Zum Inhalt springen

Marathousa 1: 430.000 Jahre alte Holzwerkzeuge aus Griechenland verändern unser Bild von Neandertalern

Archäologe untersucht Fundstelle mit Knochen und Messwerkzeugen in sonnenbeschienener Ausgrabung.

Stell dir vor, du hältst ein Stück Holz in der Hand, das vor fast einer halben Million Jahren von jemandem gezielt in Form gebracht wurde. Genau eine solche Entdeckung haben Archäologinnen und Archäologen im Süden Griechenlands gemacht – und sie verschiebt das, was die Wissenschaft bislang über die geistigen Fähigkeiten unserer Vorfahren zu wissen glaubte.

Der Ast, der 430.000 Jahre überdauerte

Der Ausgangspunkt liegt in einer Mine mit dem Namen Marathousa 1, im Becken von Megalopolis im Süden Griechenlands. Bei Ausgrabungen zwischen 2013 und 2019 legte das Team dort 144 Holzfragmente frei, die durch den feuchten Boden und lockere Sedimente aussergewöhnlich gut konserviert waren. Zwei dieser Stücke fielen bei mikroskopischen Untersuchungen besonders auf.

Diese zwei Holzartefakte zeigten Schnittspuren, Abnutzung und innere Strukturmerkmale, die am besten damit zu erklären sind, dass sie absichtlich von menschlichen Händen bearbeitet wurden. Die Ergebnisse erschienen in der Fachzeitschrift PNAS. Demnach könnten die Objekte von frühen Neandertalern oder von Homo heidelbergensis stammen – also aus dem Mittelpleistozän, einer Phase, in der sich menschliches Verhalten nachweislich zunehmend komplexer entwickelte.

  • Geschätztes Alter: etwa 430.000 Jahre – damit die bislang ältesten identifizierten tragbaren Holzwerkzeuge
  • Fundort: Ausgrabungsstätte Marathousa 1, Becken von Megalopolis, Süden Griechenlands
  • Mögliche Hersteller: frühe Neandertaler oder Homo heidelbergensis, Arten aus dem Mittelpleistozän
  • Ergebnis der Analyse: Schnitt- und Kerbspuren an den Objekten belegen eine bewusste Formgebung
  • Bestimmte Holzarten: Erle beim grösseren Objekt, Weide oder Pappel beim kleineren – typische Arten feuchter Lebensräume

Vom griechischen Schlamm zum Rätsel neben Elefantenknochen

Das grössere der beiden Stücke ist ein schlanker Holzstab aus Erle mit etwas mehr als 80 Zentimetern Länge. Nach Einschätzung der Forschenden könnte er zum Auflockern und Bearbeiten des schlammigen Bodens gedient haben – etwa beim Sammeln oder beim Anbau von Nahrung. Gleichzeitig gibt es eine zweite, naheliegende Überlegung: Der Stab lag in unmittelbarer Nähe von Elefantenknochen, weshalb die Möglichkeit diskutiert wird, dass er auch beim Zerlegen oder Bearbeiten einer Elefantenkarasse eingesetzt wurde.

Das zweite Artefakt besteht aus Weide oder Pappel, ist nur wenige Zentimeter lang und wurde auffallend sorgfältig entrindet. Wofür es genutzt wurde, bleibt offen. Eine Idee lautet, dass es zum Nacharbeiten von Steinwerkzeugen verwendet wurde; zugleich räumt die Forscherin Katerina Harvati von der Universität Tübingen ein, sie „weiss nicht genau, wozu es diente“. Allein diese Unsicherheit zeigt, wie schwierig es ist, den Alltag von Menschen zu rekonstruieren, die vor fast einer halben Million Jahren lebten.

Die Seltenheit, die die Zeit fast auslöschte

Organische Materialien wie Holz überstehen Zeiträume dieser Grössenordnung normalerweise nicht. Dass diese Stücke erhalten blieben, verdanken sie einer ungewöhnlichen Kombination aus lockeren Sedimenten, feuchtem Milieu und genau den Bodeneigenschaften dieser Region Griechenlands – Faktoren, die zusammen beinahe ideale Bedingungen für Konservierung geschaffen haben. Ohne dieses Zusammenspiel wären die Werkzeuge schlicht vergangen, so wie es vermutlich unzähligen anderen Objekten unserer Vorfahren erging.

Was die Archäologie in der Nähe noch fand

Weitere frühe Belege für den Einsatz natürlicher Materialien

So sehr die Stäbe aus Griechenland als die ältesten bekannten tragbaren Holzwerkzeuge gelten, sind sie dennoch nicht die ältesten Holzfunde überhaupt. Im Jahr 2019 wurden in Sambia ineinandergesteckte Baumstämme entdeckt, die auf etwa 476.000 Jahre datiert werden und Teil einer sehr frühen Wohn- oder Schutzstruktur gewesen sein könnten.

Nur wenige Tage vor dieser Veröffentlichung berichtete eine weitere Studie über einen Hammer aus Elefanten- oder Mammutknochen mit einem Alter von rund 500.000 Jahren, gefunden im Süden Englands. Zusammengenommen zeichnen diese Funde ein neues Bild davon, wie ausgeprägt die Fähigkeiten früher Homininen waren – und wie gezielt sie natürliche Ressourcen in ihrer Umgebung nutzten.

Die Studie entstand in Zusammenarbeit von Annemieke Milks (Universität Reading), die die mikroskopischen Analysen der Objekte verantwortete, und Katerina Harvati (Universität Tübingen), die die Ausgrabungen am Fundplatz leitete. Die an beiden Stücken dokumentierten Schnitt- und Kerbspuren gelten als klare Hinweise auf gezielte Bearbeitung – und nicht als das zufällige Ergebnis von Ästen, die vom Baum fielen und sich „irgendwie“ so erhielten.

Was das für unser Bild der menschlichen Evolution verändert

Solche Funde stützen eine Entwicklung, auf die die Archäologie seit Jahrzehnten hinweist: Neandertaler und nahe Verwandte waren deutlich kompetenter, als man lange annahm. Pflanzliche Technologie – also Werkzeuge aus Pflanzenmaterial – spricht für Planung und Schlussfolgern, das über reine unmittelbare Nahrungs- und Gefahrenbewältigung hinausgeht. Dafür mussten passende Holzarten ausgewählt, das Material vorbereitet und daraus funktionale Gegenstände hergestellt werden.

Für viele wirkt die Tragweite fast philosophisch: Ein vor 430.000 Jahren in Griechenland zugespitzter und zugeschnittener Ast steht am Anfang einer Kette, die Jahrtausende später zu Häusern, Schiffen, Musikinstrumenten und allem führte, was Menschen aus Holz gebaut haben. Das älteste Holzwerkzeug der Welt ist in gewisser Weise unsere fernste „Grossmutter“.

Was noch unklar ist – und warum das wichtig bleibt

Vollständige Einigkeit gibt es nicht, vor allem beim kleineren Objekt. Dirk Leder, Archäologe am Institut für Kulturerbe in Niedersachsen, stellt infrage, ob es sich um ein vollständiges Artefakt handelt oder lediglich um ein Bruchstück eines grösseren Gegenstands. Diese Art von kritischer Zurückhaltung ist ein zentraler Bestandteil wissenschaftlicher Arbeit; in den kommenden Jahren dürften zusätzliche Analysen folgen. Denn Marathousa birgt noch viele Schichten, die erst ausgegraben werden müssen.

Jeder Fund dieser Art zwingt dazu, neu zu überlegen, wer wir waren, bevor wir wurden, was wir heute sind. Ein scheinbar einfacher, angespitzter und angeschnittener Ast – fast eine halbe Million Jahre im griechischen Boden bewahrt – kann mehr über die Anfänge der Menschheit erzählen, als es jedes Buch je könnte.

Wenn dich diese Geschichte zum Nachdenken gebracht hat, teile sie mit jemandem, der ebenfalls gern herausfindet, woher wir kommen.


Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen