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Risikoreicher Ruhestand: Warum die Renditejagd zur Wette wird

Älterer Mann sitzt am Tisch, analysiert Dokumente neben offenem Laptop mit Finanzdiagramm.

An einem tristen Dienstagmorgen sitzen in der Ecke eines Cafés am Stadtrand zwei befreundete Rentner nebeneinander und diskutieren leise – aber hartnäckig – über einen Aktienchart auf einem iPad. Einer von beiden, John, grinst breit: Sein Depot hat sich in vier Jahren verdoppelt, seit ein junger Berater ihn zu einer besonders riskanten Strategie überredet hat. Gegenüber blickt Linda auf ihren eigenen Auszug. Gleiche Strategie, gleicher Berater, gleicher Zeitpunkt – nur liegt sie fast 40 % im Minus, und die Zahlen fühlen sich plötzlich an wie eine Falle, in die sie sehenden Auges getappt ist.

Am Nachbartisch hört eine Barista in ihren Zwanzigern mit halbem Ohr zu und fragt sich, ob Ruhestand für sie jemals mehr sein wird als ein fernes Wunschbild.

Das Gefährliche daran? Alle drei sind überzeugt, sie hätten „das Vernünftige“ getan.

Wenn die Jagd nach mehr Rendite im Ruhestand zur Wette wird

Der glänzende Ansatz, der in vielen dieser Geschichten im Zentrum steht, trägt einen freundlich klingenden Namen: „risikoreicher Ruhestand“. Übersetzt heisst das: Seniorinnen und Senioren werden dazu gedrängt, auch lange nach dem letzten Arbeitstag einen grossen Teil ihres Ersparten in aggressive Anlagen zu halten. Wachstumsaktien. Exotische Fonds. Gehebelte ETFs. Komplizierte Produkte, die an Marktvolatilität gekoppelt sind.

Das klingt mutig. Es fühlt sich nach Selbstbestimmung an. Und wenn die Börsen steigen, macht es manche Ruheständlerinnen und Ruheständler auf dem Papier tatsächlich zu Millionären.

Bis der Markt nicht mehr mitspielt.

Was in Anrufen von Finanzplanern und in Talkshows mit „Expertinnen“ oft untergeht, ist die leise Gegenseite dieser Erzählung. Ein 68-Jähriger aus Phoenix berichtete mir, er sei 2019 mit 900.000 US-Dollar in Rente gegangen – überwiegend in aggressiven Tech-Fonds. Ende 2021 standen bei ihm mehr als 1,4 Millionen US-Dollar. Er gab mehr Trinkgeld, reiste häufiger und lebte, als hätte er „das System ausgetrickst“.

Dann kam 2022. Technologieaktien stürzten ab, sein Depot fiel auf 780.000 US-Dollar, und Flüge, Restaurantbesuche und das Sicherheitsgefühl wirkten im Rückblick, als wären sie mit Monopoly-Geld bezahlt worden. Um die steigenden Kosten zu stemmen, nahm er wieder Teilzeit an – bei Home Depot. Eine Freundin, die ein Jahr zuvor die Hälfte ihres Vermögens in langweilige Anleihen umgeschichtet hatte, kam vergleichsweise ruhig durch die Phase. Sie prahlte nicht. Sie schlief.

Fachleute sagen, das Muster taucht immer wieder auf: Wer im Ruhestand mit Hochrisiko-Strategien gewinnt, deutet das oft als Können; wer verliert, nennt es Pech. Die Wahrheit ist weniger glamourös. Der gleiche gehebelte ETF, der in einer Rallye dein Geld verdoppelt, kann es in einer Abwärtsphase halbieren. Die gleiche Dividendenaktie, die wie ein sicherer Einkommensmotor wirkt, kann ihre Ausschüttung kürzen oder über Nacht abstürzen.

Dass die Ergebnisse auseinanderlaufen, ist kein Rätsel. Es ist Mathematik, Timing und menschliches Verhalten – und ein Markt, der niemandem eine sanfte Landung schuldet.

Die riskanten Manöver, die manche Seniorinnen reich machen – und andere ruinieren

Fragt man Beraterinnen und Berater, was diesen „Vollgas-ohne-Bremse“-Trend im Ruhestand antreibt, nennen viele zuerst dasselbe: die Angst, das Geld könnte nicht reichen. Wer jahrzehntelang hört, man brauche „mindestens eine Million“, schaut auf 450.000 oder 600.000 US-Dollar im Depot und fühlt sich zurückgesetzt. Also greift man nach der Abkürzung.

Dann wird am späten Ende eines Bullenmarkts in Wachstumsaktien hineingekauft. Man übernimmt einen 80/20-Mix aus Aktien und Anleihen, der mit 40 vielleicht gepasst hätte – aber nicht mit 70. Und man steigt in Produkte ein, die in Hochglanzbroschüren mit Formulierungen wie „strategisches Einkommen“, „optimierte Rendite“ und Kapitalschutz werben – während die Sternchen im Kleingedruckten die eigentliche Geschichte erzählen.

Wie ein Glücksspiel fühlt es sich nicht an, wenn alle um einen herum zustimmend nicken.

Ein Beispiel: ein Ehepaar aus Florida, beide pensionierte Lehrkräfte. Eine YouTube-Finanzpersönlichkeit brachte sie dazu, fast 70 % ihrer Ersparnisse in hochverzinsliche Dividendenaktien zu schieben und einen schmalen Anteil in spekulative Tech-Werte. Die Botschaft war simpel: „Warum euch mit 4 % Rendite zufriedengeben, wenn ihr 10–12 % machen und wie ein Boss in Rente gehen könnt?“

Die ersten zwei Jahre schien der Plan aufzugehen. Die Einnahmen stiegen, sie kauften ein besseres Auto, sie halfen einem Enkel beim Studium. Als dann Dividenden gekürzt wurden und die Kurse fielen, brach ihr Einkommen um fast ein Drittel ein. Die Ausgaben passten sich bei weitem nicht so schnell an. Heute verkaufen sie Anteile zu niedrigen Kursen, nur um Grundkosten zu bezahlen.

Die gleiche Sendung, die sie zum Wechsel ermutigt hatte, brachte nie eine Folge über ihre Verluste.

Aus Sicht von Expertinnen und Experten ist daran wenig mysteriös. Im Ruhestand trifft viele das, was Ökonominnen und Ökonomen „Sequenzrisiko der Renditen“ nennen. Wer jeden Monat Geld entnimmt, für den sind schlechte Jahre zu Beginn des Ruhestands deutlich gefährlicher als schlechte Jahre später. Ein Minus von 30 % im Depot, während gleichzeitig entnommen wird, kann ein Loch reissen, das sich selbst bei einer späteren Markterholung nicht mehr schliessen lässt.

Genau deshalb können zwei Nachbarn mit derselben riskanten Strategie in völlig unterschiedlichen Realitäten landen. Die eine Person geht kurz vor einer Hausse in Rente und wirkt wie ein Genie. Die andere verlässt den Job kurz vor einem Einbruch und sieht zu, wie das Sicherheitsnetz aufdröselt. Gleicher Plan, anderer Kalender, radikal andere Leben.

Wie du dich schützt, ohne auf Wachstum zu verzichten

Die bodenständigen Fachleute sagen nicht, Seniorinnen und Senioren müssten in ständiger Angst leben oder alles auf einem niedrig verzinsten Sparkonto parken. Stattdessen sprechen sie von „Leitplanken“ – einfachen, eher langweiligen Strukturen, die verhindern, dass ein schlechtes Jahr zu einer existenziellen Katastrophe wird. Eine der klarsten Methoden ist die Bucket-Strategie.

Dabei teilst du dein Ruhestandsvermögen in getrennte – gedankliche und reale – Töpfe auf: einen für die nächsten 2–3 Jahre Lebenshaltungskosten in Cash oder kurzlaufenden Anleihen. Einen weiteren für die nächsten 5–7 Jahre in konservativeren, einkommensorientierten Anlagen. Und einen langfristigen Topf, der in Wachstumsanlagen bleibt, etwa breit gestreuten Aktienfonds.

Wenn die Märkte abstürzen, wird aus den sicheren Töpfen bezahlt – nicht aus dem riskanten.

Viele Ältere verzichten auf so eine Struktur, weil sie nach zu viel Aufwand klingt oder weil sie das Gefühl haben, für einen vorsichtigen Plan „zu spät“ dran zu sein. Realistisch ist auch: Niemand macht das jeden einzelnen Tag. Was Menschen tatsächlich tun, ist ein einmalig einfaches System aufzusetzen – oft zusammen mit einer Planerin oder einem Planer – und dann ein paar Mal pro Jahr nachzuschauen. Der grösste Fehler ist nicht, es unperfekt umzusetzen.

Der grösste Fehler ist, zu glauben, das Bauchgefühl für Risiko sei mit 65 genauso wach, schnell und treffsicher wie mit 45. Kognitiver Abbau ist schleichend. Selbstüberschätzung nicht. Ein müdes Gehirn plus volatile Märkte ist eine schlechte Kombination.

„Der Ruhestand sollte sich nicht anfühlen, als stünde man am Roulette-Tisch“, sagt die in Brooklyn ansässige Finanzplanerin Carla Méndez. „Wachstum braucht man trotzdem, weil man vielleicht noch 25 oder 30 Jahre lebt. Aber Wachstum mit Sicherheitsgurt. Die Tragödie, die ich sehe, ist, dass Menschen Casino-Risiken mit dem Geld für Lebensmittel eingehen.“

  • Halte 1–3 Jahre der Grundausgaben in Cash oder ultrsicheren Anlagen – das ist dein Stossdämpfer, wenn Märkte fallen.
  • Begrenze riskante oder spekulative Wetten auf einen kleinen, klar definierten Anteil – Geld, das du verlieren kannst, ohne dass sich dein Wohnort ändern muss.
  • Nutze einfache, kostengünstige Indexfonds als Kern des Depots – statt exotischer Produkte, die du nicht vollständig verstehst.
  • Überprüfe Entnahmen einmal pro Jahr – wenn die Märkte stark im Minus sind, erwäge, Extras zu kürzen, statt am Tiefpunkt zu verkaufen.
  • Hole eine zweite Meinung ein, bevor du mehr als 20 % deines Ruhestandsvermögens in eine einzige neue Strategie verschiebst.

Leben mit Risiko, Reue und echten Abwägungen

Ruhestandsersparnisse stehen auch deshalb unter Druck, weil die Rechnung hart ist – Wohnen, Gesundheitsversorgung und Lebensmittel sind teurer – und weil Erwartungen sich still und leise aufgebläht haben. Viele möchten, dass ihre Sechziger wie eine polierte Reiseanzeige aussehen, nicht wie ein sparsames Balance-Spiel. Wenn dann klar wird, dass die Zahlen nicht passen, wirken riskante Strategien plötzlich wie die einzige Brücke zwischen Realität und Traum.

Dieses Gefühl kennen viele: der Moment, in dem „der eine grosse Schritt“ auf einmal merkwürdig plausibel erscheint.

Finanzexpertinnen und -experten wiederholen dazu dieselbe nüchterne Wahrheit: Es gibt keine Strategie, mit der alle reich in Rente gehen, ohne dass irgendjemand echtes Risiko trägt. Jemand wird die glückliche Rentnerin sein, die die Welle perfekt erwischt hat. Und jemand anderes sitzt vor einem schrumpfenden Depot und rechnet still durch, ob der Hausverkauf notwendig wird.

Die eigentliche Frage lautet nicht: „Wie bekomme ich die höchstmögliche Rendite?“
Sondern: „Wie viel Angst und Unsicherheit bin ich in dieser Lebensphase ehrlich bereit auszuhalten?“

Darauf gibt es keine Einheitsantwort. Eine Person fährt lieber ein älteres Auto und reist weniger, um dafür eine sicherere Mischung an Anlagen zu halten. Eine andere akzeptiert heftige Marktschwankungen, um Kindern beim Eigenkapital zu helfen oder ein spätes Herzensprojekt zu finanzieren. Beides ist in Ordnung – solange das Risiko bewusst gewählt wird, mit offenen Augen, und nicht als „clevere Planung“ hineingeschmuggelt wird.

Wenn es eine stille Revolution gibt, dann diese: Mehr Seniorinnen und Senioren beginnen, tiefer nachzufragen – nach den Geschichten hinter ihrem Geld, nicht nur nach den Kurven. Dieses Gespräch – chaotisch, persönlich, gelegentlich beängstigend – könnte am Ende ihr wertvollstes Gut sein.

Kernpunkt Detail Nutzen für dich als Leserin/Leser
Riskante Ruhestandsstrategien führen zu gespaltenen Ergebnissen Derselbe aggressive Ansatz kann je nach Timing und Entnahmen eine Person wohlhabend machen und eine andere mit hohen Verlusten zurücklassen Hilft dir, dein Ergebnis als Teil eines Musters zu verstehen – nicht nur als persönlichen Erfolg oder Misserfolg
Leitplanken zählen mehr als Prognosen Safe-, moderat- und wachstumsorientierte „Buckets“ begrenzen den Schaden durch Markteinbrüche zu Beginn des Ruhestands Gibt dir einen praktischen Weg, das Notwendige zu schützen und trotzdem langfristig zu investieren
Risiko an echte Lebensabstriche koppeln Hinterfrage, wie viel Volatilität du für Lifestyle-Upgrades oder finanzielle Hilfe für die Familie ertragen willst Ermutigt Entscheidungen, die zu deinem realen Leben passen – nicht zur Vorstellung anderer vom „perfekten“ Ruhestand

FAQ:

  • Frage 1 Welche riskante Ruhestandsstrategie bereitet Expertinnen und Experten aktuell am meisten Sorgen?
  • Frage 2 Wie viel von meinem Ruhestandsvermögen kann sinnvollerweise in Aktien stecken?
  • Frage 3 Ist es zu spät, meinen Plan zu reparieren, wenn ich bereits in Rente bin und stark in riskante Anlagen investiert habe?
  • Frage 4 Sollte ich Ratschlägen aus TV, YouTube oder sozialen Medien zur Ruhestandsanlage folgen?
  • Frage 5 Wie oft sollte ich meine Ruhestandsstrategie überprüfen, um verheerende Verluste zu vermeiden?

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