Eine neue Studie zeigt, dass Menschen auf Zypern bereits vor rund 3.500 Jahren Tauben hielten und fütterten.
Statt die wilden Felsentauben, aus denen die heutigen Stadttauben hervorgegangen sind, nur als gelegentliche Aas- und Abfallfresser zu dulden, behandelten die Bewohner sie offenbar wie betreute Nutztiere.
Knochen aus einer bronzezeitlichen Hafenstadt deuten darauf hin, dass die Tauben nahezu dieselbe Nahrung zu sich nahmen wie die Menschen, die neben ihnen lebten.
Damit rückt der Beginn der Domestikation der Taube um fast 1.000 Jahre weiter in die Vergangenheit – also deutlich vor jene steinernen Nisttürme, die lange als erster belastbarer Beleg galten.
Zugleich wirft die Arbeit ein anderes Licht auf einen Vogel, der heute von Simsen und Fensterbänken verjagt wird: In der frühen Alltagsgeschichte des Menschen könnte er zu den ersten Tieren gehört haben, die in unmittelbare Nähe zum Menschen rückten.
Alte Knochen neu gelesen
Neu sind die Knochenfunde nicht. Sie stammen aus Hala Sultan Tekke, einer Hafenstadt der Spätbronzezeit an der südöstlichen Küste Zyperns. Der Ort wurde durch Seehandel wohlhabend, bis er um 1200 v. Chr. zerstört und aufgegeben wurde.
Bereits vor Jahrzehnten förderten Ausgräber aus den Ruinen eine grosse Menge Vogelknochen zutage. Der Bestand bestand überwiegend aus Enten und anderem Wassergeflügel – passend zu einer Stadt an einer Küstenlagune und an einer stark frequentierten Zugroute.
Eine Art fiel jedoch besonders auf: Nach dem Wassergeflügel war die Taube der am häufigsten vertretene Vogel.
Verändert hat sich die Auswertung. Ein Team um Anderson L. Carter, Bioarchäologe an der University of Groningen (UG), nahm 183 dieser Knochen erneut unter die Lupe – mit Methoden, die den ersten Ausgräbern damals nicht zur Verfügung standen.
Die Forschenden vermassen die Knochen, ordneten die Tiere nach Altersstufen ein und suchten nach Schnittspuren, Brandspuren sowie nach Nagespuren von Nagetieren. Unter den Funden befanden sich auch Knochen von Nestlingen und flüggen Jungvögeln, die über mehrere Bereiche der Fundstelle verteilt waren.
Dass so junge Tiere vorkommen, die nicht selbständig hätten zufliegen können, spricht dafür, dass die Tauben innerhalb der Stadt brüteten – und nicht bloss auf den Gebäuden rasteten.
Wovon sich die Tauben ernährten
Um zu verstehen, wie die Tiere lebten, nutzte das Team chemische Signale im Knochen. Stabile Isotope von Kohlenstoff und Stickstoff speichern Hinweise darauf, was ein Tier regelmässig frass; ihre Verhältnisse verschieben sich mit jeder Stufe in der Nahrungskette.
Für die Analyse wurde das Kollagen an das Royal Netherlands Institute for Sea Research (NIOZ) gegeben. Die Stickstoffwerte fielen hoch aus.
Sie lagen deutlich über den Werten von Aasfressern wie den Hunden und Füchsen der Fundstelle und lagen fast auf dem Niveau der Werte, die von bronzezeitlichen Menschen auf der Insel bekannt sind.
Diese menschlichen Vergleichsdaten stammen allerdings von anderen zyprischen Fundplätzen und nicht direkt aus Hala Sultan Tekke – die Übereinstimmung ist daher eher ein Hinweis als ein Beweis. Zugleich zeigte sich noch ein zweites, aufschlussreiches Merkmal der Ernährung.
Vögel mit auffallend gleichmässiger Nahrung
Bemerkenswert war nämlich, wie konstant die Werte waren. Als die Forschenden betrachteten, wie stark die Isotopenwerte zwischen einzelnen Individuen schwankten, lagen die Tauben enger beieinander als alle anderen untersuchten Tiere.
Ihre Streuung war sogar geringer als bei den Menschen und beim eng betreuten Rind.
Eine schmale, stabile Ernährungsbasis gilt als typisches Kennzeichen von Tieren, die eingepfercht, gezielt gefüttert oder anderweitig versorgt werden.
Gerade diese Gleichförmigkeit – mehr noch als die Grösse der Knochen – deutet darauf hin, dass die Tauben unter menschlicher Kontrolle standen.
Eine ältere Domestikation
Den Zeitpunkt zu bestimmen, ab wann Tauben „domestisch“ wurden, ist seit jeher schwierig. Wilde und domestizierte Felsentauben besitzen nahezu identische Skelette, und die Körpergrösse taugt nur begrenzt als Indikator.
So zeigte eine Studie, dass Tauben, die in einem byzantinischen Wüstendorf gehalten wurden, ungefähr die gleiche Grösse behielten wie ihre wilden Verwandten.
In anderen Siedlungen dagegen wurden betreute Schwärme deutlich grösser.
Darum stützte sich der klarste Nachweis bislang meist auf Architektur. Taubentürme – speziell errichtete steinerne Nistbauten, die aus dem ersten Jahrtausend v. Chr. erhalten sind – gelten als klassisches Erkennungszeichen.
Die bislang ältesten Knochen, die weithin als eindeutig domestisch anerkannt sind, stammen aus dem hellenistischen Griechenland, nur wenige Jahrhunderte vor Beginn unserer Zeitrechnung.
Ein langsamer Weg ins Zusammenleben
Die Tiere aus Zypern rücken betreute Tauben deutlich weiter zurück in der Zeit. Ihre Knochenchemie legt nahe, dass die Tauben spätestens um 1400 v. Chr. zumindest halbdomestiziert waren – also ungefähr 1.000 Jahre vor jenen griechischen Türmen.
Die Vögel seien zu diesem Zeitpunkt bereits domestiziert gewesen oder zumindest auf dem Weg dahin, sagte Canan Çakırlar, die Senior-Autorin der Studie.
Das passe zu einem allmählichen, wenig erzwungenen Übergang in die Nähe des Menschen – und nicht zu einem einzigen, klaren „Zähmungsmoment“.
Auch andere Befundlinien weisen in diese Richtung. Genetische Untersuchungen an lebenden Tauben sowie an Museumsexemplaren deuten darauf hin, dass Haustauben aus mindestens einem Domestikationsereignis im Nahen Osten hervorgingen.
Die zeitliche Einordnung dieses Ereignisses fällt in dieselbe grobe Periode, in der Menschen im bronzezeitlichen Zypern die Vögel vermutlich fütterten und betreuten.
Tauben waren mehr als nur Nahrung
Viele der Tauben von Zypern wurden offenbar nicht einfach gegessen und dann vergessen. Die grösste Ansammlung – Dutzende Tiere – fand sich in einem einzigen Raum zusammen mit verbrannten Knochen anderer Tiere.
Zudem tauchten Taubenmotive auf importierter Keramik, auf Goldblatt und auf einem grossen Steintisch auf, der an einen Altar erinnert. Die Ausgräber interpretierten den Raum als Schauplatz ritueller Festmahle.
Das fügt sich zu einer Insel, die später mit Aphrodite verbunden wurde – der Liebesgöttin, der nachgesagt wurde, Tauben zu bevorzugen.
Ausserdem wurden auf Zypern seit Jahrhunderten Vogelfiguren hergestellt, und Festessen hatten dort gesellschaftliche und religiöse Bedeutung; teils waren sie Bestandteil von Bestattungsriten.
Eine uralte Beziehung
Die Verbindung reicht nahezu unvorstellbar weit zurück.
In den Höhlen von Gibraltar fingen und assen Neandertaler Felsentauben einer Studie zufolge bereits vor mindestens 67.000 Jahren – lange bevor Menschen Städte bauten oder Landwirtschaft betrieben.
Was die neue Arbeit zusätzlich liefert, ist ein direkter chemischer Nachweis – nicht nur Figürchen oder verfallene Türme –, dass Tauben und Menschen auf Zypern spätestens um 1400 v. Chr. Nahrung und Lebensraum teilten.
Damit stellt die Forschung das moderne Bild der Taube als kaum mehr als städtischer Schädling infrage. Dieses Image entstand erst vergleichsweise spät, mit dem Wachstum dicht gedrängter industrieller Grossstädte.
„Ihre Geschichte ist auch unsere Geschichte“, sagte Carter. Aus den Knochen von Hala Sultan Tekke gelesen, reicht diese Geschichte deutlich weiter zurück, als bislang angenommen wurde.
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