Eltern glauben oft, dass dauerndes Loben ein Kind mit unerschütterlichem Selbstvertrauen ausstattet. Bei vielen Kindern bewirkt es jedoch das Gegenteil: Sie werden zu Erwachsenen, die nach aussen sehr sicher wirken, aber stark ins Wanken geraten, sobald sie nicht mehr im Mittelpunkt stehen.
Der unsichtbare Preis des „Ausnahmekinds“
Anerkennung unterstützt Kinder dabei, zu wachsen, zu lernen und nach einem Misserfolg erneut anzusetzen. Ein freundlicher Satz oder ein stolzes Lächeln der Eltern kann sich wie ein Antrieb anfühlen. Wird Lob jedoch pausenlos verteilt, übertrieben formuliert oder fast ausschliesslich an Leistung geknüpft, formt es eine ganz bestimmte Persönlichkeitsentwicklung.
Kinder, denen unaufhörlich gesagt wird, sie seien etwas Besonderes, können zu Erwachsenen werden, die es nicht ertragen, gewöhnlich zu sein, kritisiert zu werden oder übersehen zu werden.
Psychiaterinnen und Psychiater warnen, dass starke Überhöhung in der Kindheit nicht automatisch ein stabiles Selbstwertgefühl schafft. Häufig entsteht stattdessen eine Abhängigkeit von Bewunderung. Zuneigung wird dann oft über Ergebnisse vermittelt: Noten, Aussehen, Talent, gutes Benehmen. Die Botschaft ist leise, aber wirksam: „Du bist liebenswert, wenn du glänzt.“
Mit der Zeit kann das Kind Liebe mit Beeindruckung verwechseln. Der eigene Wert fühlt sich dann an Erfolg gebunden anstatt daran, ein Mensch mit Stärken, Schwächen und Widersprüchen zu sein.
Von Lob zu Druck: wenn Erfolg zur Pflicht wird
Anfangs wirkt alles positiv: Die Eltern sind stolz, das Kind erscheint motiviert und selbstbewusst. Unter der Oberfläche wächst jedoch ein stiller Erwartungsdruck. Je stärker das Kind gefeiert wird, desto mehr glaubt es, die Messlatte dauerhaft hochhalten zu müssen.
Typischerweise zeigen sich mehrere Muster:
- Angst, zu enttäuschen, verborgen hinter einem Lächeln oder Überheblichkeit
- Fixierung auf Noten, Image oder Karrierestationen
- Schwierigkeiten, zu entspannen oder etwas „einfach zum Spass“ zu tun
- Neigung, Aufgaben zu meiden, bei denen man nicht herausragend sein könnte
Für diese Kinder fühlt sich Durchschnittlichkeit wie Versagen an. Sie versuchen nicht mehr nur ihr Bestes, sondern verteidigen einen Status: die Kluge, der Hübsche, das Wunderkind. Das Leben wird zur Bühne.
Der Makel im Erwachsenenalter: fragiler Selbstwert hinter Überlegenheit
Als Erwachsene teilen viele dieser früheren „Goldkinder“ denselben blinden Fleck: ein starkes Bedürfnis nach Bestätigung, das sich nie wirklich gestillt anfühlt. Nach aussen kann das wie echtes Selbstvertrauen wirken, manchmal sogar wie Überlegenheit. Innerlich ist es jedoch brüchig.
Wenn Bewunderung ausbleibt, fühlen sich Erwachsene, die in der Kindheit übermässig gelobt wurden, häufig verloren, gedemütigt oder heimlich leer.
Fachleute bringen dieses Muster mit narzisstischen Zügen in Verbindung. Das bedeutet nicht, dass jedes überlobte Kind später einen klinischen Narzissmus entwickelt, doch bestimmte Verhaltensweisen treten oft auf:
- ständiges Bedürfnis, gesehen oder bewundert zu werden
- heftige Reaktionen auf Kritik, selbst wenn sie fair und respektvoll ist
- Tendenz, andere verantwortlich zu machen, statt Fehler einzugestehen
- Mühe, gewöhnliche Rollen zu akzeptieren oder im Hintergrund zu bleiben
- Beziehungskonflikte durch mangelnde Empathie oder fehlendes Zuhören
Der Alltag setzt allen Grenzen: eine verpasste Beförderung, ein Partner oder eine Partnerin, die widerspricht, ein Kind, das sich querstellt, ein Projekt, das scheitert. Wer mit der Vorstellung aufgewachsen ist, „aussergewöhnlich“ zu sein, erlebt solche Situationen oft als persönlichen Angriff statt als normalen Teil des Lebens.
Wenn Scheitern unerträglich wirkt
Scheitern tut weh – für diese Erwachsenen kann es sich jedoch unerträglich anfühlen. Einen Kunden zu verlieren, eine mittelmässige Bewertung zu erhalten oder in einem Meeting übergangen zu werden, ist nicht nur frustrierend. Es erschüttert das eigene Selbstbild.
Häufig zeigen sich zwei Reaktionsformen:
- Überkompensation: bis zur Erschöpfung arbeiten, prahlen oder andere dominieren, um das Gefühl von Überlegenheit zurückzuholen.
- Rückzug: alles Riskante aufgeben, Konkurrenz meiden oder so tun, als wäre einem egal, wonach man sich insgeheim sehnt.
Darunter leiden Beziehungen. Partnerinnen und Partner haben mitunter das Gefühl, „wie auf Eiern zu laufen“, aus Angst zu kritisieren oder Grenzen zu setzen. Freundschaften können sich lösen, weil es ermüdet, ständig das Ego eines anderen stützen zu müssen. Im Berufsleben wirken solche Personen manchmal brillant, aber anstrengend.
Worin sich Überlob von gesundem Selbstwertgefühl unterscheidet
Im Kern liegt ein häufiges Missverständnis: Lob und Selbstwertgefühl sind nicht dasselbe. Lob kommt von aussen; Selbstwert entsteht von innen.
| Muster bei Überlob | Muster bei gesundem Selbstwertgefühl |
|---|---|
| „Du bist der/die Beste, du bist perfekt, du gewinnst immer.“ | „Du hast dich angestrengt, du hast daraus gelernt, ich bin stolz auf deine Mühe.“ |
| Fokus auf Ergebnis, Aussehen oder Talent. | Fokus auf Prozess, Werte, Neugier, Durchhaltevermögen. |
| Liebe fühlt sich an Bedingungen geknüpft an Erfolg. | Liebe ist spürbar, auch wenn etwas schiefgeht. |
| Scheitern bedroht die Identität. | Scheitern ist schmerzhaft, wird aber als Teil von Entwicklung gesehen. |
Gesundes Selbstwertgefühl ermöglicht den Satz: „Ich bin wertvoll, auch wenn ich Fehler mache.“ Narzisstische Muster drängen dagegen in Richtung: „Ich muss beweisen, dass ich überlegen bin – sonst bin ich nichts.“
Was Eltern jetzt sofort verändern können
Eltern müssen nicht aufhören, ihre Kinder zu loben. Es geht darum, wie und wann sie es tun. Kleine Anpassungen können einen grossen Unterschied machen, wenn ein Kind seinen inneren Wert aufbaut.
Statt ein Kind grosszuziehen, das unbedingt das Beste sein muss, ist das Ziel ein Kind, das sich auch an schlechten Tagen würdig fühlt.
Fachleute empfehlen häufig:
- Anstrengung und Strategien zu loben, nicht nur Resultate („Du bist bei diesem Puzzle wirklich drangeblieben.“)
- Fehler zu normalisieren („Beim Lernen liegt man daneben – auch Erwachsene.“)
- Interesse an Gefühlen zu zeigen, nicht nur an Leistungen
- Langeweile und durchschnittliche Leistung zuzulassen, ohne Panik oder Drama
- eigene Misserfolge zu teilen und zu erzählen, wie man damit umgegangen ist
So lernen Kinder, dass sie mehr sind als Zeugnisnoten, Medaillen oder Komplimente. Gleichzeitig sinkt das Risiko, später an einem grandiosen Selbstbild festzuklammern.
Können Erwachsene diesen Makel verlernen?
Erwachsene, die sich in dieser Beschreibung wiedererkennen, sind nicht dazu verdammt, dieselben Muster fortzusetzen. Es ist unangenehme Arbeit, aber sie ist möglich – oft mit Psychotherapie oder Coaching.
Zwei Fähigkeiten helfen besonders, die alte Kindheitsgeschichte zu lockern:
- Selbstakzeptanz: die eigenen Grenzen sehen zu lernen, ohne in Scham zusammenzubrechen.
- Realitätsprüfung: Reaktionen mit Fakten abzugleichen statt nur mit Gefühlen („Ist diese Kritik wirklich ein Angriff oder hilfreiche Rückmeldung?“).
Therapeutinnen und Therapeuten regen manchmal an, „gewöhnliche“ Erfahrungen bewusst zu üben: in einer Gruppe mitmachen, in der man nicht der Star ist; ein Projekt abschliessen, das vielleicht nie gelobt wird; in Gesprächen mehr zuhören als reden. Solche Übungen stellen behutsam den Glaubenssatz infrage, dass Wert gleich Brillanz sei.
Ein einfaches Beispiel, um den Wandel zu verstehen
Stellen Sie sich zwei Kolleginnen oder Kollegen vor, die beide in einem Mitarbeitergespräch kritisiert werden.
Die erste Person, die mit ausgewogener Ermutigung aufgewachsen ist, ist verletzt, stellt aber Fragen, passt ihre Arbeit an und macht weiter. Das Selbstbild gerät ins Wanken, zerbricht jedoch nicht.
Die zweite Person, die ständig bewundert wurde, fühlt sich tief beleidigt. Sie greift vielleicht die Führungskraft an, kündigt impulsiv oder kreist wochenlang um die Bewertung. Die Kritik hat eine alte, rohe Stelle getroffen: die Angst, nicht mehr besonders zu sein.
Der Unterschied liegt weniger in der Kritik selbst als in der Geschichte, die beide als Kinder über ihren eigenen Wert gelernt haben.
Begriffe, die häufig durcheinandergeraten
Narzisstische Züge bedeuten nicht automatisch eine vollständige narzisstische Persönlichkeitsstörung. Viele Menschen zeigen einzelne Züge: Probleme mit Kritik, das Bedürfnis zu beeindrucken oder die Tendenz, Gespräche auf sich zu ziehen – vor allem, wenn sie ängstlich oder unsicher sind.
Selbstwertgefühl beschreibt, wie sehr eine Person sich selbst respektiert und wertschätzt – auch wenn niemand zusieht. Ein stabiles Selbstwertgefühl braucht keinen dauernden Beweis von aussen. Es kann mit Bescheidenheit, Selbstzweifeln und der Fähigkeit zusammengehen, über eigene Schwächen zu lachen.
Wer den Abstand zwischen diesen beiden Ideen versteht, kann als Elternteil, Lehrkraft oder als erwachsener Mensch mit Überlob-Erfahrung andere Entscheidungen treffen. Weniger Glitzer an der Oberfläche, mehr Stabilität darunter: Genau das brauchen viele ehemalige „Ausnahmekinder“ im Stillen.
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