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Welfare-Footprint-Framework zeigt: Regenbogenforellen leiden bis zu 25 Minuten beim Ersticken an der Luft

Person hält frisch gefangenen Fisch über dem Wasser an einem Holzsteg bei Sonnenuntergang.

Jedes Jahr werden mehr als zwei Billionen Wild- und Zuchtfische getötet, um Menschen zu ernähren. Ihr Sterben bleibt häufig unsichtbar. Dabei gilt unter der Wasseroberfläche eine grundlegende biologische Realität: Fische können leiden.

Regenbogenforellen, eine weltweit gezüchtete und verzehrte Art, erleben beim Töten durch Ersticken an der Luft nicht nur den Tod – sondern eine lang anhaltende und starke Form von Stress und Schmerz.

Eine neue in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlichte Studie macht dieses Leid messbarer und zeigt zugleich einen Weg auf, es zu verringern.

Fischschmerz braucht bessere Messmethoden

Im Gegensatz zu Umweltfolgen oder Risiken für die öffentliche Gesundheit gibt es für Tierleid keinen allgemein anerkannten Standardwert. Es fehlen Vergleichsgrössen wie CO₂-Fussabdrücke oder verlorene Lebensjahre. Um diese Lücke zu schliessen, entwickelten Forschende das Welfare-Footprint-Framework (WFF).

Mit diesem Ansatz wird Schmerz in Minuten erfasst, sodass sich Wohlergehensfolgen zwischen Arten und Haltungs- bzw. Tötungsbedingungen vergleichbar machen lassen. Das Team nutzte die Methode für die Schlachtung von Forellen – in einem Bereich, in dem die Luft-Exposition weiterhin verbreitet ist.

Werden Fische aus dem Wasser gehoben, setzt ein langsamer und hochbelastender Abstieg ein: Die Kiemen fallen zusammen. Die Tiere schnappen panisch nach Luft. Die Blutwerte geraten aus dem Gleichgewicht. Sauerstoff nimmt ab, während Kohlendioxid ansteigt.

Diese körperlichen Prozesse laufen weiter, während der Fisch sich noch bewegt, nach Luft ringt und leidet – teils bis zu 25 Minuten.

Fische leiden bis zu 25 Minuten

Die Forschenden gliederten das Leiden der Regenbogenforelle in vier zeitliche Abschnitte. Diese reichen vom Alarmzustand beim Herausnehmen aus dem Wasser bis zur abschliessenden Dämpfung der Hirnaktivität unmittelbar vor der Bewusstlosigkeit.

Auf Basis von Verhaltensbeobachtungen sowie neurologischen und pharmakologischen Hinweisen schätzte das Team, dass eine durchschnittliche Forelle etwa zehn Minuten Schmerz erträgt, der als verletzend, beeinträchtigend oder qualvoll einzustufen ist.

Unter bestimmten Bedingungen kann sich diese Phase auf über 20 Minuten ausdehnen. Auf das Gewicht umgerechnet entspricht das 24 Minuten eines solchen Schmerzes pro Kilogramm (etwa 11 Minuten pro Pfund) getöteten Fischs.

Um den Zeitpunkt der Bewusstlosigkeit zu bestimmen, nutzte das Team neurophysiologische Kennwerte wie EEG-Signale und den Verlust von Reflexen. Zusätzlich werteten sie aus, wie Fische auf CO₂, pH-Ungleichgewichte, Muskelerschöpfung und angstfördernde Reize reagieren.

Für jedes Schmerzniveau galten definierte Kriterien – von leichter Irritation bis hin zur vollständigen Störung grundlegender Funktionen.

Aktuelle Methoden führen zu schmerzhaften Toden

Das Ersticken an der Luft ist in vielen Regionen der Welt weiterhin zulässig und gängige Praxis. Schnell oder schmerzarm ist es jedoch nicht. Das Kühlen auf Eis oder das Töten in Eisbrei wirkt zwar auf den ersten Blick schonender, doch bei kälteangepassten Arten wie der Forelle verlangsamt es vor allem den Stoffwechsel.

Dadurch kann sich der Eintritt der Bewusstlosigkeit noch weiter verzögern – was das Leiden zusätzlich verlängert. Zudem birgt die Eisexposition Risiken wie Gewebeschäden, Kälteschock und anhaltende Angst.

Die Auswertung macht ausserdem deutlich: Leid beginnt nicht zwingend erst im Moment der Tötung. Häufig setzt es deutlich früher ein.

Enge Besatzdichten, Transport und das Handling tragen zum kumulierten Schmerz bei. Solche Belastungen vor der Schlachtung können körperliche Verletzungen verursachen und stundenlangen Stress auslösen – werden in Vorschriften jedoch meist kaum berücksichtigt.

Betäubung kann das Leiden von Fischen verringern

Untersucht wurden zwei Betäubungsarten: elektrische und perkutante Betäubung. Bei korrekter Anwendung könnte elektrische Betäubung pro investiertem Dollar 60 bis 1,200 Minuten Leiden verhindern. Damit zählt sie zu den kosteneffektivsten bekannten Massnahmen im Bereich Tierwohl.

In der Praxis ist die Umsetzung jedoch uneinheitlich. In vielen kommerziellen Betrieben gelingt es bei der elektrischen Betäubung nicht zuverlässig, Fische bewusstlos zu machen. Ungünstige Elektrodenpositionen, zu geringe Spannung oder defekte Geräte können die möglichen Vorteile deutlich schmälern.

Die perkutante Betäubung – ein gezielter Schlag auf den Kopf – zeigte unter Laborbedingungen eine höhere Verlässlichkeit. Eine breite Skalierung ist jedoch schwierig.

Die Fische unterscheiden sich in ihrer Grösse, die Technik muss exakt eingestellt sein, und Ermüdung beim Personal senkt die Trefferqualität. Schon kleine Fehler können dazu führen, dass die Tiere bei der anschliessenden Entblutung noch bei Bewusstsein sind.

Neue Sprache für Tierschmerz

Die Stärke des Welfare-Footprint-Framework liegt in der Nachvollziehbarkeit. Statt Schmerz starr zu etikettieren, arbeitet das Modell mit Wahrscheinlichkeiten.

Wenn Fachleute beispielsweise von einer 40%igen Wahrscheinlichkeit ausgehen, dass der Schmerz beeinträchtigend ist, und von einer 40%igen Wahrscheinlichkeit, dass er qualvoll ist, werden beide Anteile im Rahmen berücksichtigt.

So bleibt das Modell flexibel und bildet Unsicherheit in der Realität besser ab. Schmerz – ähnlich wie Emotion – variiert zwischen Individuen. Selbst bei gleichen Bedingungen können manche Fische stärker leiden als andere.

„Das Welfare Footprint Framework bietet einen strengen und transparenten, evidenzbasierten Ansatz zur Messung des Tierwohls und ermöglicht fundierte Entscheidungen darüber, wo Ressourcen für die grösste Wirkung eingesetzt werden sollten“, erklärte Dr. Wladimir Alonso vom Welfare Footprint Institute.

Der Ansatz ähnelt Verfahren aus der öffentlichen Gesundheit oder Umweltwissenschaft. So wie man verlorene Lebensjahre durch Krankheiten beziffert, lässt sich nun auch über eingesparte Minuten Leid sprechen.

Folgen für Politik und Menschen

Die Schlachtung nimmt im Leben eines Tieres nur Minuten ein – diese Minuten können jedoch extrem schmerzhaft sein. Im Vergleich zu langfristigen Reformen in der Produktion sind Verbesserungen beim Schlachtprozess leichter umsetzbar und betreffen Milliarden von Individuen.

Die Autorinnen und Autoren der Studie argumentieren, dass Investitionen in bessere Betäubungstechnik und in Schulungen des Personals enorme Wohlergehensgewinne ermöglichen.

Für politische Entscheidungsträger liefert die Arbeit eine wissenschaftliche Grundlage, um veraltete Praktiken zu modernisieren. Zertifizierungsprogramme könnten Mindeststandards für die Betäubungswirksamkeit anhand realer Schmerzdaten festlegen.

Regierungen können dies nutzen, um Gesetze zur humanen Schlachtung zu gestalten. Und Verbraucherinnen und Verbraucher erhalten eine neue Perspektive darauf, was letztlich auf dem Teller landet.

Auch andere Fische leiden

Obwohl sich diese Untersuchung auf Regenbogenforellen konzentrierte, sind die zugrunde liegenden Stresspfade – Sauerstoffmangel, Azidose, Stoffwechselversagen – bei vielen Fischarten ähnlich. Damit lässt sich das Welfare-Footprint-Framework grundsätzlich übertragen.

Lachs, Wels, Wolfsbarsch, Tilapia – sie alle können bei Luft-Exposition vergleichbar leiden. Dennoch braucht jede Art eigene, spezifische Datensätze.

Einige Arten verkraften niedrige Sauerstoffwerte besser. Andere reagieren womöglich stärker auf Eis. Künftige Forschung muss diese Vielfalt systematisch einbeziehen.

Fischleid beenden

Die Welt beginnt erst, die Empfindungsfähigkeit von Fischen wirklich ernst zu nehmen. Über Jahrzehnte hinweg wurde ihr Schmerz bestritten oder übersehen. Die Wissenschaft lässt diese Haltung heute nicht mehr zu.

Angesichts von jährlich getöteten Billionen Fischen können selbst kleine Verbesserungen eine enorme Wirkung entfalten.

Das WFF quantifiziert nicht nur Schmerz, sondern schafft eine evidenzbasierte Sprache für Empathie. Damit können Behörden, Erzeuger und Konsumentinnen und Konsumenten den Aufwand von Veränderungen gegen den Nutzen abwägen.

Und vielleicht am wichtigsten: Das Framework anerkennt, was Fische die ganze Zeit erlebt haben – ein Leiden, das wahrgenommen und reduziert werden sollte.

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