Diese Belastung wurde lange als Entwicklungsproblem betrachtet – nicht als Umweltproblem.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich zum Ziel gesetzt, Todesfälle und Behinderungen durch Schlangenbisse bis 2030 zu halbieren, tut sich jedoch schwer damit, zuverlässig zu bestimmen, wohin Unterstützung konkret gehen sollte.

Anna F. V. Pintor, Biologin in der WHO-Abteilung zur Kontrolle vernachlässigter Tropenkrankheiten in Genf, leitete das Projekt, um diese Lücke zu schliessen.

Ihr Team erfasste mit bislang unerreichter Detailtiefe, wo die gefährlichsten Schlangen der Welt tatsächlich vorkommen.

Kartierung jeder Art

Für die Datengrundlage sammelte das Team Nachweise aus öffentlichen Datenbanken, Museumssammlungen, Feldnotizen, wissenschaftlichen Publikationen sowie verifizierten Beiträgen aus sozialen Medien.

Mehr als 30 Schlangenexpertinnen und -experten prüften diese Informationen, sodass der umfangreichste je zusammengestellte Datensatz zu Schlangenfundorten entstand.

Auf Basis dieser Nachweise modellierten die Forschenden die Habitat-Eignung für alle 508 Giftschlangenarten, die weltweit als medizinisch wichtig gelten.

Die Beobachtungen jeder Art wurden dabei in hoher Auflösung mit Klima-, Vegetations- und Bodendaten sowie Informationen zur menschlichen Bevölkerungsdichte abgeglichen.

Anschliessend liessen sie die Modelle in die Zukunft laufen: mit Klimaprojektionen für 2050 und 2090 unter einem Szenario anhaltend hoher Kohlenstoffemissionen.

Das Ergebnis ist ein globaler Atlas, der zeigt, welche Schlangen in den kommenden Jahrzehnten voraussichtlich wo leben werden.

Wo Schlangen auf Menschen treffen

Zusätzlich entwickelte das Team eine Kennzahl, den sogenannten Index der Schlangen-Mensch-Überlappung: Er beschreibt, wie viele Menschen innerhalb des Gebiets leben, das eine Art potenziell besiedeln kann.

Dort, wo sowohl viele Menschen als auch viele Schlangen zusammenkommen, sind die Voraussetzungen für Konflikte bereits gegeben.

Die stärkste Überlappung zeigt sich in weiten Teilen des subsaharischen Afrikas sowie im südasiatischen Gürtel mit Indien als Schwerpunkt; kleinere Hotspots liegen zudem in Mittel- und Südamerika sowie im Nahen Osten.

Damit bestätigen die neuen Karten die räumlichen Muster hinter der weltweiten Krankheitslast.

Bis zu dieser Studie hatte niemand dieses Gesamtbild über alle Arten hinweg und in so feiner Auflösung dargestellt.

Frühere globale Ansätze umfassten nur rund 200 gut dokumentierte Schlangenarten – seltene oder schlecht erforschte Arten fehlten dort vollständig.

Gewinner und Verlierer

Die Projektionen deuten nicht einheitlich in eine Richtung: Einige Arten verlieren Lebensraum.

So steht die Puffotter, eine gedrungene afrikanische Viper, bis 2090 vor starken Verbreitungsrückgängen, weil das für sie passende Klima in ihrem Gebiet verschwindet. Doch nicht jede Schlange gerät unter Druck.

Andere Arten gewinnen hinzu. Die Schwarzhals-Speikobra, die in Ost- und Westafrika für viele Bissunfälle verantwortlich ist, soll sich der Modellierung zufolge über den Kontinent hinweg ausbreiten.

Auch zwei nordamerikanische Arten – die Wassermokassinotter (Cottonmouth) und die Kupferkopf-Natter (Copperhead) – dürften sich schrittweise in höher gelegene Breitengrade vorarbeiten.

Insgesamt wird jedoch für die meisten Giftschlangen erwartet, dass sie mehr geeigneten Lebensraum verlieren als hinzugewinnen.

Mehr als die Hälfte weist bis 2090 deutliche Rückgänge sowohl in der Verbreitung als auch in der Schlangen-Mensch-Überlappung auf – selbst unter dem vom Team verwendeten Hoch-Emissions-Szenario.

Verbreitungsgebiete von Schlangen verschieben sich

Als die Forschenden die Bewegungen regional zusammenfassten, zeichnete sich ein klarer Trend ab.

Die Verbreitungsgebiete verlagern sich in Richtung höherer Breitengrade – in der Nordhalbkugel nach Norden, in Australien nach Süden –, was zu dem Muster passt, dass Arten den für sie geeigneten Temperaturen folgen.

Auf Ebene einzelner Arten fällt die Verschiebung allerdings deutlich uneinheitlicher aus. In den USA dringt die Wassermokassinotter in Bundesstaaten vor, die bislang ausserhalb ihres historischen Wohlfühlbereichs lagen.

Der Vielbindenkrait, eine hochgefährliche asiatische Art, verschiebt sich nach Norden bis nach China. In Australien wandern tödliche Schlangen entlang der Küsten und entfernen sich vom trockenen Landesinneren.

Afrika und Südamerika zeigen ein komplexeres Bild: In den Becken von Kongo und Amazonas liegen Zonen mit Zuwachs direkt neben Zonen mit Rückgang.

Eine regionale Untersuchung in Indien fand ein vergleichbares Flickwerk – Tal für Tal. Grobe Karten reichen dafür nicht aus.

Antivenom muss mitwandern

Ob ein Giftschlangenbiss gut behandelbar ist, hängt davon ab, ob das passende Antivenom schnell im richtigen Krankenhaus verfügbar ist.

Die meisten Antivenome wirken nur gegen bestimmte Arten oder regionale Artengruppen – eine Klinik, die für eine Schlangengemeinschaft ausgestattet ist, kann gegen eine andere praktisch machtlos sein. Falsche Ampullen. Verlorene Zeit.

Wenn sich Arten verlagern, muss die Versorgung nachziehen. Eine Klinik in North Carolina, die heute nur selten Kupferkopf-Bisse behandelt, könnte in 20 Jahren deutlich häufiger damit konfrontiert sein.

Ein Krankenhaus in Kenia, das bislang viele Fälle mit Puffottern versorgt, könnte künftig mehr Patientinnen und Patienten nach Bissen von Speikobras sehen.

Pintors Team hat den Datensatz ausdrücklich so aufgebaut, dass er sofort genutzt werden kann. Länderspezifische Karten sind über eine öffentliche WHO-Plattform abrufbar, damit Ministerien die richtigen Ampullen am richtigen Ort bevorraten können, bevor sich Bissfälle häufen.

Schlangen, die es zu schützen gilt

Trotz der vielen Diskussionen über Ausbreitung ist die übergeordnete Botschaft vor allem eine des Verlusts. Schlangen fressen Nagetiere, die Ernten zerstören und Krankheiten übertragen, und sie sind ein zentraler Bestandteil vieler Nahrungsnetze.

Wenn sie verschwinden, schadet das den Ökosystemen, von denen ländliche Gemeinschaften abhängen.

Mehr als drei von zehn der weltweit medizinisch wichtigen Schlangen sind bereits als bedroht, potenziell bedroht oder als zu schlecht erforscht eingestuft, um ihren Status zu bewerten.

Der Klimawandel wird diese Populationen zusätzlich unter Druck setzen – besonders Arten mit sehr begrenztem Verbreitungsgebiet, die keine Ausweichräume haben.

Die neue Ausgangsbasis umfasst jede medizinisch wichtige Schlange in hoher Auflösung.

Gesundheitssysteme in Indien, China und im Südosten der USA können damit das Kommende einplanen, statt nur zu reagieren. Die Risikokarte holt endlich auf.

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