Eine Hitzewelle macht nicht nur schlapp und sorgt für miserable Tage. Für Menschen mit einem vorgeschädigten oder besonders empfindlichen Herzen kann extreme Wärme direkt in einen medizinischen Notfall münden.
Genau diese Verbindung zwischen Wetter und Herz-Kreislauf-System steht im Mittelpunkt eines neuen wissenschaftlichen Statements der American Heart Association.
Veröffentlicht in der Fachzeitschrift Circulation beschreibt es, wie extreme Hitze und Kälte das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle, Herzinsuffizienz und den plötzlichen Herztod erhöhen.
Temperatur treibt herzbedingte Todesfälle
Der menschliche Körper funktioniert am zuverlässigsten in einem engen Temperaturfenster. Gerät man nach oben oder nach unten zu weit aus diesem Bereich, wird das Herz-Kreislauf-System stärker belastet.
Weltweit lassen sich rund 9.4 percent aller Todesfälle mit nicht optimalen Temperaturen in Verbindung bringen. Dabei geht es um beide Extreme – und das Muster zeigt sich in sehr unterschiedlichen Ländern und Klimazonen.
Wie Hitze das Herz-Kreislauf-System belastet
An heissen Tagen versucht der Körper, Wärme loszuwerden: Er erweitert die Blutgefässe und kühlt über Schwitzen. Diese Thermoregulation hat jedoch ihren Preis.
Der Blutdruck sinkt, der Flüssigkeitshaushalt gerät leichter ins Minus, und das Herz muss schneller schlagen sowie kräftiger pumpen, um die Versorgung aufrechtzuerhalten. Bei bestehender Herzerkrankung kann genau diese zusätzliche Last den Auslöser für einen Herzinfarkt darstellen.
Komplizierter wird es durch Medikamente. Wirkstoffe wie Diuretika fördern zusätzliche Wasserverluste – und verstärken damit die Belastung in einem Moment, in dem das Herz besonders wenig Spielraum hat.
Wie stark die Effekte ausfallen können, zeigen Daten aus der Forschung: Eine Übersichtsarbeit mit mehr als 400 Studien fand, dass pro 1°C (1.8°F) Anstieg der Körperkerntemperatur die Herzfrequenz um 26 Schläge pro Minute zunimmt und das Herzzeitvolumen um einen ganzen Liter pro Minute steigt.
Kälte bringt eigene Gefahren
Bei Kälte kehrt sich die Reaktion des Körpers um. Blutgefässe ziehen sich zusammen, der Blutdruck steigt, und das Blut wird zähflüssiger sowie schwerer durch den Kreislauf zu bewegen.
Das erklärt, weshalb Schneeschaufeln für ein alterndes Herz so riskant sein kann: Starke körperliche Anstrengung trifft auf einen Organismus, der durch die Kälte ohnehin schon unter erhöhtem Druck arbeitet.
Die Belastung verschiebt sich
Über weite Teile der aufgezeichneten Geschichte gingen mehr herzbedingte Todesfälle auf Kälte als auf Hitze zurück. In einer Studie aus 32 countries wurde Kälte mit 8.2 percent der kardiovaskulären Todesfälle verknüpft, während Hitze bei 0.7 percent lag.
Ein zentraler Grund ist die Häufigkeit: Kalte Tage treten deutlich öfter auf, sodass sich die Todesfälle summieren – auch wenn ein einzelner Tag mit extremer Hitze pro Tag ein höheres Risiko mit sich bringt.
Laut dem Bericht verschiebt sich dieses Verhältnis nun. Hitzeereignisse nehmen an Häufigkeit, Intensität und Dauer zu, und der erwartete Rückgang kältebedingter Todesfälle könnte nicht ausreichen, um den Anstieg hitzebedingter Todesfälle auszugleichen.
Schon 2024 war das heisseste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen; die globale Durchschnittstemperatur lag bei 1.5°C (2.7°F) über dem vorindustriellen Ausgangswert.
„As heatwaves increase, we need coordinated action in research, clinical practice and policy to understand how we can keep people safe,“ sagte Dr. Arnab Ghosh, Associate Professor of Medicine an der Weill Cornell Medicine, der den Politikteil des Berichts leitete.
Manche Menschen tragen ein höheres Risiko
Ganz oben auf der Risikoliste stehen ältere Erwachsene, weil mit dem Alter die Fähigkeit nachlässt, die eigene Körpertemperatur wirksam zu regulieren.
Auch Schwangere, Säuglinge, Menschen, die im Freien arbeiten, und Personen mit niedrigem Einkommen sind stärker gefährdet.
Oft entscheidet nicht nur die Biologie, sondern ebenso der Wohnort: Quartiere mit wenig Schatten, wenigen Bäumen und ohne Klimaanlagen speichern Wärme – und setzen die Bewohnerinnen und Bewohner besonders stark aus.
Medikamente werfen schwierige Fragen auf
Eine der heikelsten Wissenslücken liegt ausgerechnet in der klinischen Praxis. Bis heute ist unklar, wie stark Hitze beeinflusst, wie gängige Herzmedikamente im Körper wirken.
„When it’s a hundred degrees outside, should I be adjusting my patients’ medications? Right now, we just don’t know,“ sagte Dr. Ghosh.
Das Gesundheitswesen trägt zur Erwärmung bei
In diesem Zusammenhang gibt es eine unbequeme Ironie: Das Gesundheitssystem, das Herzkrankheiten behandelt, ist selbst ein bedeutender Verursacher von Emissionen.
In den Vereinigten Staaten verursacht das Gesundheitswesen etwa 8.5 percent der Treibhausgasemissionen des Landes. Von der Energie für MRT-Geräte bis zu den Narkosegasen im Operationssaal entstehen Emissionen, die den Planeten weiter aufheizen.
Ärztinnen und Ärzte können einen Teil reduzieren, indem weniger unnötige Tests angeordnet und weniger Einwegmaterialien eingesetzt werden. Doch ohne Patientinnen und Patienten zu gefährden, sind die Einsparmöglichkeiten begrenzt.
Mehr Telemedizin-Termine könnten ebenfalls helfen, weil dadurch Emissionen entfallen, die durch An- und Abreise zu Terminen entstehen.
„We need a fundamentally different system that still delivers the same health benefits but is also good for the planet,“ sagte er.
Kühlere Städte, sicherere Herzen
Städte können das Risiko durch bessere Planung senken. Bezahlbare Energie erleichtert es Menschen, ihre Klimaanlage zu nutzen, und Kühlzentren bieten jenen einen Zufluchtsort, die zu Hause keine Möglichkeit zum Abkühlen haben.
Auch Bäume tragen zur Abkühlung von Städten bei. Dr. Ghosh veröffentlichte dazu kürzlich eine Arbeit in Nature Communications – mit Fokus darauf, wie sie am wirksamsten eingesetzt werden.
Entscheidend ist demnach nicht nur, die Zahl der Bäume zu erhöhen. Wirksam wird es, wenn dichte, miteinander verbundene Kronendächer dort entstehen, wo Menschen tatsächlich Zeit verbringen: nahe an Wohnungen, Strassen und öffentlichen Räumen.
Handeln vor der nächsten Welle
Die Autorinnen und Autoren machen deutlich, dass es sich nicht um ein fernes Zukunftsrisiko handelt. Die Gefahr ist bereits Realität – sichtbar an den Klinikaufnahmen, die während jeder Hitzewelle ansteigen.
„Heat is a problem now; we can’t wait,“ sagte Dr. Ghosh. „We need more tools and creative solutions for protecting people.“
Für ein Risiko, das lange als normales Hintergrundwetter abgetan wurde, könnte sich die tägliche Wettervorhersage als eine der wichtigeren Gesundheitsanzeigen erweisen, die wir haben.
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