Seit Ende Februar ist eine der bedeutendsten Öl- und Gas-Schlagadern des Planeten faktisch abgeschnitten: Durch den militärischen Druck Irans in der Straße von Hormus ist der Schiffsverkehr dort nahezu zum Stillstand gekommen. Das sorgt weltweit für Unruhe an den Energiemärkten. In Europa zeigt sich dabei eine klare Spreizung: Einige Staaten sind stark von Lieferungen aus der Golfregion abhängig, andere haben sich in den letzten Jahren deutlich robuster aufgestellt.
Warum die Straße von Hormus so heikel ist
Die schmale Meerenge zwischen Iran und der Arabischen Halbinsel gilt als zentraler Engpass im Welthandel. Ein großer Anteil der globalen Öl- und Flüssiggasexporte muss diese Passage passieren. Wenn sie blockiert ist, geraten Fahrpläne von Tankern, vertragliche Lieferketten und Preisstrukturen schnell aus dem Takt.
Rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Erdöls und ein erheblicher Anteil des Flüssiggases müssen durch Hormus – fällt diese Route weg, trifft das die Märkte mit voller Wucht.
Seit Beginn des Krieges gegen Iran Ende Februar ist der Verkehr in der Meerenge nahezu komplett eingebrochen. Eine Auswertung des Wiener Supply Chain Intelligence Institute, des Complexity Science Hub in Wien und der Universität Delft zeigt: Innerhalb Europas konzentriert sich das Risiko auf wenige Länder – und deren Verwundbarkeit unterscheidet sich deutlich.
Hauptleidtragende in Europa: Italien, Belgien, Vereinigtes Königreich
Am härtesten trifft die Lage Italien. Nach den Berechnungen bezieht das Land aus den betroffenen Golfstaaten jährlich Waren im Wert von etwa 9,8 Milliarden US-Dollar (rund 8,5 Milliarden Euro). Im Mittelpunkt steht dabei klar der Energiesektor:
- Flüssiggas aus Katar: rund 4,4 Milliarden US-Dollar jährlich
- Propan: etwa 3,2 Milliarden US-Dollar pro Jahr
Italien hat zuletzt gezielt mehr Flüssiggas importiert, um sich vom Pipeline-Gas unabhängiger zu machen. Nun wird zum Problem, dass ein großer Teil dieser Mengen über Hormus verschifft wird. Hält der Ausfall länger an, drohen Versorgungslücken und höhere Preise – sowohl für die Industrie als auch für private Haushalte.
Auch Belgien gerät unter Zugzwang. Über den Hafen Zeebrugge kommen Jahr für Jahr rund 5,8 Milliarden US-Dollar an Flüssiggas aus Katar an. Der Standort fungiert als wichtiger Knotenpunkt für Nordwesteuropa. Sinkende Anlandungen zwingen Versorger dazu, Ersatz zu beschaffen – üblicherweise zu schlechteren Konditionen.
Zusätzlich spielt Antwerpen eine Rolle: Über diesen Hafen läuft ein erheblicher Teil des Handels mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, inklusive des profitablen Diamantgeschäfts. Fallen Verbindungen aus der Golfregion aus oder verlängern sich Routen durch Umwege, steigen Transport- und Versicherungskosten. Damit geraten die Margen im Handel spürbar unter Druck.
In Summe ist laut Analyse sogar das Vereinigte Königreich am stärksten betroffen: Pro Jahr hängen 12,9 Milliarden US-Dollar an Importen aus den betroffenen Golfstaaten an der Passage durch Hormus. Davon entfallen rund 5,9 Milliarden US-Dollar auf Gasprodukte aus Katar. Dauert die Blockade länger als wenige Wochen, muss London mit merklichen Effekten auf die Energiepreise rechnen.
Deutschland und Frankreich: breiter aufgestellt, aber nicht entspannt
Im Vergleich wirkt Deutschlands Ausgangslage günstiger. Die Bundesrepublik importiert aus den betroffenen Golfstaaten jährlich Güter im Wert von etwa 5,7 Milliarden US-Dollar, also gut 4,9 Milliarden Euro. Frankreich liegt bei rund 8,1 Milliarden US-Dollar beziehungsweise etwa 7 Milliarden Euro.
Deutschland und Frankreich haben ihre Energie- und Handelsbeziehungen nach der Gaskrise breiter aufgestellt – das dämpft die Wucht der Hormus-Blockade, nimmt ihr aber nicht den Schrecken.
Für Deutschland stehen vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate im Vordergrund: Rund 4,2 Milliarden US-Dollar der Importe gehen auf dieses Land zurück. Es handelt sich dabei weniger um Rohstoffe, sondern insbesondere um:
- Schiffe und Jachten
- Industrieausrüstung
- spezialisierte Maschinen und Komponenten
Aus Katar kommen im Verhältnis deutlich kleinere Mengen – etwa 0,6 Milliarden US-Dollar pro Jahr, vor allem Propan und Spezialgase. Weil Deutschland Flüssiggas-Terminals an Nord- und Ostsee ausgebaut und langfristige Verträge mit unterschiedlichen Produzenten abgeschlossen hat, ist die Gasversorgung insgesamt breiter diversifiziert. Das reduziert das kurzfristige Risiko akuter Engpässe.
Auch Frankreich setzt seit Jahren auf einen Mix aus Pipeline-Gas, Flüssiggas aus mehreren Weltregionen sowie Strom aus Kernenergie. Dadurch ist Paris weniger direkt von den Golfstaaten abhängig – die Preisrisiken an den internationalen Märkten bleiben jedoch bestehen.
Wie lange hält die Wirtschaft das durch?
Studienautor Stefan Thurner betont, dass vor allem die Dauer der Sperre entscheidend ist. Bleibt Hormus nur über einige Wochen weitgehend unpassierbar, lassen sich Verzögerungen oft noch abfedern: Tanker können teilweise umgeleitet, Lagerbestände angezapft und Lieferungen zeitlich gestreckt werden.
Problematisch wird es, wenn die Blockade länger als vier Wochen anhält. Dann bauen sich Verzögerungen entlang der Lieferketten auf. Reedereien müssen Routen grundsätzlich neu planen, Charterraten steigen, und energieintensive Produzenten geraten durch höhere Kosten unter Druck.
| Land | Betroffene Importe pro Jahr (US-Dollar) | Schwerpunkte |
|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 12,9 Mrd. | Gasprodukte aus Katar |
| Italien | 9,8 Mrd. | Flüssiggas, Propan |
| Frankreich | 8,1 Mrd. | Breites Importportfolio |
| Deutschland | 5,7 Mrd. | Schiffe, Jachten, Industrieausrüstung |
| Belgien | 5,8 Mrd. Flüssiggas | Flüssiggas, Diamanthandel |
Politischer Druck auf Teheran wächst
Wegen der wirtschaftlichen Risiken erhöhen europäische Staaten und Partner den Druck auf Iran. Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, die Niederlande und Japan verlangen in einer gemeinsamen Erklärung ein Ende der faktischen Sperrung der Meerenge.
Teheran solle sofort damit aufhören, die Passage durch Drohgebärden, das Verlegen von Minen sowie durch Drohnen- und Raketenangriffe zu gefährden. Die Wortwahl ist auffallend deutlich; die Unterzeichner verurteilen das Vorgehen ausdrücklich.
Die beteiligten Staaten signalisieren Bereitschaft, sich aktiv am Schutz der Handelsschifffahrt zu beteiligen – notfalls mit militärischer Präsenz in der Region.
Parallel fordern die Regierungen ein umfassendes Moratorium für Angriffe auf zivile Infrastruktur, einschließlich Öl- und Gasanlagen. Damit senden sie zugleich ein Signal an weitere Akteure im Konflikt – ohne diese ausdrücklich zu benennen.
Reaktion der Energiewelt: Reserven öffnen, Produktion hochfahren
Die Internationale Energieagentur (IEA) hat bereits eine koordinierte Freigabe strategischer Ölreserven vorbereitet. Dieses Instrument wird aus früheren Krisen genutzt – etwa wenn wichtige Förderländer ausfallen oder politische Schocks die Märkte treffen.
Staaten mit großen nationalen Beständen können zusätzliche Mengen freigeben, um Preisspitzen abzuflachen. Gleichzeitig laufen Gespräche mit Förderländern, die ihre Produktion zumindest befristet erhöhen könnten. Genannt werden unter anderem Produzenten in Nordamerika, Westafrika und der Nordsee.
Für Verbraucherinnen und Verbraucher in Europa heißt das: Die Preise reagieren empfindlich, doch extreme Ausschläge lassen sich mit solchen Schritten häufig abmildern. Garantiert ist das nicht – Finanzmärkte neigen in Krisen zudem oft zu Überreaktionen.
Was die Krise über Europas Energieabhängigkeit verrät
Die aktuelle Hormus-Krise macht sichtbar, wie unterschiedlich die Staaten nach den Erfahrungen mit russischem Gas aufgestellt sind. Länder, die stark auf einen oder wenige Lieferanten setzen, zahlen nun einen höheren Preis. Wer Energieimporte breiter streut, über eigene Förderkapazitäten verfügt und auf einen Mix aus erneuerbaren Energien, Gas, Öl und Atomstrom setzt, gewinnt Handlungsspielraum.
Für Deutschland zeigt sich, dass der schnelle Ausbau der Flüssiggas-Infrastruktur, neue Lieferverträge und der gesunkene Gasverbrauch der Industrie Wirkung entfalten. Gleichzeitig bleibt die Abhängigkeit von globalen Seewegen groß: Fällt ein Nadelöhr wie Hormus aus, bekommt das auch ein vermeintlich gut abgesichertes Land zu spüren.
Zugleich rücken Begriffe wie „strategische Reserven“ und „Versorgungssicherheit“ wieder stärker in den Fokus. Strategische Ölreserven sind staatlich kontrollierte Bestände, die helfen sollen, Energiekrisen abzufedern. Versorgungssicherheit beschreibt die Fähigkeit eines Landes, selbst in Krisenzeiten ausreichend Energie und zentrale Güter zu erhalten – und zwar zu vertretbaren Preisen.
Ganz praktisch bedeutet das für Staaten: Lieferanten müssen breiter verteilt, alternative Transportwege aufgebaut, Lagerkapazitäten ausgedehnt und eigene Produktion dort erhöht werden, wo es sinnvoll ist. Die Blockade in Hormus wirkt damit wie ein Stresstest für genau diese Ansätze – und macht sichtbar, welche Länder ihre Hausaufgaben erledigt haben und welche nicht.
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