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Washington 1925: Frederick August Moss und das 60-Stunden-Experiment gegen den Schlaf

Junge Frau sitzt an einem Schreibtisch, schreibt auf einem Klemmbrett in einem altmodischen Zimmer mit Bett und Schultafel.

In einem turbulenten Sommer in Washington geriet ausgerechnet der Akt des Schlafens ins Visier – als wissenschaftliches wie kulturelles Prüfobjekt.

Während qualmende Fabriken die Zeit prägten und Elektrizität die Städte neu formte, fand ein Professor, es sei an der Zeit, eine beinahe heilige Grenze auszutesten: Braucht der Mensch Schlaf wirklich?

Ein Labor in Washington gegen die Gewohnheit des Schlafens

Es war der Sommer 1925 in Washington. In den Gängen der George Washington University vertrat der Psychologieprofessor Frederick August Moss eine provokante These: Schlaf sei vor allem ein ererbtes Verhalten, eine Verschwendung von einem Drittel des Lebens. Seiner Ansicht nach könnten trainierte Menschen den Schlaf nahezu abschaffen – und so zusätzliche Stunden für Produktivität gewinnen.

Um seine Idee zu untermauern, holte Moss sieben freiwillige Studierende in sein Labor im Stadtteil Foggy Bottom. Das Ziel liess sich schnell erklären, war aber schwer durchzuhalten: 60 Stunden am Stück wach bleiben. Zweieinhalb Tage, ohne wirklich die Augen zu schliessen – unter permanenter Beobachtung.

Das Experiment sollte eine unbequeme Frage klären: Ist Schlaf eine biologische Notwendigkeit oder nur eine kulturelle Krücke?

In einer Zeit, die Geschwindigkeit und Effizienz idealisierte, traf das Vorhaben einen Nerv. In den USA wurde das hohe Tempo der Fabriken gefeiert, das Auto eroberte die Strassen, und Figuren wie Thomas Edison galten als Ikonen unermüdlicher Hingabe. Edison rühmte sich, nur vier Stunden pro Nacht zu schlafen. Moss wollte zeigen, dass ein solcher Rhythmus zur Regel werden könne – nicht zur Ausnahme.

Die sieben Freiwilligen und ein Wochenende ohne Bett

Die Teilnehmenden waren jung, gesund und wissbegierig. Dazu gehörten Thelma Hunt (damals 22) sowie ihre Kommilitonin Louise Omwake. Keine von beiden ahnte, dass dieses Wochenende später zu einem markanten Punkt in ihren psychologischen Laufbahnen werden würde.

Der Ablauf war improvisiert und zugleich sorgfältig. Um nicht wegzunicken, wechselten die Studierenden zwischen mehreren Beschäftigungen:

  • lange Gespräche im Labor, um das Denken anzuregen;
  • Autofahrten durch das ländliche Virginia, mit geöffneten Fenstern und Wind im Gesicht;
  • spontan organisierte Baseballpartien, damit der Körper in Bewegung blieb;
  • kurze Tests und praktische Aufgaben unter den Augen des Professors.

Zwischen zwei Kaffees setzte Moss Gedächtnis-, Rechen- und Denktests an. Er stoppte Reflexe, leitete Aufmerksamkeitsübungen und liess feinmotorische Aufgaben erledigen – etwa ein Auto einzuparken, ohne den Bordstein zu berühren. Mit jeder weiteren Stunde wurden die Ergebnisse schlechter.

Die Leistungen sanken, die Fehler häuften sich – und trotzdem brach niemand zusammen. Für Moss klang das nach einem Erfolg: Der Körper hielt mehr aus, als es den Anschein hatte.

Für den Professor bedeutete es, dass Schlaf zumindest teilweise umgangen werden könne, wenn Gewohnheit, Training und Willenskraft stimmten. Doch die Forschung bewegte sich nicht geschlossen in diese Richtung.

Der Gegensatz zu anderer Forschung über Schlafentzug

Ebenfalls 1925 veröffentlichte ein Labor der University of Chicago deutlich abweichende Befunde. In diesen Versuchen kamen die Forschenden zu dem Schluss, dass weniger Schlaf die Gesundheit stark beeinträchtigt – ohne verlässliche Abkürzung. Jede Strategie, den Körper zu „überlisten“, ging demnach mit körperlichen und mentalen Nachteilen einher.

Diese Resultate passten zu einem Konsens, der gerade an Gewicht gewann: Wer an der Schlafmenge dreht, greift in grundlegende Gehirnprozesse ein. Weniger Erholung zeigte sich in instabiler Stimmung, Gedächtnislücken, schlechterem Urteilsvermögen und physiologischen Veränderungen.

Jahrzehnt Vorherrschende Idee über Schlaf Heutige Sicht der Wissenschaft
1920 Schlaf als Gewohnheit, durch Training reduzierbar Hypothese gilt als vereinfachend und biologisch nicht tragfähig
1950 Anerkennung von Schlafzyklen und klar unterscheidbaren Phasen Grundlage, um die reparative und kognitive Funktion des Schlafs zu verstehen
Heute Fokus auf Qualität, Dauer und Regelmässigkeit des Schlafs Schlaf wird als Gesundheitsfaktor verstanden, der so relevant ist wie Ernährung

Eine entscheidende Bestätigung folgte Jahrzehnte später – wiederum aus Chicago. In den 1950er-Jahren identifizierten Nathaniel Kleitman und Eugene Aserinsky Schlafzyklen und den sogenannten REM-Schlaf, gekennzeichnet durch schnelle Augenbewegungen und starke Gehirnaktivität. Seitdem gilt der nächtliche Schlaf nicht mehr als simples „Abschalten“, sondern als aktiver, komplexer Zustand.

In der Nacht ordnet das Gehirn Erinnerungen, stärkt neuronale Verbindungen und reguliert Hormone, die mit Appetit, Stress und Stimmung zusammenhängen.

Wenn Produktivität zur Obsession gegen den Schlaf wird

Aus heutiger Perspektive wirkt das Experiment von 1925 fast wie eine Metapher für die moderne Fixierung auf Leistung. In dem Washingtoner Labor waren bereits Gedanken angelegt, die heute in Unternehmens-Selbsthilfe und Produktivitätsrhetorik kursieren: mehr arbeiten, weniger schlafen, jede Minute „optimieren“.

Aktuelle Forschung zeichnet jedoch ein anderes Bild. Langfristig erhöhen kurze Nächte und zerstückelter Schlaf:

  • das Risiko für Typ-2-Diabetes durch eine Störung der Glukoseregulation;
  • die Wahrscheinlichkeit von Gewichtszunahme, weil Hunger- und Sättigungshormone verändert werden;
  • die Anfälligkeit des Immunsystems;
  • die Wahrscheinlichkeit für Depressionen und Angststörungen;
  • das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Studien mit grossen Bevölkerungsgruppen zeigen ausserdem ein auffälliges Muster: Sowohl Menschen, die wenig schlafen, als auch jene, die sehr viel schlafen, tauchen häufiger in Statistiken zu Erkrankungen und Sterblichkeit auf. Trägt man Schlafstunden gegen Gesundheitsindikatoren auf, ergibt sich oft eine U-Form.

Das heisst nicht, dass „zu viel Schlaf“ Krankheiten unmittelbar verursacht. Häufiger ist ein ungewöhnlich langer Schlaf ein Hinweis auf eine zugrunde liegende Problematik – etwa Schlafapnoe, Depressionen, Stoffwechselstörungen oder chronische Entzündungen.

Vom Labor 1925 zur heutigen „Schlafhygiene“

Damals sollte bewiesen werden, dass Schlaf verzichtbar sei; heute liegt der Schwerpunkt darauf, wie erholsam dieser Schlaf ist. Dafür hat sich sogar ein Fachbegriff etabliert: „Schlafhygiene“. Gemeint ist ein Bündel von Gewohnheiten, die stabile Nächte begünstigen.

Zu den Empfehlungen, die Forschende besonders häufig nennen, gehören:

  • relativ feste Zeiten zum Einschlafen und Aufstehen – auch am Wochenende;
  • grelles Licht und Bildschirme mindestens 30 bis 60 Minuten vor dem Zubettgehen reduzieren;
  • sehr üppige Mahlzeiten spät am Abend vermeiden;
  • das Schlafzimmer dunkel, ruhig und leicht kühl halten;
  • das Bett nur mit Schlaf und Intimität verknüpfen und dort nicht arbeiten.

Ging es 1925 darum, wie weit der Körper ohne Schlaf durchhält, lautet die Frage heute: Welche Bedingungen brauchen wir, damit Schlaf gut gelingt?

Die übersehenen Figuren: die Studentinnen, die später Massstäbe setzten

In der kuriosen Geschichte des Schlafentzugs gehen zwei Schlüsselpersonen leicht unter: Thelma Hunt und Louise Omwake. Die beiden jungen Frauen, die 60 Stunden wach blieben, bauten später bemerkenswerte Karrieren in der Psychologie auf.

Hunt wurde zu einer Pionierin der Bildungsforschung und der psychologischen Diagnostik. Omwake stieg zur Leiterin des Psychologie-Departments derselben Universität auf. In einem Feld, das von Männern dominiert war, schufen beide Raum für Frauen in der akademischen Forschung – zu einer Zeit, in der schon die Teilnahme an einem Experiment ein Akt der Selbstbehauptung sein konnte.

Das gibt dem Ereignis von 1925 eine zusätzliche Dimension. Die Studie war nicht nur ein radikaler Test des Schlafs, sondern auch ein Moment, in dem junge Forscherinnen im Zentrum einer Disziplin in Bewegung sichtbar wurden.

Warum 60 Stunden ohne Schlaf den Körper so stark treffen

Wer sich fragt, was konkret passiert, wenn jemand 60 Stunden wach bleibt, erhält von der heutigen Forschung ein relativ klares Bild. In einem solchen Zustand treten häufig auf:

  • starke Reizbarkeit und abrupte Stimmungsschwankungen;
  • ein deutlicher Einbruch der anhaltenden Aufmerksamkeit;
  • banale Fehler bei einfachen Tätigkeiten, etwa beim Fahren oder Tippen;
  • Mikroschlaf – Sekunden-„Aussetzer“, sogar mit offenen Augen;
  • Probleme, neue Erinnerungen zu festigen;
  • mehr Impulsivität, also Entscheidungen ohne ausreichendes Abwägen.

In extremen und lang anhaltenden Fällen können auch Halluzinationen entstehen. Dem Schlaf beraubt, beginnt das Gehirn, Erinnerungen, Reize von aussen und Vorstellungskraft zu vermischen. Nicht ohne Grund behandeln viele Rechtsordnungen übermüdete Fahrerinnen und Fahrer ähnlich wie Menschen am Steuer unter Alkoholeinfluss.

Für alle, die in Schichtarbeit, in medizinischen Diensten, mit nächtlichen Nebenjobs oder in langen Lernphasen leben, ist das ein Warnsignal. Solche Effekte beschränken sich nicht auf radikale Laborsituationen – sie entstehen auch durch kleine Schlafschulden, die sich Woche für Woche aufbauen.

Was diese Geschichte noch über unser Verhältnis zur Erholung lehrt

Das Experiment von 1925 zeigt, wie stark Schlaf kulturell gedeutet wird. In manchen beruflichen Milieus gilt viel Schlaf noch immer als Schwäche oder mangelnder Ehrgeiz. Die Wissenschaft hat sich jedoch in die entgegengesetzte Richtung entwickelt.

Hätte sich Moss’ Logik durchgesetzt, wäre ein plausibles Ergebnis eine Gesellschaft, die endlose Arbeitszeiten und minimale Erholung normalisiert. Digitale Plattformen, 24-Stunden-Lieferdienste, permanentes Remote-Arbeiten – all das würde sich schnell an ein Ideal dauernder Wachheit anpassen. Die gesundheitlichen Kosten wären jedoch enorm: mehr Arbeitsunfälle, mehr familiäre Konflikte und stille Epidemien aus Depression und Burnout.

Begriffe wie „Schlafschuld“, „Chronotyp“ und „sozialer Jetlag“ gehören inzwischen zum Wortschatz von Laboren und Kliniken. Schlafschuld beschreibt die Summe der Stunden, die der Körper „hätte schlafen sollen“, aber nicht bekommen hat. Chronotyp meint die natürliche Neigung, morgens oder abends aktiver zu sein. Sozialer Jetlag entsteht, wenn vorgegebene Abläufe – etwa feste Arbeitszeiten – dauerhaft mit dieser inneren Uhr kollidieren.

Der Blick zurück auf die Studierenden, die 60 Stunden wach blieben, verschiebt die Perspektive: Es geht nicht nur darum, wie viele Stunden man aus der Nacht herausschneiden kann, sondern auch darum, welches Leben man akzeptiert, wenn Erholung zur Tauschware wird.


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