Zum Inhalt springen

SuperAgers: Studie mit 231 älteren Erwachsenen findet keinen genetischen Vorteil beim Alzheimer-Risiko

Ältere Frau im Gespräch mit Arzt, Tisch mit gesundem Snack, Turnschuh und medizinischen Unterlagen im hellen Raum.

Manche Menschen erreichen Mitte 80 und erinnern sich an Wörter wie gesunde 60‑Jährige. Naheliegend war lange die Erklärung, das sei vor allem Glück in den Genen. Eine Untersuchung mit 231 älteren Erwachsenen hat diese Vermutung geprüft.

Im Test liest eine Versuchsleiterin oder ein Versuchsleiter eine Liste mit 15 nicht zusammenhängenden Wörtern vor. Danach bearbeiten die Teilnehmenden weitere Aufgaben zu Gedächtnis und Denken – eine Pause, die lang genug ist, damit bei den meisten ein Grossteil der Liste verblasst. Am Schluss folgt die entscheidende Frage: Wie viele dieser Wörter lassen sich noch abrufen?

Die meisten Menschen in ihren 80ern kommen dabei nur auf einige wenige Begriffe. Einige wenige schaffen jedoch neun oder mehr – ein Ergebnis, das in diesem Test eher zu gesunden Erwachsenen Ende 50 passt.

Emily Rogalski beschrieb diese zweite Gruppe erstmals 2008 und prägte dafür den Begriff „SuperAgers“. Offen blieb, ob sie schlicht ein geringer ausgeprägtes genetisches Risiko für die Alzheimer‑Krankheit geerbt haben.

Was macht SuperAgers anders?

„Wenn das zuträfe, könnte das Erkennen von SuperAgers so einfach sein wie ein Gentest – statt der umfassenden kognitiven Untersuchungen, die wir derzeit verwenden“, sagt Rogalski, Direktorin des Healthy Aging & Alzheimer’s Research Care (HAARC) Center an der University of Chicago.

In ihrer eigenen früheren Arbeit – mit einer kleineren Gruppe, überwiegend mit europäischer Abstammung – zeigte sich kein Unterschied. Andere Forschungsteams, die ältere Menschen mit besonders guter Kognition untersuchten, berichteten dagegen über geringere Raten der riskanten ε4‑Variante von APOE.

Deshalb überprüfte ihr Team die Frage erneut, diesmal in einem grösseren Datensatz. Rogalski teilt sich die Seniorautorenschaft mit Matt Huentelman vom Translational Genomics Research Institute (TGen), das zu City of Hope gehört. Beide Gruppen bündelten Teilnehmende aus Ann Arbor und Detroit, Atlanta, Chicago, Madison sowie London (Ontario).

Forschende verglichen die DNA von SuperAgern

Für die Analyse wurden Blutproben von 142 SuperAgern und 89 kognitiv durchschnittlichen Erwachsenen im gleichen Alter herangezogen; sie wurden zwischen 2013 und 2025 gesammelt und sequenziert. Die SuperAgers waren im Mittel 83.7 Jahre alt, die Vergleichsgruppe 84.7. Alle erreichten im standardisierten klinischen Demenzrating den Wert null – also in beiden Gruppen kein Hinweis auf Beeinträchtigungen.

Aus den genetischen Daten leiteten die Forschenden zwei Arten von Informationen ab. Erstens: APOE, die stärkste verbreitete genetische Variante, die mit dem Alzheimer‑Risiko in Verbindung steht – wobei ε4 das Risiko erhöht und ε2 meist eher schützt.

Zweitens: drei polygenische Risikoscores. Jeder dieser Scores fasst Tausende kleiner genetischer Varianten, von denen keine allein entscheidend ist, zu einer einzigen Kennzahl zusammen.

Die drei Scores stammten aus unabhängigen genomweiten Studien, veröffentlicht 2013, 2021 und 2022; eine davon basierte auf mehr als 1.1 Millionen Menschen. Zusätzlich bestimmten die Autorinnen und Autoren die genetische Abstammung der Teilnehmenden und prüften, ob sich Effekte in bestimmten Abstammungsgruppen zeigen – und in anderen nicht.

Im Kern ging es um eine einfache Frage: Sagt ein niedrig vererbtes Alzheimer‑Risiko voraus, wer am Ende ein SuperAger wird?

Alzheimer-Gene zeigten keinen Vorteil

Die Auswertung ergab keinen relevanten genetischen Vorsprung – weder über APOE, noch über einen der drei Scores, noch in einer der betrachteten Abstammungsgruppen.

Auch die Anteile unterschieden sich kaum. Rund 16% der SuperAgers trugen mindestens ein ε4‑Allel, verglichen mit 19% in der Gruppe mit durchschnittlichem Gedächtnis. Für die eher schützende ε2‑Variante lagen beide Gruppen bei ungefähr 13%.

Anschliessend verglich das Team die Gruppen Variante für Variante über die 768 Marker, die in allen drei Scores gemeinsam sind. Das stärkste, aber letztlich nicht belastbare Signal lag nahe einem Gen namens PICALM; es war nicht mehr signifikant, nachdem die Forschenden die Vielzahl gleichzeitiger Tests statistisch berücksichtigt hatten.

„Häufige genetische Risikofaktoren, die durch APOE und aktuelle polygenische Risikoscores erfasst werden, erklären den SuperAging‑Phänotyp nicht“, sagt Huentelman, Professor sowie Direktor in TGens Division für Früherkennung und Prävention.

Gefragt, was sie am meisten überrascht habe, sagte Rogalski gegenüber Earth.com, das Ergebnis sei für das Team nicht wirklich überraschend gewesen – aber es müsse durch Daten belegt werden, statt es nur anzunehmen.

„Die Genetik der Alzheimer‑Krankheit und aussergewöhnliches kognitives Altern hängen zusammen, aber sie sind nicht dasselbe“, sagt sie.

Alzheimer-Risiko ist nicht die Antwort

In dieser Studie unterscheiden sich beide Gruppen – SuperAgers ebenso wie die durchschnittlich alternden Teilnehmenden – klar von Menschen mit Alzheimer, bei denen sich dieselben Risikovarianten deutlich häufen.

Ein geringeres vererbtes Risiko scheint also dabei zu helfen, 85 zu erreichen, ohne an Demenz zu erkranken. Es erklärt jedoch nicht das „60‑Jährigen‑Gedächtnis“, wenn jemand dieses Alter erreicht hat.

Die Autorinnen und Autoren bezeichnen häufige Alzheimer‑Risikovarianten als „permissiv“ statt „determinierend“. Rogalski betont, hilfreicher sei ein Perspektivwechsel weg vom Risiko hin zu Schutzmechanismen – denn das Fehlen von Risikofaktoren sei nicht gleichbedeutend mit dem Vorhandensein dessen, was tatsächlich schützt.

Einige SuperAgers trotzten dem genetischen Risiko

Einzelne Personen illustrieren das deutlicher als jeder Gruppenmittelwert. Eine kleine Zahl von SuperAgern trug eine hohe vererbte Belastung – entweder zwei Kopien von ε4 oder einen polygenischen Score am oberen Ende – und lag mit den Gedächtniswerten dennoch im Bereich der SuperAgers.

Diese Menschen standen hier nicht im Zentrum. Die Autorinnen und Autoren halten sie aber für besonders untersuchenswert – in Anknüpfung an frühere Befunde zu seltenen Personen, die vererbter Alzheimer‑Gefährdung entgingen, obwohl sie Mutationen trugen, die eigentlich als krankheitsauslösend gelten.

Das Team suchte zudem nach drei schützenden Mutationen, die aus dieser Forschungslinie bekannt sind. Ein SuperAger trug eine Variante in einem Gen namens PLCG2, die beiden anderen Varianten fand man bei niemandem. Mit 142 SuperAgern könne eine Suche nach derart seltenen Mutationen ohnehin kaum eine klare Richtung bestätigen oder widerlegen.

Lebensstil könnte das Gedächtnis schützen

Was sollte eine besorgte ältere Leserin oder ein besorgter älterer Leser aus der Studie mitnehmen? Rogalski verweist zunächst auf Unterschiede zwischen Menschen – nicht auf Genetik als Schicksal.

„Auch wenn zunehmendes Alter der stärkste Risikofaktor für kognitiven Abbau ist, bedeutet das nicht, dass ein erheblicher Gedächtnisverlust unvermeidlich ist“, sagt sie.

Wenn ein geringes vererbtes Risiko aussergewöhnliches Gedächtnis nicht erklärt, müsse sehr wahrscheinlich etwas anderes dahinterstehen – und ein Teil davon liege vermutlich im Bereich des Beeinflussbaren.

Konkrete „Rezepte“ seien das noch nicht. Sie nennt jedoch Bereiche, für die es bislang Evidenz gibt: regelmässige körperliche Aktivität, Herz‑Kreislauf‑Gesundheit, guter Schlaf, soziale Einbindung und lebenslange geistige Arbeit.

Studie lässt zentrale Fragen offen

Die Autorinnen und Autoren benennen auch die Grenzen der Untersuchung. Bei 231 Teilnehmenden würden kleine genetische Effekte unentdeckt bleiben; die Vergleiche nach Abstammungsgruppen seien statistisch noch weniger stark.

Ausserdem wurden alle Personen nur zu einem Zeitpunkt erfasst, sodass sich nicht klären lässt, was zeitlich zuerst kam. Polygenische Scores, die überwiegend aus Daten von Menschen europäischer Abstammung gebaut wurden, übertragen sich zudem nur unvollkommen auf andere Gruppen.

In die Modelle floss ausschliesslich das vererbte Risiko ein. Gefässgesundheit, Verhalten und Alltagsgewohnheiten waren nicht Teil dieser Analyse – genau dort, so die Autorinnen und Autoren, müsse die nächste Forschung ansetzen.

Die Arbeit erschien am 23. Juli in Alzheimer’s Research & Therapy als begutachteter Kurzbericht und ist frei zugänglich. Verglichen wurden zwei Gruppen lebender Menschen zu einem einzelnen Zeitpunkt; niemand erhielt eine Behandlung.

Finanziert wurde die Studie vom National Institute on Aging und der McKnight Brain Research Foundation; Interessenkonflikte gaben die Autorinnen und Autoren nicht an.

Forschende suchen nach Gedächtnisschutz

Rogalski wurde gefragt, welche Frage ihr Team als Nächstes verfolgt.

„Diese Studie hilft, die Suche einzugrenzen, indem sie uns zeigt, wo die Antwort wahrscheinlich nicht liegt“, sagt sie.

Ihr Team kombiniert nun detaillierte kognitive Tests mit Hirnbildgebung, Blut‑Biomarkern, Genetik, Immunprofilen, Schlaf‑ und Aktivitätsmessungen, psychosozialen Kennzahlen und später auch Hirngewebe. Ziel sei es, zu verstehen, wie diese Bausteine zusammenspielen – statt einen einzelnen Faktor zu suchen, der aussergewöhnliches Gedächtnis vollständig erklärt.

„Letztlich hoffen wir, dass das Verständnis dessen, was beim Altern des Gehirns richtig läuft, mehr Menschen helfen wird, ihre kognitive Gesundheit zu erhalten, wenn sie älter werden“, sagt sie.

Die vollständige Studie erschien in der Fachzeitschrift Alzheimer’s Research & Therapy.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen